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Der Brexit naht: So bereiten sich KMU darauf vor

Der bevorstehende Brexit verunsichert die Wirtschaft, vor allem die Aussicht auf einen ungeregelten EU-Austritt Großbritanniens. Klar ist nur: Deutsche Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen ins Vereinigte Königreich müssen sich auf Veränderungen einstellen. Noch haben sie für wichtige Vorbereitungen wenige Wochen Zeit.

Für sich persönlich hat Nicholas Matten bereits im Sommer 2016 vorgesorgt – direkt nach dem Referendum, in dem fast 52 Prozent der britischen Wähler für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union gestimmt hatten. „Ich habe mich damals so über meine Landsleute geärgert, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe“, sagt er. Matten ist gebürtiger Brite, lebt und arbeitet aber seit mehr als 20 Jahren in Deutschland und ist seit August 2016 Geschäftsführer von Stiebel Eltron.

Der Mittelständler aus Holzminden entwickelt und produziert seit 1924 Haustechnik für Warmwasser, Wärme, Lüftung und Kühlung. Längst ist die Gruppe mit rund 3.700 Mitarbeitern weltweit aktiv – und exportiert auch nach Großbritannien. Insofern sieht Matten die Lage in London auch als Unternehmer durchaus kritisch.

» Wir stufen die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit als sehr hoch ein. «

Nicholas Matten, Stiebel Eltron

Nur noch wenige Wochen bis zum Brexit – und noch immer tappen alle Beteiligten im Dunkeln. Das britische Parlament verweigert bisher seine Zustimmung zum ausgehandelten Austrittsvertrag, die EU wiederum macht wenig Anstalten, noch einmal nachzuverhandeln. Umso präsenter steht die Frage im Raum, ob Großbritannien die EU in der Nacht vom 29. auf den 30. März auf geordnete Art und Weise verlassen wird. Oder ob ein sogenannter harter Brexit den Passagier-, Waren- und Kapitalverkehr zwischen Europa und der Insel ins Chaos stürzen wird.

„Wir stufen bereits seit Oktober des vergangenen Jahres die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit als sehr hoch ein“, sagt Matten. „Unsere Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Um bei einem ungeregelten EU-Austritt lange Wartezeiten bei der Wareneinfuhr zu umgehen, haben wir im Januar damit begonnen, Produkte in Großbritannien auf Vorrat zu lagern. So können wir für die kommenden Monate unsere Lieferfähigkeit garantieren“, erklärt der Stiebel-Eltron-Geschäftsführer.

So wie ihm geht es derzeit vielen Chefs von Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien pflegen. Die Zahl der Firmen mit Sitz in Deutschland, die nach Großbritannien exportieren, dort produzieren oder auf andere Art und Weise mit dem Vereinigten Königreich verflochten sind, lässt sich seriös zwar kaum beziffern, dürfte aber in die Tausende gehen. Auf dem Spiel stehen unter anderem Warenausfuhren in Höhe von mehr als 84 Milliarden Euro.

Nadelöhr Calais-Dover

Vor allem die Zollabwicklung macht Exporteuren und Logistikern Sorge. „Wir haben pro Tag etwa 100 Überfahrten auf die Insel“, sagt Jörg Witt, Geschäftsführer Vertriebsorganisation beim Logistikunternehmen Duvenbeck. „Unsere Lkw aus Osteuropa, aus dem Ruhrgebiet und aus Benelux überqueren zu 95 Prozent die Achse Calais-Dover mit dem Eurotunnel“, erklärt er. Größter Kunde ist das BMW-Werk in Oxford. Für deren Mini-Produktion liefert Duvenbeck benötigte Module Just-in-Time, also genau zur richtigen Zeit und in der für die Montage notwendigen Menge.

„Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was ein harter Brexit samt Zollabfertigung an der Grenze bedeuten würde, habe ich mir vor einigen Monaten die Gegebenheiten in Dover am Hafen und auf dem Eurotunnel-Gelände angesehen“, berichtet Witt. Seine Erkenntnis fiel mehr als ernüchternd aus: Gut 10.000 Lkw passieren täglich den Hafen von Dover – noch ohne Grenzkontrollen.

Und für solche sei dort kaum Platz, kaum geeignete Infrastruktur, so Witt. Ob Duvenbeck angesichts dessen seine Just-in-Time-Konzepte weiter bewerkstelligen könne, sei ungewiss. „Wir gehen davon aus, dass sich die Versorgung der Insel in der Laufzeit um drei bis fünf Tage pro Einheit verschieben wird“, sagt er.

