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Creditreform

© Chris Liverani/Unsplash

Für Staatsanleihen gibt es wieder zwei bis vier Prozent. Ist damit die Zeit gekommen, um sich Rentenfonds ins Depot zu legen? Immer mehr Anlageprofis meinen: Ja.

 

An den Rentenmärkten erleben Investoren eine denkwürdige Entwicklung. Um fast 20 Prozent brachen die Kurse von deutschen Bundesanleihen und US-amerikanischen Treasuries mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren in den ersten drei Quartalen 2022 ein. Für Staatstitel, die für Stabilität und Sicherheit stehen, ist das ein Desaster. Ausgelöst haben es die Zentralbanken in der Eurozone und in den USA mit Leitzinserhöhungen in rascher Folge.

Denn: Steigt der Leitzins, müssen Emittenten von neuen Anleihen ihren Geldgebern ebenfalls einen höheren Zins zahlen. Damit sind neue Anleihen im Vergleich zu den älteren Zinspapieren attraktiver. Die Folge: An den Börsen fällt der Kurs der umlaufenden Schuldtitel. „Die Geldpolitik crasht den Rentenmarkt“, resümiert Carsten Klude, Chefvolkswirt der Privatbank M.M. Warburg. Wohl niemals zuvor sei es zu einem derartigen Absturz bei den Anleihekursen gekommen.

 

Fed früher aktiv als die EZB

Auch ein Blick auf die Entwicklung der Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen verdeutlicht die Dramatik. Parallel zu den Kursverlusten schnellten die Zinsen für neue Papiere von minus 0,2 auf aktuell plus 2,1 Prozent in die Höhe. Weil die Preise in Europa und den USA im gesamten Jahr 2022 auf breiter Front rasch anzogen, mussten die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) handeln und jeweils ihren Leitzins erhöhen.

uf diese Weise verteuern die Notenbanken die Kreditaufnahme von Privathaushalten und Unternehmen – so zumindest die Hoffnung –, sodass die wirtschaftliche Dynamik nachlässt und in der Folge auch die Inflation der Preise abebbt. Erst am 27. Oktober zog die EZB erneut ihre Zinsschraube an. Jetzt beträgt ihr Leitzins 2 Prozent. Vom 10. März 2016 bis zum 21. Juli 2022 lag der Satz bei null.

Früher als die EZB begann die Fed mit der Inflationsbekämpfung. Ansonsten verlief die Entwicklung in den USA ähnlich wie in Europa. In Amerika werfen zehnjährige US-Staatsanleihen aktuell sogar 4,3 Prozent ab. An diese Zahlen muss man sich noch gewöhnen: Zum ersten Mal seit vielen Jahren gibt es für Zinspapiere wieder ansatzweise das, was im Namen steht: Zinsen.

 

Entscheidend ist das, was zu erwarten ist

Der Zinserhöhungszyklus ist nicht auf Deutschland und die USA beschränkt, sondern hat zahlreiche Länder erfasst. Anleger, die Italien Geld leihen, bekommen aktuell sogar 4,6 Prozent. „Im gesamten Anleiheuniversum“, betont Benoit Anne, Anlageexperte bei MFS Investment Management, „sind die Renditen seit Jahresbeginn stark gestiegen – bei Hochzinsanleihen um über 400 Basispunkte, bei Schwellenländer-Staatsanleihen um etwa 350 und bei Investmentgrade-Titeln je nach Region um 235 bis 245 Basispunkte.“

Für sicherheitsorientierte Anleger stellen sich jetzt zwei Fragen: Ist die Zeit gekommen, um mithilfe eines Rentenfonds in Staats- und Unternehmensanleihen zu investieren? Und lohnen sich Anleihen bei einer Geldentwertung von aktuell fast zehn Prozent überhaupt?

Zieht man die Inflation von den derzeit möglichen Zinsen halbwegs solider Anleihen ab, ergibt sich schließlich immer noch ein realer Verlust. Markus Sack von Finanzinvest Consulting sagt, worauf es ankommt: „Entscheidend ist nicht die aktuelle, sondern die erwartete Inflation.“

 

Normalisiert sich die Inflation?

Nach Auffassung von immer mehr Volkswirten könnte die Inflation ihren Höhepunkt erreicht haben. „Das ist Konsens unter Analysten“, berichtet Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

Auch die Fachleute der EZB erwarten eigenen Angaben zufolge einen Rückgang der europäischen Inflation auf 5,5 Prozent im Jahr 2023 und auf 2,3 Prozent im Jahr 2024. Würde die Inflation tatsächlich auf dieses Niveau sinken, kämen Inhaber von heute gekauften Anleihen in den Genuss einer positiven realen Rendite. Hinzu kämen mögliche Kursgewinne, denn sinkt das Zinsniveau wieder, steigen die Kurse umlaufender Anleihen.

Das stärkste Argument für die Propheten einer bevorstehenden Zinswende nach unten ist die Entwicklung der Konjunktur. Umfragen zufolge rechnet eine Mehrheit der Marktteilnehmer damit, dass die Eurozone und Deutschland in eine Rezession schlittern.

Auch für die USA und Großbritannien deute alles auf einen Rückgang der Wirtschaftsleistung hin. Beobachter gehen davon aus, dass die EZB auch deshalb so rasch ihren Leitzins erhöht hat, um sich einen Puffer für eine Rezession zu beschaffen, also bei Bedarf die Zinsen überhaupt erst wieder senken zu können, um die Konjunktur zu beleben.

 

Empfohlen: aktiv verwalteter Rentenfonds

Wegen dieser Konstellation mehren sich die Stimmen, die den Kauf von Anleihen für attraktiv halten. Um das Risiko von Einzelanlagen zu vermeiden, empfiehlt Andreas Görler, Senior Manager beim Vermögensverwalter Wellinvest, den Erwerb von Anteilen an einem aktiv verwalteten Rentenfonds.

„Als Privatinvestor kann man im Euroraum bleiben und Staats- und Unternehmensanleihen mit mittlerer bis guter Bonität und kürzeren Laufzeiten vorziehen.“ Zwar fielen auch bei Anleihen mit kürzeren Laufzeiten die Kurse, wenn die Zinsen zunächst noch steigen. Aber bei weitem nicht so stark wie bei langfristigen Papieren.

Ähnlich äußert sich Konstantin Veit, Leiter für Euro-Staatsanleihen beim weltgrößten Anlagemanager Pimco: „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Investments in europäische Märkte für Anleihen mit kurzer Laufzeit.“ Carsten Klude ist allerdings noch nicht ganz überzeugt: Erst wenn der Zinserhöhungszyklus seinen Zenit erreicht hat, sei der Rentenmarkt wieder attraktiv. Doch das könnte schon im Dezember der Fall sein. Für diesen Monat erwarten Experten, dass die EZB zum vorerst letzten Mal die Leitzinsen erhöht.