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Führung: Maximaler Freiraum für Mitarbeiter

Nicht die Strategie bringt ein Unternehmen nach vorn, sondern die Mitarbeiter. Nach dieser Devise steuert Andreas Nusko den Zeitarbeitsdienstleister Franz & Wach in Crailsheim. Er führt, aber verzichtet komplett auf Vorgaben. Der Lohn: Das Unternehmen fährt seit Jahren ein deutlich zweistelliges Umsatzplus ein und beansprucht in seiner Branche die Position des Wachstums-Champions.

Andreas Nusko hat den Knoten gelöst. „Vor ein paar Jahren wäre ich eher gestorben, als ohne Krawatte hier zu sitzen“, sagt er. Ein „relativ konservativer Dienstleister“ sei sein Arbeitgeber Franz & Wach gewesen, der Schlips bei jedem Termin Pflicht.

Inzwischen verzichtet Nusko, wann immer es möglich ist, auf das förmliche Kleidungsstück, „es sei denn, der Kunde erwartet es“. Der offene Kragen steht sinnbildlich für den Wandel im Betrieb, den er seit Jahren vorantreibt.

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Wie ein Startup soll das Unternehmen operieren, jeder Mitarbeiter ein kleiner Unternehmer im Dienste des großen Ganzen. Ein forderndes und immer wieder auch mühsames Unterfangen. Der Erfolg bestätigt den Kurs von Geschäftsführer Nusko: Mit einem Plus von 14,6 Prozent ist Franz & Wach 2017 zweieinhalb mal so stark gewachsen wie die Top-Unternehmen der Branche im Schnitt.

Auch um mehr als 35 Prozent hat Franz & Wach in den vergangenen Jahren schon zugelegt. Der Umsatz von zuletzt 86 Millionen Euro bedeutet Platz 25 in der Branche – dabei ist der Zeitarbeitsspezialist erst seit Mitte der 1990er-Jahre am Markt.

Es war keine Krise, die Franz & Wach dazu veranlasste, die eigene Personalführung auf den Kopf zu stellen. Im Gegenteil. Selbst 2008, im Jahr des globalen Abschwungs, sei das Unternehmen nicht geschrumpft, sagt der 43-jährige Nusko.

Dabei treffen wirtschaftliche Einbrüche die Zeitarbeitsfirmen normalerweise besonders früh und hart. Doch als sich die deutsche Wirtschaft insgesamt noch gegen den Abwärtstrend stemmte, ging es in Crailsheim bereits bergauf: „Im Frühjahr 2009 waren unsere Bücher schon wieder voll“, so Nusko.

Von der Pflege über den Automobilsektor bis hin zur Logistik vermittelt das Unternehmen mit seinen 21 Filialen Beschäftigte auf Zeit. „Die Firmen brauchen die Flexibilität“, sagt Nusko. „Und viele unserer Kräfte sind zuvor arbeitslos und schaffen den Wiedereinstieg.“ Auch für Flüchtlinge sei die Zeitarbeit wichtig, um Fuß zu fassen auf dem Arbeitsmarkt – fast 18.000 gelang das 2017 laut Bundesagentur für Arbeit auf diesem Weg.

Schwerpunkt von Franz & Wach ist Süddeutschland, doch auch in Bremen, Berlin, Leipzig und Duisburg ist der Dienstleister vor Ort. Zu den Kunden zählen der Maschinenbauer Wittenstein und der Bauspezialist Knauf.

Alles auf dem Prüfstand

Trotz erfolgreicher Expansion beschloss Nusko gemeinsam mit dem Firmengründer und Inhaber Gerhard Wach, die Führungsprinzipien auf den Prüfstand zu stellen. „Wir hatten eine Größe erreicht, bei der wir Gefahr liefen, uns selbst im Weg zu stehen“, sagt er. Ein Berater kam ins Haus, analysierte Stärken, Schwächen und Risiken – und gab strategische Empfehlungen.

Was andere Firmenlenker dankbar annehmen, reichte Wach und Nusko nicht. „Das war ein rein betriebswirtschaftliches Vorgehen“, sagt der Geschäftsführer. „Aber es ist nicht die Strategie, die uns nach vorne bringt, sondern jeder einzelne Mitarbeiter. Da mussten wir was ändern.“ Empowerment der Beschäftigten lautet das neue Leitbild bei Franz & Wach, es soll „das Startup-Feeling zurückbringen“.

» Als Betriebswirt habe ich den Impuls, Zielvorgaben zu setzen. Doch die Praxis zeigt: Planung – da rät man im Grunde ja alles, das ist nicht reell. «
Andreas Nusko, Franz & Wach

In der Praxis heißt das ganz radikal: „Die Mitarbeiter können alles frei entscheiden.“ Ob in der Zentrale oder vor Ort bei der Vermittlung von Arbeitskräften: „Sie sollen unternehmerisch denken und handeln“, sagt der Geschäftsführer. Beispiel Vertrieb: „Es gibt keine operativen Vorschriften, wann, wie und wo die Mitarbeiter tätig werden.“

Arbeitszeiten? Können die Beschäftigten heute selbst bestimmen. Sogar Urlaub dürfen sie nehmen, wann und wie viel sie wollen. Einzige Bedingung: Die Filiale muss immer besetzt sein. „Die Leute sollen Spaß haben, wie ein Unternehmer auch“, sagt Nusko. Zudem verlange das Zeitarbeitsgeschäft oft kurzfristiges Handeln – starre Arbeitszeiten können dies blockieren.

