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Kran, Bauen, Bauwerk

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Mitten in einer schweren Wirtschaftskrise expandieren zu wollen, klingt zunächst widersinnig. Einige Gründer und Unternehmer machen derzeit jedoch genau das: Sie eröffnen Geschäfte, gehen ins Ausland, erweitern ihre Produktpalette. Und handeln damit genau richtig, sagen Experten.

Jan Bredack hat schon einige Tiefen durchlebt. Als der bekennende Veganer vor neun Jahren den Lebensmittelhersteller Veganz gründete, beschimpften ihn Fundis als Verräter. Kapitalgeber ließen ihn im Stich, seine Vision einer veganen Supermarktkette floppte.

Und als sich die Lage endlich zu beruhigen schien, kam Corona. Doch Bredack bleibt unbeirrt. „Wir sind voll auf Expansionskurs“, sagt der ehemalige Daimler-Manager.

Seit der Krise hat das Berliner Startup Innovationen wie Räucherlachs auf Algenbasis oder veganen Camembert entwickelt. Auch geografisch setzt der 48-Jährige auf Wachstum. „Vor ein paar Wochen ging der erste Container nach Japan.“

Um 36 Prozent ist der Umsatz im ersten Halbjahr gestiegen, vier Prozentpunkte über Plan. Und das, obwohl während des Lockdowns im Frühjahr zeitweise die Warenlieferung stockte und der Außendienst nicht rausfahren konnte.

Die Folgen der Corona-Pandemie haben die Wirtschaft hart getroffen: Umsatzeinbrüche, Entlassungen, Produktlinien wurden eingestellt. Weniger im Blickfeld sind die anderen: Unternehmen, die gerade jetzt ihr Geschäft ausbauen.

 

Die Krise als Chance begreifen

Die diese Krise als Chance begreifen und neue Läden öffnen, ins Ausland expandieren oder ihre Marke erweitern. „Manche Unternehmen setzen einfach auf die Zukunft“, sagt Ralf Moldenhauer, Managing Director und Senior Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG).

Ohne Risiko ist das nicht. Niemand weiß, wie sich das Leben mit dem Virus entwickelt. Wann ein Impfstoff gefunden wird und wie gut er wirkt. Und ob die Menschen ihren Konsum nicht nur vorübergehend ändern, sondern dauerhaft. Doch auch Abwarten ist riskant, vor allem dann, wenn Wettbewerber entschlussfreudiger sind.

„Unternehmen, die antizyklisch investieren, werden am Ende gewinnen“, sagt Christian Köhler, Hauptgeschäftsführer des Markenverbands in Berlin. Das kann selbst dann gelten, wenn der Branchenumsatz dauerhaft zurückgeht. Köhler: „Mit einem starken USP kann eine Marke auch auf einem geschrumpften Markt erfolgreich sein.“

Zahlen des Deutschen Patent- und Markenamts in München deuten darauf hin, dass viele Firmen das begriffen haben: Zwischen Januar und Juni dieses Jahres registrierte die Behörde 40.836 nationale Markenanmeldungen. Das waren neun Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.

 

Die Gewinnerbranchen der Corona-Krise

Einige Unternehmen wachsen gleichsam von selbst, weil ihre Branche von der Krise profitiert: Lieferdienste, Fahrradhändler, Hersteller von Desinfektionsmitteln. International gehören nach einer BCG-Analyse vor allem Medizintechnik, Tech und Biopharma zu den Gewinnerbranchen.

In Deutschland hat außer Tech unter anderem der Einzelhandel zugelegt – neben Nahversorgern profitieren besonders die Onlinehändler: Der Umsatz im E-Commerce stieg im zweiten Quartal 2020 um 16,5 Prozent auf 20,2 Milliarden Euro, so der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland.

Aber es ist ein Unterschied, ob sich ein Management darauf beschränkt, zusätzliche Nachfrage zu bedienen, oder ob es die Expansion aktiv vorantreibt. Veganz etwa gehört zu den Unternehmen, die Covid-19 durch den Trend zu gesunder Ernährung tendenziell begünstigt.

