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Der Deutsche Aktienindex umfasst jetzt 40 statt 30 Unternehmen. Nach der Erweiterung haben die Branchen Gesundheit und Onlinehandel mehr Gewicht. Davon könnten Anleger langfristig profitieren.

 

Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat Zuwachs bekommen. Seit dem 20. September 2021 umfasst das „Aushängeschild der deutschen Wirtschaft“, so Franz-Josef Leven, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts (DAI), 40 statt wie bisher 30 Gesellschaften.

„Mit der Erweiterung kommen innovative und interessante Zukunftswerte in den Dax“, erklärt Leven mit Blick auf Neuzugänge wie Zalando, Puma, Porsche, den Kochboxenlieferanten Hellofresh, den Duft- und Geschmackstoffanbieter Symrise oder den Pharma- und Laborzulieferer Sartorius. „Der neue Dax 40 repräsentiert die deutsche Unternehmenslandschaft noch besser und gewinnt durch die Erweiterung im In- und Ausland an Bedeutung“, ist er überzeugt.

Hintergrund für die Vergrößerung des Dax ist, dass dieser durch eine Konzen­tration auf Aktien aus der „Old Economy“ und eine zu geringe Berücksichtigung von Unternehmen aus den Bereichen Internet und Gesundheit im wahrsten Sinne des Wortes „überaltert“ anmutete, schreibt die Hamburger Privatbank M.M. Warburg in einer Analyse.

Tatsächlich prägen Industriekonzerne wie Siemens, BASF und Bayer sowie die Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen seit der Einführung des Dax am 1. Juli 1988 die Formation. Nur der Softwarekonzern SAP stand für neue Technologien.

 

Vereinfachte Aufnahme in den Index

Dynamisch wachsende Unternehmen hingegen konnten bisher nur schwer in den auserwählten Kreis aufsteigen. Gleichzeitig begründet der hohe Anteil an Industriewerten eine höhere Konjunkturabhängigkeit des Index.

Als die deutsche Wirtschaft im Frühjahr 2020 wegen der Corona-Maßnahmen in eine Rezession stürzte, gab es im Dax kein einziges Internetunternehmen, ­dessen Geschäft vom Lockdown profitierte und das den Absturz des Börsenindex hätte bremsen können.

„Die Aufstockung der Anzahl der Indexaktien soll dem entgegenwirken und für ein diversifizierteres Indexportfolio sorgen“, so die Analysten von M.M. Warburg.

Um stark wachsenden Unternehmen eine schnellere Chance zum Indexeintritt zu ermöglichen, vereinfachte die Deutsche Börse die Kriterien für die Aufnahme. In Zukunft zählt nur noch der Börsenwert der frei umlaufenden Aktien, die sogenannte Streubesitz-Marktkapitalisierung.

Der Börsenumsatz, bisher ein mitentscheidendes Kriterium, wird nur noch insofern berücksichtigt, als er ein bestimmtes Mindestvolumen erreichen muss. Die reguläre Überprüfung erfolgt nicht mehr nur einmal pro Jahr, sondern zweimal – jeweils im März und im September.

 

Neulinge haben wenig Gewicht

Ob es bereits im März 2022 eine Veränderung im Dax gibt, bleibt abzuwarten. Das hängt von der Wertentwicklung der Aktien der Indexmitglieder ab. Aufsteiger kämen dann aus dem MDax.

Die Warburg-Analysten heißen die Auffrischung des Dax zwar gut, betonen aber auch, dass es sich dabei nur um eine „kosmetische Veränderung“ handele, denn die alten Industriewerte würden den Index weiterhin dominieren.

Das sieht Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Aktionärsvereinigung DSW, ebenso. Von den zehn Neulingen hätten nur Siemens Healthineers und Airbus mit einem Gewicht von mehr als vier Prozent einen nennenswerten Einfluss auf die Dax-Entwicklung als Ganzes.

Auf Platz eins liege aktuell Linde mit neun Prozent, gefolgt von SAP mit 8,5 Prozent. Gleichwohl positiv sei, dass nun Branchen wie Gesundheit, Medizintechnik und Onlinehandel eine größere Rolle spielten.

 

Der gute Ruf war angekratzt

Hauptauslöser der Indexreform war nicht nur die Kritik an dem „Old-Economy-Dax“, sondern auch der Skandal um Wirecard. Der Bezahldienstleister notierte eine Zeit lang im Leitindex.

Als die gefälschten Bilanzen aufflogen, musste der Konzern Insolvenz anmelden. Doch sogar als Pleiteunternehmen verblieb Wirecard noch wochenlang im Dax, bevor das Skandalunternehmen Ende August 2020 von Delivery Hero ersetzt wurde.

Der Wirecard-Skandal schlug hohe Wellen. Der Ruf des Dax als Qualitätsindex war angekratzt. Die Deutsche Börse reagierte und veränderte ihr Regelwerk. Seit Dezember 2020 müssen Indexanwärter vor der Aufnahme mindestens zwei Jahre einen operativen Gewinn (EBITDA) erwirtschaftet haben.

Darüber hinaus müssen seit März 2021 alle Dax-Mitglieder Quartalsmitteilungen und testierte Geschäftsberichte veröffentlichen, und zwar spätestens 90 Tage nach Ende des Geschäftsjahres.

Die Frist kann einmalig um 30 Tage verlängert werden. Liegen die Zahlen dann immer noch nicht vor, erfolgt sofort der Indexausschluss. Zudem wird ein Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat für alle Mitglieder Pflicht.

 

Was der Index leistet

Bleibt die Frage, wozu man eigentlich einen Aktienindex braucht? Laut M.M. Warburg ermögliche ein Index Anlegern, auf einen Blick das Marktgeschehen zu erfassen.

Auch fungierten Indizes als Vergleichsmaßstab, mit dessen Hilfe sich die Leistung von Fondsmanagern messen ließen. Und nicht zuletzt dienten sie als Referenzwert für Finanzprodukte wie etwa börsengehandelte Indexfonds (ETFs).

Hier macht sich dann auch die Aufstockung des Dax von 30 auf 40 Mitglieder bemerkbar. „Für Privatanleger, die in Dax-ETFs ansparen, bedeutet die Reform, dass der Index vielfältiger ist“, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler.

Die breitere Streuung reduziere das Schwankungsrisiko. Ohnehin seien Aktienfonds für den Vermögensaufbau wichtig. Ebenso argumentiert Leven: „Wer beispielsweise seit Anfang 1991 einen Dax-ETF monatlich mit 50 Euro bespart hat, hatte Ende 2020 einen Depotwert von gut 58.000 Euro.

Die eingezahlten 18.000 Euro haben in 30 Jahren einen Ertrag von fast 40.000 Euro erwirtschaftet.“ Ob die Performance in Zukunft ähnlich sein wird, wo der Dax doch jetzt „spritziger“ ist, werden Anleger dann in ein paar Jahren sehen.