Freiheit ohne Laissez-faire

Aber kann ein Unternehmen funktionieren, wenn völlige Freiheit herrscht? „Es ist ja kein Laissez-faire“, erläutert der Firmenleiter. „Leistung muss gebracht werden.“ Doch die etablierten Maßstäbe für Erfolg sieht Nusko als überholt an.

Auch leistungsabhängige Boni gibt es bei Franz & Wach nicht mehr: „Die können faktisch nicht gerecht sein.“ Schon die Frage, wer wie stark zum Erfolg beiträgt und damit wie viel Zusatzgeld erhält, sei praktisch nicht zu beantworten.Wie viel leistet der Key Account, der den Auftrag beim Kunden gewinnt? Und welchen Anteil hat der Filialleiter, der den Auftrag umsetzt?

Und was ist mit dem Disponenten, der dafür zuständig ist, dass das Personal vor Ort ist? Nicht zu vergessen die Leute in der Zentrale, die sich um IT oder Buchhaltung kümmern. „Wir ziehen alle am gleichen Strang, und das weiß heute jeder“, sagt Nusko. Tatsächlich gibt es einen Jahresbonus – doch jeder der 200 internen Beschäftigten erhält exakt denselben Betrag: vom Auszubildenden bis zum Geschäftsführer.

» Es ist nicht die Strategie, die uns nach vorne bringt. Sondern jeder einzelne Mitarbeiter. «
Andreas Nusko, Franz & Wach

Zusammen mit dem alten Bonussystem hat Franz & Wach auch die fixe Budgetplanung für die einzelnen Filialen über Bord geworfen. „Die ist immer verkehrt, denn die Zukunft ist unsicher“, sagt Nusko. Zudem werde die Marktentwicklung – auch regional – nicht berücksichtigt: „Wächst der Markt um 30 Prozent, können fünf Prozent schwach sein“, sagt Nusko. „Stagniert der Markt, sind fünf Prozent dagegen super.“ Die Mitarbeiter in den Filialen könnten eigenständig Preise platzieren, „sie können sich auch von Kunden trennen“, erklärt Nusko.

Der hohe Entscheidungsspielraum für die Leute vor Ort heißt aber auch: Wer alles darf, hat keine Ausrede, wenn es nicht läuft. Und was geschieht, wenn der Erfolg in einer Niederlassung ausbleibt? „Dann ist der Markt gegen uns. Wenn zum Beispiel viele Unternehmen in der Region schon Rahmenverträge mit Konkurrenten haben.

Oder es sind die falschen Personen am Werk. Beides können wir nur bedingt ändern“, so Nusko. Wenn es gar nicht läuft, macht Franz & Wach einen Standort auch mal dicht – zuletzt im September 2017 in Karlsruhe geschehen. „Wir haben es dort weit über ein Jahr lang versucht, viele Gespräche geführt. Wir probieren lange, bevor wir die Reißleine ziehen.“

Planung ist selten praktikabel

Der Vorteil des Geschäftsführers bei der Umsetzung des neuen Führungsstils: Er kennt den Betrieb selbst von der Pike auf. Seit 2004 ist Nusko im Unternehmen – er fing als Personaldisponent im 50 Kilometer nördlich von Crailsheim gelegenen Bad Mergentheim an, wo er bis heute mit Frau und zwei Kindern wohnt. Schon im Jahr darauf übernahm Nusko die Leitung der dortigen Filiale.

Seit 2010 ist er Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung und übernahm 2015 die Geschäftsführung. „Als Betriebswirt habe ich schon den Impuls, Zielvorgaben zu setzen“, räumt er ein. „Doch die Praxis zeigt, dass das alles nur Scharade ist. Planung – da rät man im Grunde ja alles, das ist nicht reell. Man beschäftigt sich nur mit sich selbst und verschwendet in klassischen Prozessen Energie.“

Die Energie soll gewinnbringend freigesetzt werden. Gemeinsam mit den Kollegen vor Ort klopft Nusko einzelne Arbeitsschritte darauf ab, ob sie tatsächlich zum gewünschten Ergebnis führen. Kalkulationsvorgaben etwa erwiesen sich als viel zu eng. „Vertriebler haben bei Preisen oft nur einen kleinen Spielraum“, erläutert Nusko. „Wollen sie davon abweichen, benötigen sie eine Freigabe aus der hierarchisch höheren Ebene. Nur – das kann dauern.“

Eine Gefahr ist, dass sich der mögliche Kunde schon für die Konkurrenz entschieden hat, bis das Okay von oben für ein Angebot gekommen ist. „Wir schaffen Freiheiten dafür, dass ein Mitarbeiter Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt trifft.“

Volle Rückendeckung beim Abbau der internen Planwirtschaft erhält Nusko von Gründer und Inhaber Gerhard Wach: „Ich unterstütze die Umsetzung tatkräftig, wo immer es mir möglich ist.“ Es sei wichtig, die Zeichen der Zeit zu erkennen: „Dazu gehört, dass die jungen Generationen der Arbeitnehmer mit den alten Führungsmodellen nichts mehr anfangen können.“

Das von Nusko und Wach entwickelte Modell wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem B2B-Service-Award der Marktforscher Lünendonk & Hossenfelder. In einer Studie des Instituts für Management-Diagnostik in Hamburg siegte das Unternehmen in der Kategorie „Fairness am Arbeitsplatz“.

