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Creditreform

Eberhard M. ist seit mehr als vierzig Jahren Kunde eines einzigen Kreditinstitutes, der örtlichen Volksbank. Begonnen hat es damals mit der Finanzierung des ersten Pkw und der Geschäftsausstattung seines Betriebes mit gerade einmal zwei Mitarbeitern. Mittlerweile hat M. sechzehn Beschäftigte und ist nach wie vor in der Lage, seinen Kreditverbindlichkeiten zuverlässig nachzukommen. Das galt zumindest bis vor etwa drei Jahren, als erste kleinere Zahlungsschwierigkeiten auftraten, die zumindest mit seinen damaligen Ansprechpartnern der Bank aber weitgehend problemlos geregelt wurden. Diese Schwierigkeiten resultierten aus Anschlussfinanzierungen diverser Immobilienkredite, die nur mit höheren Zinssätzen als vorher möglich waren. Konkret ging es um sechs Eigentumswohnungen, die M. in einem Vorort von Dresden vor etwa zehn Jahren erwarb und bei denen sich Mieteinnahmen einerseits und Zins- sowie Tilgungszahlungen andererseits mehr oder weniger ausglichen.

Der finanzielle Druck auf M. nahm zu, als die erwähnte Anschlussfinanzierung anstand und gleichzeitig bei zwei der sechs Wohnungen Mieter auszogen und zunächst keine Nachmieter gefunden wurden. Erst als M. die Miete reduzierte, gelang ihm die Anschlussfinanzierung. Hinzu kam, dass ihn seine Hausbank überraschend davon in Kenntnis setzte, dass die „aktuelle Bewertung der Wohnungen ein Besicherungsproblem ergeben habe“. Im Klartext, so wurde ihm mitgeteilt, sind die Wohnungen nunmehr rund zwanzig Prozent weniger Wert als bisher. Begründet wurde das durch die veränderte Infrastruktur im Umfeld der Immobilien. In der Tat hat sich im Laufe der Jahre in unmittelbarer Nähe des Mehrfamilienhauses ein Gewerbepark etabliert, der naturgemäß die bisherige Wohnqualität schmälert. Bereits zum damaligen Zeitpunkt wurde M. von seinem Steuerberater darauf hingewiesen, dass es künftig zu Liquiditätsproblemen kommen kann, wenn die Anschlussfinanzierungen seiner anderen Immobilien anstünden. Er begründete das im Wesentlichen damit, dass M. kaum liquide Reserven besitze, die er bei Bedarf etwa zur Reduzierung seiner Bankschulden einsetzen könne. Seine Hausbank, die natürlich ebenso über die finanzielle Situation ihres Kunden informiert war, unternahm zumindest zu diesem Zeitpunkt dagegen nichts. Außer höheren Kreditzinsen blieb es beim erwähnten Hinweis auf den angeblichen Wertverlust der Wohnungen und dem damit einhergehenden Mangel an werthaltigen Kreditsicherheiten.

Erhöhter Bankendruck

Aktuell, also drei Jahre später, stellt sich die Situation für M. fast schon dramatisch dar. Der Druck seiner Hausbank, nun kurzfristig „für Liquidität zu sorgen“, hat zugenommen. Zwar bleibt M. nach wie vor keine einzige Zins- und Tilgungsrate schuldig, dennoch drängt sein Kreditgeber auf einen Teilverkauf der Immobilien. Erst nach massivem Insistieren von M. wurde ihm hinter sprichwörtlich vorgehaltener Hand klar gemacht, dass sowohl die interne als auch die externe Revision der Volksbank darauf bestanden haben, das Kreditrating von M. herabzustufen. Ein wesentlicher Grund dafür sei das Alter von M., der gerade 70 Jahre alt geworden ist.

Es ist also offensichtlich, dass sich die Bank nun Sorgen darüber macht, ob und wie die Verbindlichkeiten ihres Kunden überhaupt noch vollständig zurückgezahlt werden können. Immerhin beträgt der Schuldenstand nach wie vor rund 1,8 Millionen Euro. Eine verfahrene Situation. Aber nach Jahren weitgehender Untätigkeit beider Seiten kommt es nun endlich zu ersten ausführlichen Gesprächen über die weitere Vorgehensweise. Nach längerem Drängen ist die Bank bereit, ihre Bewertung der Sicherheiten offen zu legen und mit den Zahlen ihres Kunden abzustimmen. Das Ergebnis ist bisher noch offen, da vereinbart wurde, zumindest bei zwei größeren Objekten ein Sachverständigengutachten einzuholen und sich danach erneut zusammenzusetzen. Vereinbart wurde allerdings, dass sich M. innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten von den erwähnten Eigentumswohnungen sowie von einem der größeren Objekte trennt und seine Verbindlichkeiten auf rund 700.000 Euro verringert. Zu erwarten ist aber, dass die Bank den Druck auf M. weiter aufrechterhalten wird, um ihre Ansprüche zu sichern. Einen Druck übrigens, den beide Geschäftspartner hätten vermeiden können, wenn sie sich den zu erwartenden Problemen nahezu lebenslanger Finanzierungen früher gestellt hätten.

Michael Vetter