Dennoch hätte Bredack gute Gründe gehabt, das Wachstum zu drosseln: Im Februar hatte Veganz eine Anleihe ausgegeben, die deutlich weniger Kapital einbrachte als erhofft. Doch Bredack ließ sich nicht entmutigen. Gerade verhandelt er mit Kapitalgebern, 20 Millionen Euro soll die neue Runde bringen.

 

Banken reagieren zurückhaltend

Im Zuge der Pandemie ist es, anders als in der Finanzkrise 2008/2009, bislang nicht zu einer Kreditklemme gekommen, Notenbanken und Regierungen haben rechtzeitig den Geldhahn aufgedreht. „Trotzdem braucht ein Unternehmen gute Argumente, um jetzt eine Wachstumsfinanzierung zu bekommen“, sagt Berater Moldenhauer.

Bei einer Umfrage des ifo Instituts berichtete fast ein Fünftel der Unternehmen, dass Banken zurückhaltend auf Kreditanfragen reagieren – ein Höchststand seit 2017.

Moldenhauer nennt den Willen zum Wachstum einen „Return of Strategy“. „Früher sagte man, Krisen sind Kostenthemen, und reagierte mit Einsparungen. Jetzt wird gefragt, wo habe ich Stärken, wo tun sich Nischen auf?“

 

Expansion per Markendehnung

Der Berater findet das richtig, denn: „Die Zukunft liegt auf der Erlös-, nicht auf der Kostenseite.“ Auch in einem Krisenpapier der PwC-Tochter Strategy& heißt es: „Unternehmen sehen Investitionen als einen Weg, um sich von Rückschlägen zu erholen. Sie wählen dynamische Strategien, die ihnen helfen, widerstandsfähiger zu werden.“

Vor allem dann, wenn das bisherige Geschäftsmodell infrage steht. „Es ist ja denkbar, dass bestimmte Wirtschaftsbereiche nicht wiederkommen“, sagt Experte Köhler – Stichwort neue Normalität. Dann etwa kann Expansion per Markendehnung sinnvoll sein, um rechtzeitig ein zweites Standbein aufzubauen und bei neuen Trends von Anfang an dabei zu sein.

Sandra Westermann hat dazu viele Ideen. Vor eineinhalb Jahren gründete die Münchnerin die Onlineplattform Superheldin, die familienfreundliche Unternehmen mit Eltern zusammenbringt, die flexible Arbeitszeiten schätzen.

Es war schnell eine Erfolgsgeschichte. Nach einer Anlaufphase gelangen sieben von zehn Vermittlungen, schätzt die 40-Jährige, die selbst Mutter einer vierjährigen Tochter ist.

Krisen beflügeln die unternehmerische Kreativität

Dann kamen Covid-19, der Lockdown und die Sorgen. „Die Unternehmen haben die Pausentaste gedrückt und Inserate zurückgezogen“, erinnert sie sich. Je mehr sich aber das Arbeiten im Homeoffice durchsetzte, desto mehr fasste Westermann Mut. „Meine Frauen wissen, wie das geht. Ich habe das Modell, das man jetzt braucht.“

Also weitete die Gründerin ihr Angebot aus. So kreiert sie für die Superheldin-Plattform ein Tool, das es Unternehmen erlaubt, aktiv auf Jobsuchende zuzugehen.

In die gleiche Richtung geht ein Headhunting-Service, mit dem sie für Unternehmen gezielt auf Bewerberinnen-Suche geht. Und schließlich: Während des Lockdowns etablierte sie einen Online-Kindergarten mit Musikangeboten, Vorlesen und Kinder-Yoga.

Auch daraus könnte ein professionelles Angebot entstehen. „Superheldin soll die Marke werden, die für familienfreundliches Arbeiten steht. Am Fachkräftemangel hat sich ja nichts geändert“, sagt sie – und beweist einmal mehr, was auch Experte Köhler vom Markenverband sagt: „Das Gute an Krisen ist, dass sie die unternehmerische Kreativität beflügeln.“