New Work im Neubau

Auch räumlich steht der Umbruch an. Bislang lag die Zentrale von Franz & Wach direkt im Zentrum der 35.000-Einwohner-Stadt Crailsheim. „Wir machen uns an die Arbeit“, heißt es auf einer Wand im Besprechungsraum. Die Einrichtung ist praktisch: ein quadratisches Zimmer mit einem einfachen Tisch in der Mitte – dazu die nötige Konferenz-Elektronik.

Neben der Tür grüßt der Franz-&-Wach-Kalender. Andreas Nusko verzichtet auch an seinem Arbeitsplatz auf Repräsentatives. Ein schlichter brauner Schreibtisch, der zur Wand hin gerade genug Platz zum Sitzen lässt. Jeder Quadratmeter wird genutzt: Direkt gegenüber sitzt Nuskos Assistentin. „Die Tür ist immer offen“, sagt der Geschäftsführer.

Vier verwinkelte Etagen belegt das Unternehmen – und passt längst nicht mehr in das Gebäude hinein. Die Buchhaltung wurde ausgelagert. Beschwerlich die langen Wege, die regelmäßig über mehrere Treppen führen. Ein neues Gebäude in gewünschter Dimension steht schon bereit, errichtet auf der grünen Wiese in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Ein schnittiger Bau aus Beton mit bodentiefen Glasfassaden.

Optische Machtdemonstrationen des Managements wird es auch hier nicht geben: Das gesamte Büro ist – abgesehen von wenigen Konferenzflächen – offen gestaltet. „Ich werde direkt mit meinen Kollegen zusammensitzen“, sagt Nusko. Kurze Wege sind wichtig, um wendig zu bleiben und auch abseits des Kerngeschäfts Ideen voranzutreiben.

So hat Franz & Wach im vergangenen Oktober die Recruiting-App Omnium auf den Markt gebracht. Mehr Macht für den Kandidaten, lautet das Versprechen. Interviews mit Personalverantwortlichen werden ohne Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse arrangiert. „Das sind alles Zeitfresser“, sagt Nusko.

Bewerber müssen in der App nur fünf Angaben machen: Tätigkeit, Ort, Gehaltsvorstellung, Schulabschluss, Berufsabschluss. Dann werden sie automatisch mit Firmen zusammengebracht, die auf Mitarbeitersuche sind und Interview-Slots einbuchen. Die Unternehmen erhalten allein die E-Mail-Adresse des Kandidaten – Name, Geschlecht oder Alter sind zunächst anonym.

Personaldienstleister bleiben bei Omnium außen vor – die eigene Branche wurde laut Nusko bewusst ausgeklammert: „Es würde dem Kerngedanken widersprechen, wenn der Kandidat den Arbeitgeber aus zweiter Hand vorgestellt bekäme.“ Bürokratische Hürden abbauen, Beweglichkeit schaffen – das gilt auch außerhalb des eigenen Betriebs. „Die Entwicklung darf nie aufhören“, sagt Nusko.

 

Meilensteine von Franz & Wach

1996: Jürgen Franz und Gerhard Wach gründen das nach ihnen benannte Zeitarbeitsunternehmen in München.
1998/1999: Gerhard Wach geht eigene Wege und eröffnet Filialen in Crailsheim, Schwäbisch Hall und Öhringen als erster Anbieter in der Region – der Firmenname Franz & Wach bleibt.
2003: Aufbau eines ersten Büros im Werk eines Kunden – ein sogenanntes On-Site Office.
2006: Abschluss des ersten Master-Vendor-Vertrags – dabei koordiniert Franz & Wach verschiedene Personaldienstleister.
2009: Die Wirtschaftskrise übersteht Franz & Wach fast unbeschadet und kann rasch zulegen.
2013/2015: Franz & Wach ist Wachstumsführer der Branche.
2016: Der Sprung unter die 25 umsatzstärksten Personaldienstleister in Deutschland gelingt.
2018: Das Unternehmen unterhält 21 Niederlassungen in ganz Deutschland.
2019: Umzug ins neue Firmengebäude am Stadtrand von Crailsheim.


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Kommentare

  1. Hallo,

    als fast langjährige Mitarbeiterin (8 Jahre) kann ich der Strategie von Andreas Nusko zustimmen. Als Anmerkung: “Die offene Kommunikation sollte, wie auch praktiziert, immer im Vordergrund stehen”.

    Antworten

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