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Bauhaus-Möbel: Ikonen des freien Denkens

Geradlinigkeit statt Schnörkel, Reduktion statt Opulenz, Schlichtheit statt Golddekor. Bauhaus-Design war 1919 eine gestalterische Revolution. Auch 100 Jahre nach der Gründung der berühmten Kunstschule in Weimar haben Bauhaus-Möbel nichts von ihrer Faszination verloren. Zum Jubiläum stehen zahlreiche Neu-Editionen bekannter Bauhaus-Ikonen zum Verkauf.

Ein Stuhl sagt mehr als tausend Worte. Wenn die promovierte Kunsthistorikerin Ingrid Gilgenmann erklären soll, was Bauhaus ausmacht, greift sie auf einen Klassiker zurück – den Freischwinger. Als sogenannten Kragstuhl ohne Hinterbeine zunächst vom niederländischen Architekten und Designer Mart Stam erdacht, mit einer noch recht starren Rohrkonstruktion, arbeitete auch Ludwig Mies van der Rohe, Bauhaus-Direktor von 1930 bis 1933, an Entwürfen. Der Architekt und Designer Marcel Breuer war es dann, der während seiner Tischlerlehre am Bauhaus in Weimar zahlreiche Versionen schuf und die Elastizität des Stuhls steigerte.

Gilgenmann, Kunstexpertin für Porzellan, Möbel und Design beim renommierten Auktionshaus Lempertz, erklärt: „Für den Freischwinger wurde das Konzept des Sitzens völlig neu durchdacht: Muss ein Stuhl unbedingt aus einem Holzgestell, einem Polster und einem textilen Bezug bestehen? Und bedarf seine Fertigung unbedingt der Arbeit eines Schreiners, eines Polsterers und eines Textilfabrikanten?“ Schließlich sollte das Möbel auch industriell zu fertigen sein.

Das Ideal der Maschinenproduktion war nur eine Facette der Bauhaus-Idee. Lehrkräfte und Studenten des Instituts in Weimar (1919–1925) und in Dessau (1925–1932) hinterfragten nicht nur die Herstellung von Produkten. Bis zur Schließung des Bauhauses in Dessau durch die Nazis brachen sie vollends mit den gestalterischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit. Die Bauhäusler hatten genug von der opulenten Architektur und Einrichtung des Adels und der Bourgeoisie. Sie strebten mit ihrer radikalen Reduzierung in eine völlig andere Richtung. „Bauhaus kommt einer soziohistorischen Revolution gleich – nur eben im gestalterischen Bereich“, sagt Gilgenmann.

Grundlagen moderner Gestaltung

In den Bauhäusern in Weimar und Dessau bildeten die Grundlagen moderner Gestaltung aus. „Geometrische Grundformen, glatte Oberflächen, die Reduktion der Farben, zunächst auf die Grundfarben, dann sehr häufig auf die Nichtfarben Schwarz und Weiß, und die Verwendung von Metall, brachten ornamentlose, kühle und formschöne Produkte hervor“, sagt Cordula Meier, Professorin und Institutsleiterin für Kunst- und Designwissenschaft an der Folkwang Universität in Essen.

Ihr Ziel, Produkte für große Teile der Gesellschaft in Masse herzustellen, konnten die Bauhäusler zwar nicht verwirklichen – zu teuer für die meisten Menschen. Doch wer sie sich leisten konnte, für den stellten sie weit mehr dar als Möbel. „Der Freischwinger etwa suggeriert Flexibilität: Ich stehe nicht fest und bin unbeweglich“, sagt Meier, „sondern kann mich schnell zu jemandem hinbewegen.“ Ein Novum in einer Zeit, in der schwere Polstermöbel dominierten. Mit dem Kauf verbanden die Menschen ein Lebensgefühl, ergänzt Kunstexpertin Gilgenmann: „Wer sich für jung und schick hielt, kaufte Bauhaus.“ Noch heute sind die Bauhaus-Möbel aufgeladen mit Bedeutungen. Das erklärt ihre ungebrochene Faszination für die Käufer. „Es gibt viele gute neue Designer – warum kaufen die Leute etwas, das 100 Jahre alt ist?“, fragt Meier. Die Antwort: Bauhaus-Möbel haben eine Geschichte. Das ist der Grund, warum sie auch heute noch so stark nachgefragt werden. Oder wie Meier sagt: „Wer einen Freischwinger kauft, kauft nicht irgendeinen Stuhl. Er kauft eine Ikone des freien Denkens.“

