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Erfolgreich scheitern: Fehler machen und daraus lernen

Unternehmer machen Fehler. Das ist unvermeidlich. Aber die Guten schaffen es, daraus zu lernen. Deshalb ist es so wichtig, über Misserfolge zu reden. Zum Beispiel bei einer sogenannten Fuckup-Night auf großer Bühne.

Der Saal tobt – Pfiffe, Rufe, Standing Ovations. Als Stefan Gerth die Bühne der Fuckup Nights Ruhr betritt, begrüßen die 200 Gäste den 35-Jährigen fast wie einen Rockstar. Der Grund, aus dem Gerth an diesem Abend das Rampenlicht sucht, ist allerdings wenig glamourös: Der Gründer erzählt von seinem Scheitern.

Dazu braucht er nur ein Mikro, etwas Licht und zwei LED-Bildschirme. Sie stehen rechts und links der Bühne, damit die Zuschauer das Schreiben vom Landgericht Hamburg auch wirklich sehen können. Die Unterlassungserklärung, die Gerth das Geschäft verdorben hat.

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Als Zweiter betritt Robert Schmidt zu lauten Beats die Bühne. Auch er ist 35 Jahre alt und auch für ihn spenden die Zuschauer im Stehen Applaus. Schmidt erzählt vom Niedergang seines Browserspiels Campokickers. Die Bildschirme zeigen die Geschichte als Achterbahnfahrt – ein Auf und Ab mit vielen Stationen: „Ab geht’s!“ „Party!“ „Kohle?!“ Nach „Campo kaputt?“ geht es kontinuierlich bergab.

Dass Anna Yona bei den Fuckup Nights Ruhr auf der Bühne stand, ist schon eine Weile her. Aber auch sie konnte eine Menge präsentieren: Dutzende Fotos verfärbter Kinderschuhe. Als diese per E-Mail im Büro ihres Schuh-Startups Wildling Shoes in Gummersbach eintrudelten, kam die Erkenntnis: Bei der Produktion muss etwas schiefgelaufen sein. Das Geld aus der zuvor erfolgreich abgeschlossenen Crowdfunding-Kampagne war weg.

1.500 Geschichten übers Scheitern

Der Dortmunder Unternehmer Gunnar Terrahe hat dafür gesorgt, dass die Fuckup Nights ins Ruhrgebiet kommen. Die Idee, auf großer Bühne über das eigene Scheitern zu sprechen, entstand 2012 in Mexiko. Sie fand großen Zuspruch: Bislang hörten sich weltweit knapp 200.000 Teilnehmer mehr als 1.500 Fuckups an.

Terrahe organisierte die erste Veranstaltung dieser Art im Jahr 2015 in Dortmund zusammen mit sechs weiteren Veranstaltern. Das Ziel: sich mit anderen Gründern vernetzen. „Wir haben uns auf den klassischen Gründerveranstaltungen damals nicht wiedergefunden und wollten ein neues, jüngeres Konzept starten, bei dem mehr Gleichgesinnte kommen.

Das Thema Fuckup provozierte aus unserer Sicht genug, um auch entsprechend Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Auch Terrahe stand schon auf der Bühne und berichtete dort vom Ende seines Online-Flohmarktes Fleasy.

Gerth, Schmidt, Yona und auch Veranstalter Terrahe – allesamt Gründer, die auf völlig unterschiedliche Misserfolge zurückblicken. Gerth, der gleich zwei Mal den Namen seines Weinfestivals wegen Markenrechtsstreitigkeiten ändern musste und dabei jedes Mal Geld und Bekanntheit verlor. Schmidt, der sein Browserspiel Campokickers vermarkten und bekannt machen wollte – mit einem Team, in dem niemand Ahnung davon hatte.

Yona, deren erste Schuhproduktion scheiterte, weil sie in letzter Sekunde einen Klebstoff durch ein umweltfreundlicheres Produkt ersetzte. Und Terrahe, der mit seinem Partner so lange an einem Businessplan für Fleasy schrieb, dass die Chance an ihnen vorbeizog, schnell genug einen Investor zu finden.

Mehr Mut zum Risiko

So verschieden ihre Fehlschläge auch sind, eines haben die vier Gründer gemein: Sie sehen Misserfolge anders als viele Deutsche. Die Angst davor, etwas in den Sand zu setzen, ist weit verbreitet – und verhindert florierendes Gründertum. Das RKW Kompetenzzentrum und die Leibniz Universität Hannover haben herausgefunden, dass 42 Prozent der Deutschen aus Angst vor dem Scheitern nicht gründen würden.

Mit Blick aufs Unternehmertum gilt hierzulande also: Bloß nichts riskieren. Doch Erfolg ohne Risiko – geht das eigentlich? Die australische Bestseller-Autorin Margie Warrell sagt Nein. Ihre Bücher tragen Titel wie „Stop playing safe“, Schluss mit Nummer sicher, und „Find your courage“, Ihr Weg zum Mut.

Warrells Botschaft: Hören Sie niemals auf, Misserfolge zu riskieren. Die Misserfolgsgeschichten prominenter Unternehmer geben ihr recht: Walt Disney wurde einst mit der Begründung gefeuert, er habe zu wenig Fantasie. Steven Spielberg wurde in jungen Jahren drei Mal von einer Universität abgelehnt. Und Henry Ford hatte vor der Ford Motor Company bereits ein Autounternehmen gegründet, das scheiterte.