Dennoch legt auch der Logistiker die Hände nicht einfach in den Schoß. „Wenn eine Zollabfertigung nötig wird, sind wir darauf vorbereitet“, sagt Witt. In intensiven Schulungen hat Duvenbeck seine Mitarbeiter fit gemacht im Umgang mit Zolldokumenten. Viele hatten damit im innereuropäischen Verkehr bisher kaum zu tun.

Mit der Ungewissheit umgehen

„Die meisten Firmen sind flexibel genug, um sich umzustellen“, sagt Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Er ist überzeugt davon, dass es vielen Unternehmen wie Stiebel Eltron oder Duvenbeck mittelfristig gelingen wird, Störungen in den Lieferketten zu reduzieren. Jörg Witt erwartet, dass Duvenbeck mögliche Hindernisse auf lange Sicht überwinden wird. „Wir haben lang laufende Verträge mit unseren Kunden und die werden wir auch erfüllen“, sagt er. „Die nötigen Szenarien und Lösungen haben wir in der Schublade.“

Laut einer Studie des IW im Auftrag des Wirtschaftsministeriums von Nordrhein-Westfalen haben bereits 88 Prozent der Unternehmen in NRW mit Vorbereitungen begonnen. Für die anderen könnte es aber langsam knapp werden, schreibt IW-Ökonom und Studienautor Thomas Schleiermacher. „Viele Firmen unterschätzen die Brexit-Effekte und bereiten sich nicht oder nicht genug vor.“

Auch wenn noch nicht genau klar sei, wie der Brexit genau vollzogen werde, sollten Unternehmen zumindest über mögliche Implikationen informiert sein. Stiebel-Eltron-Chef Nicholas Matten versucht sich bei aller Unsicherheit in Pragmatismus. Er geht davon aus, dass die angelegten Vorräte für das UK-Geschäft je nach Produkt zwischen sechs und zwölf Monate reichen würden.

„Es kann aber auch sein, dass der Brexit zu einem Einbruch der Baukonjunktur in Großbritannien führt. Dann halten unsere Vorräte sogar länger“, rechnet er vor. „Oder aber es tritt der Fall ein, dass Wettbewerber von uns nicht lieferfähig sind.“ In diesem Fall würden sich seine Vorbereitungen schließlich mehr als bezahlt machen.

 

Das Brexit-Glossar

Die wichtigsten Begriffe kurz erklärt:

Austrittsdatum: Um 0:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit am 30. März 2019 soll das Vereinigte Königreich die EU verlassen. Bis zum Ablauf dieser Frist muss ein Abkommen ausgehandelt und durch die Instanzen gegangen sein. Per einstimmiger Entscheidung der EU könnte die Frist allerdings auch noch verschoben werden.

No Deal, Hard Brexit: Finden Großbritannien und die EU bis Ende März keine Einigung, enden zum Austrittsdatum alle vertraglichen Bindungen zur EU, ohne konkrete Folgeregelungen. Das Vereinigte Königreich würde damit aus Sicht der EU zum Drittstaat.

Drittstaat: Als Drittstaat wird ein Land bezeichnet, welches selbst nicht Partner eines internationalen oder völkerrechtlichen Vertrages ist. Ohne Austritts- oder Übergangsabkommen würde der EU-Handel mit Großbritannien nur noch auf Basis der Regelungen der WTO erfolgen.

Soft Brexit: Bezeichnet einen Austritt Großbritanniens, bei dem zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU aber eine enge vertraglichen Bindung bestehen bliebe. Etwa in Form eines Freihandelsabkommens oder einer Zollunion.

Norwegen-Plus-Modell: Viele Ökonomen favorisieren diese Variante, nach der die Briten künftig zur Europäischen Freihandelsassoziation EFTA gehören würden und damit Zugang zum europäischen Binnenmarkt hätten. Sie müssten aber die Freizügigkeit für EU-Arbeitnehmer akzeptieren.

Übergangsphase: Einigen sich beide Seiten doch noch auf ein Ausstiegsabkommen, wird eine Übergangsphase festgelegt. Bis zum 31. Dezember 2020 hat dann EU-Recht in Großbritannien weiter Bestand. In dieser Zeit ist Großbritannien politisch also schon außen vor, wirtschaftlich bleibt aber vorerst durch die Mitgliedschaft in Zollunion und Binnenmarkt alles beim Alten.

Quelle: DIHK

 


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