Walter Gropius gründete das erste Bauhaus am 1. April 1919 in Weimar. Zum Jubiläum zeigen wir hier ausgewählte, allesamt limitierte Re-Editionen bekannter Bauhaus-Ikonen.

Sessel F51N

(c) TECTA

(c) TECTA

Der niedersächsische Möbelhersteller Tecta hat anlässlich des Bauhaus-Jubiläums zahlreiche Neuinterpretationen bekannter Bauhaus-Ikonen ins Leben gerufen. Die Professorin für Produktdesign an der HBK Saar in Saarbrücken, Katrin Greiling, etwa schuf eine Re-Edition des Direktorensessels F51 von Walter Gropius – mit neuer Textur und Farbe.

 

Freischwinger S533F

(c) Thonet

(c) Thonet

Für Thonet entwickelt das Hamburger Designduo Besau Marguerre eine limitierte Neuauflage des Freischwingers S533F von Ludwig Mies van der Rohe in zwei Ausführungen. Ganz nach dessen Motto „Weniger ist mehr“ kommt der Stahlrohrsessel nach wie vor mit dem Nötigsten aus: „Der S533F passt sich der Schwingkraft der freien Bewegung des Menschen an“, heißt es beim Hersteller. „Auf eine zusätzliche Polsterung kann verzichtet werden.“

Barcelona® Chair

(c) Knoll_Barcelona_Chair_Ludwig Mies van der Rohe

(c) Knoll_Barcelona_Chair_Ludwig Mies van der Rohe

Auch vom berühmten Barcelona® Chair, den Ludwig Mies van der Rohe bereits 1929 für den Pavillon der Weltausstellung in Barcelona entwarf, steht zum Jubiläum eine Bauhaus-Edition zum Verkauf. Der Hersteller Knoll International mit Sitz im US-amerikanischen Pennsylvania fertigt die Neuauflage erstmals in einem dunklen Grünton und mit Signatur.

 

 

Tischleuchte WA 24Si

(c) TECNOLUMEN

(c) TECNOLUMEN

Ursprünglich entworfen wurde die Leuchte ab 1923 am Bauhaus in Weimar von Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld und seinem Kommilitonen Carl Jacob Jucker. Immer wieder wurden Details verändert, es existieren zahlreiche Versionen. Der Durchbruch der Leuchte dauerte lange: Seit 1980 wird sie von der Firma Tecnolumen in größerer Stückzahl produziert und vermarktet. Zum Bauhaus-Jubiläum präsentiert der Hersteller aus Bremen eine limitierte Silberedition.

Klapptisch K10N

(c) TECTA

(c) TECTA

Der Klapptisch K10 macht Platz, wenn er nicht gebraucht wird. Seine Beine lassen sich einklappen, auf seinen eingebauten Rollen lässt er sich aus dem Weg schieben. Erich Brendel entwarf seinen „Tee-Tisch“ 1924, inspiriert von Walter Gropius’ Direktorenzimmer, das strengen geometrischen Prinzipien folgte. Der Kölner Gestalter Tobias Groß hat ihn für Tecta auf das Format eines Beistelltisches verkleinert und ihn filigraner gestaltet. Zweifarbigkeit soll das Möbel zeitgemäß erscheinen lassen.

 


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