» Gar nicht zu handeln, aus Angst, etwas falsch zu machen – das ist der größte Fehler. «
Andreas Kuckertz, Universität Hohenheim

Scheitern und späterer Erfolg schließen sich also keinesfalls aus. Andreas Kuckertz bringt es seinen Studenten sogar bei. Der Professor für Unternehmensgründungen und Unternehmertum (Entrepreneurship) der Universität Hohenheim sagt: „Der ganze Prozess einer Unternehmensgründung ist eine Serie von Rückschlägen.“

Um Unsicherheit zu steuern, sei man in der Startup-Szene dazu übergegangen, weniger große Pläne zu schmieden, einfach auszuprobieren und Verfahren ständig anzupassen. Agiles Arbeiten in kurzen, sich wiederholenden Zyklen also. Kuckertz geht aber noch weiter.

Während die Ideen aus der Software-Entwicklung, bei der das permanente Einbeziehen von Learnings eine große Rolle spielt, auch für reifere Unternehmen an Reiz gewinnen, fordert er auch auf gesellschaftlicher Ebene ein Umdenken. „Aus Angst, etwas falsch zu machen, handelt man lieber gar nicht. Und das ist der größte Fehler. Wir brauchen eine Kultur der zweiten Chance, um das zu ändern.“

Eine solche Kultur wird bei den Fuckup Nights gelebt. Doch was ist aus Gerth, Schmidt, Yona und Veranstalter Terrahe geworden? Haben sie aus ihren Fehlern gelernt? Gab es eine zweite Chance für sie?

Lernen steht im Vordergrund

Auf der Bühne muss Gerth lachen. Denn auch das passiert an diesen Abenden: Sie helfen dabei, Fehlschläge mit dem nötigen Abstand zu betrachten. „Es war schon Dummheit“, sagt er. Denn nachdem er per einstweiliger Verfügung dazu gezwungen worden war, vier Wochen vor einer Veranstaltung deren Namen zu ändern und somit Plakate und alles, was dazugehört, in teuren Expressverfahren neu zu produzieren, gab es nach dem Event noch einmal Post.

Zwar keine einstweilige Verfügung diesmal, aber trotzdem deutlich. „Im Grunde stand dort: ‚Sie nutzen meine Marke und das finde ich nicht gut‘. Der Fehler war: In der Hektik vor der Veranstaltung hatten wir keine umfangreiche Markenrecherche betrieben.“ Der Name musste also ein drittes Mal geändert werden.

Auch Schmidt machen die Fehlschläge von Campokickers nicht mehr zu schaffen. Der Abend, an dem er zum ersten Mal von seiner Niederlage berichtete, brachte ihn dazu, das Ende des Browserspiels zu akzeptieren. Jetzt ist der Abstand da und das Lernen steht im Vordergrund: „Gründet nie ein Unternehmen mit einem homogenen Team“, mahnt er seine Zuschauer. „Und eine Finanzierung, die nur für drei Monate reicht, ist auch nicht ratsam.“

Auch Yona hat aus ihrem Fehlschlag gelernt. Stolz erzählt die Unternehmerin am Telefon, dass sie mittlerweile 50 Mitarbeiter hat und gerade einen Gründerpreis gewann. „Ich würde heute mit Sicherheit umfangreichere Tests machen, bevor ich Hunderte Schuhe fertigen lasse“, sagt sie. Yona sieht aber auch, was sie richtig gemacht hat: „Wir haben den Teilnehmern der Crowdfunding-Kampagne ehrlich gesagt, was Sache ist, und ihnen verschiedene Lösungen angeboten.“

Die Kunden, die im Zuge der Kampagne die Schuhe bereits im Vorfeld bezahlt hatten, konnten entscheiden, ob sie ihr Paar trotzdem abnehmen oder lieber einen Rabatt auf ein neues Paar in Anspruch nehmen wollten. „Der Aufschrei, den ich gefürchtet hatte, blieb aus. Die meisten zeigten viel Verständnis für unsere Situation.“

Während Terrahes Projekt Fleasy zwar mittlerweile eingestellt ist, läuft seine Online-Marketing-Agentur Team2Digital umso besser. Erfolg hat er auch mit seinen Veranstaltungen: Die Fuckup Night im Oberhausener Kulturzentrum Altenberg war Tage vorher ausverkauft.

 

Fehler machen, aber richtig

Ein vorwärts gerichteter Umgang mit Fehlern hilft beim Lernen. Bestseller-Autorin Margie Warrell rät:

Schnell scheitern. „Investieren Sie nicht weiter in ein Projekt, nur weil sie schon viel Zeit und Geld hineingesteckt haben. Ziehen Sie so schnell wie möglich die Reißleine, damit der entstandene Schaden nicht noch größer wird.“
Nicht persönlich nehmen. Wer einen Fehler macht, ist noch lange kein Versager. Ein Misserfolg bedeutet: „Jemand hat etwas im besten Wissen getan und das hat nicht zum gewünschten Resultat geführt. Fertig“, sagt Warrell. Es besteht kein Zusammenhang mit der Person des Handelnden.
Mutig bleiben. Auf Nummer sicher zu gehen, kann sich eine Zeit lang gut anfühlen. Auf lange Sicht birgt das aber ein hohes Risiko, ist Warrell überzeugt: „Wenn wir uns nicht ständig herausfordern, über unsere Grenzen zu gehen, wird unser Horizont langsam schrumpfen.“
Mit Netz und doppeltem Boden. Rückschläge sind leichter zu verkraften, wennman finanziell nicht alles auf eine Karte setzt. Andreas Kuckertz empfiehlt außerdem, schon zu Beginn eines Projekts klarzustellen:

✪    Wie viel Zeit will ich investieren?
✪    Wie hoch ist das Budget?
✪    Stichwort Bootstrapping: Was ist mir das Projekt wert? Welche Opfer bin ich bereit zu bringen?
✪    Wann cancele ich das Projekt, wenn sich der Erfolg nicht einstellt?


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