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Creditreform

Im exklusiven Interview mit dem Creditreform-Magazin spricht der Gründer und Vorsitzende des Vorstandes der Stiftung Familienunternehmen, Professor Brun-Hagen Hennerkes, über die Herausforderungen bei der Unternehmensnachfolge in 2016, warum die Zahl der Flüchtlinge reduziert werden muss — und über das leidige Thema Erbschaftsteuer.

Creditreform-Magazin: Herr Prof. Hennerkes, bis zum Jahr 2018 brauchen rund 135.000 Familienunternehmer einen neuen Chef. Warum ist es für viele Betriebe so schwierig, einen passenden Nachfolger zu finden?

Prof. Brun-Hagen Hennerkes: Kann man das so pauschal sagen? Zumindest für die größeren Familienunternehmen gilt, dass sich der Nachfolgeprozess im Vergleich zu früher erheblich professionalisiert hat und ein Scheitern zur Ausnahme wird. Die familieninterne Nachfolge ist nach wie vor der Königsweg der Übergabe, stellt jedoch keinen Automatismus mehr dar. Qualifikation und Motivation der Unternehmerkinder sind zunehmend ausschlaggebend – und um beides ist es gut bestellt. Am Ende entscheiden sich zwar einige Unternehmerkinder, außerhalb der Familie ihre Karriere weiter zu verfolgen. Doch die große Mehrheit möchte nicht nur Gesellschafter des Familienunternehmens sein, sondern auch operative Führung übernehmen, wie eine aktuelle Studie belegt.

Haben die meisten Unternehmen es nicht schlichtweg versäumt, rechtzeitig für einen geordneten Übergang zu sorgen?

Hennerkes: Das ist nur leider allzu menschlich. Es geht bei der Übergabe eines Unternehmens immer auch um Emotionen. Häufig können Senioren nicht loslassen, sie wollen beweisen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören, und bringen ihr Lebenswerk durch Zögern und Unentschlossenheit in Gefahr.

Wie können die Betriebe dieses Nachfolge-Problem in den Griff kriegen?

Hennerkes: Die Familien müssen frühzeitig anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Zeitraum von zehn bis 15 Jahren vor dem anvisierten Ruhestand sollte für die Unternehmensübergabe einkalkuliert werden. Wichtig ist, dass die eigentliche Übergabe innerhalb eines Zeitraums von maximal zwei Jahren vollzogen sein sollte.

Die hohen Flüchtlingszahlen sind seit Wochen für Bund, Länder und Kommunen das beherrschende Thema. Wie helfen Familienunternehmen, damit die Integration dieser Menschen gelingt?

Hennerkes: Wesentlich für eine gelungene Integration der Flüchtlinge sind Sprachkenntnisse, ein Arbeitsplatz und eine Wohnung. Die Familienunternehmen in Deutschland übernehmen hier gesellschaftliche Verantwortung und tun viel. Sie geben Geld- und Sachspenden oder unterstützen praktisch. Viele Unternehmen haben zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen und bieten nicht nur Praktika an, sondern auch Deutschkurse. Doch die bürokratischen Hürden für Firmen und Flüchtlinge sind nach wie vor hoch. So sollten Migranten während der Ausbildungszeit sowie zwei Jahre im Anschluss vor einer Abschiebung sicher sein. Die Unternehmen brauchen langfristige Rechtssicherheit, dass die Ausbildung nicht abgebrochen werden muss und eine reale Chance auf Weiterbeschäftigung besteht.

Sehen Sie noch andere Hürden?

Hennerkes: Ein weiteres echtes Handicap ist die starre Ausbildungsvergütung. Diese muss flexibler gestaltet werden, damit Flüchtlinge größere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Im Gegensatz zu deutschsprachigen jungen Menschen müssen die Unternehmen viele Flüchtlinge erst einmal zur Ausbildungsreife bringen.

Immer wieder klagten Familienunternehmen, dass ihnen geeignete Fachkräfte fehlen. Können Flüchtlinge zur kurzfristigen Lösung dieses Problems beitragen?

Hennerkes: Das ist leider sehr unwahrscheinlich. Bei den Arbeitssuchenden aus den Kriegs- und Bürgerkriegsländern haben 87 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung¸ wie Zahlen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) belegen. Es handelt sich also um weit mehr als ein Sprachproblem. Diese Zahlen besagen auch, dass nach fünf Jahren erst knapp die Hälfte der Asylbewerber einen Arbeitsplatz gefunden hat.

In welchen Bereichen sehen sie dafür Möglichkeiten, für welche Bereiche sind Flüchtlinge kurzfristig keine Alternative?

Hennerkes: In bestimmten Berufsgruppen wie zum Beispiel der Pflege herrscht schon heute ein Mangel an Fachkräften, der sich künftig noch verstärken wird. Nach meiner Kenntnis gibt es private Initiativen, die in diesem Bereich große Ausbildungsprojekte entwickeln. Zentrale Stellen wie die Arbeitsagenturen sollten mit den Branchenverbänden darauf hinarbeiten, dass besonders in diesen Mangelbereichen Flüchtlinge geschult werden. Wir sollten uns aber keine Illusionen machen. Deutschland fehlt es vorwiegend an Fachkräften aus Berufen, die ein hohes Sprachniveau und eine langwierige Ausbildung erfordern, wie zum Beispiel Ingenieure spezieller Fachrichtungen, Informatikern, Facharbeitern wie Mechatronikern und Medizinern.

Muss es wegen der hohen Kosten, die im Zuge dessen auf Deutschland zukommen, bald Steuererhöhungen geben oder sollte Bundesfinanzminister Schäuble eher auf die schwarze Null verzichten?

Hennerkes: Die Kosten dieser Zuwanderung sind enorm: Bernhard Raffelhüschen, einer der führenden Ökonomen unseres Landes, schätzt die Folgekosten der Flüchtlinge allein für Deutschland auf etwa eine Billion Euro. Um die Herausforderung langfristig bewältigen zu können, muss die Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge besser gesteuert und spürbar reduziert werden.

Wären die Familienunternehmen dafür bereit höhere Steuern zu bezahlen, zum Beispiel in Form einer höheren Erbschaftsteuer?

Hennerkes: Ein Sprichwort sagt: Man darf nicht die Kuh schlachten, die man melken will. Eine höhere Belastung durch die Erbschaftsteuer bedeutet, den wichtigsten Arbeitgeber im Lande zu schwächen. Der Vorteil unserer Familienunternehmen liegt gerade darin, dass sie über mehrere Generationen hinweg im Familienbesitz bleiben und sich über eine jahrelange Gewinnthesaurierung stabil entwickeln. Eine maßgebliche Anhebung der Erbschaftssteuer würde diesen Vorteil zunichte machen und in der Folge viele Arbeitsplätze gefährden.

 

Die Stiftung Familienunternehmen gehört zu den einflussreichsten Interessensgruppen Deutschlands. Im Kuratorium sitzen Vertreter von Henkel, Trumpf und der Unternehmensgruppe Theo Müller — aber auch Spitzenpolitiker wie er ehemalige CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich.