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Creditreform

Schweden, die Niederlande oder Australien schaffen es dagegen jeweils auf mehr als 95 Prozent Durchdringungsgrad, Großbritannien auf mehr als 90 Prozent, hat der Versicherer Zurich ermittelt. Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, sind die deutschen 60 Prozent viel zu gering. Seit Herbst vergangenen Jahres geistert daher das „Neue Sozialpartnermodell Betriebsrente“ durch das wirtschaftspolitische Berlin.

Mit ihm will die SPD-Politikerin der müden bAV-Quote Beine machen: Aus der Option soll eine Pflicht werden. Zudem sollen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften die korporatistischen Megatariffonds managen. Der Nahles-Plan hat Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, aufgeschreckt. Er befürchtet, dass die Tariffonds der Sargnagel für die bestehenden fünf bAV-Varianten sein würden.

© stumayhew, Getty Images, Creditreform-Magazin 08/2015

© stumayhew, Getty Images, Creditreform-Magazin 08/2015

Auch die Versicherungswirtschaft macht mobil: Ein möglicher sechster Durchführungsweg würde die bAV nach Meinung von Michael Kurtenbach, in Personalunion Vorstandschef der Gothaer Lebensversicherung und der Gothaer Krankenversicherung, nur noch komplexer machen. „Ich bin fest davon überzeugt: Der bAV-Verbreitungsgrad – gerade im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen – ließe sich mit anderen Maßnahmen viel besser steigern“, meint Kurtenbach. Henriette Meissner, Geschäftsführerin des bAV-Anbieters Stuttgarter Vorsorge-Management, fordert vor allem „eine Politik der ruhigen Hand“.

Der radikale Systemwechsel zum Prinzip der nachgelagerten Besteuerung 2004/2005 oder die wenige Jahre später eingeführte volle Belastung der Betriebsrenten mit Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen hätten die zweite Vorsorgesäule arg in Misskredit gebracht. Ein weiteres Problem gerade für Geringverdiener ist die Anrechnung von Betriebsrenten auf die Grundsicherung. Hier müsse der Gesetzgeber aktiv werden, nicht bei den Nahles-Tariffonds, urteilt Björn Bohnhoff, Leiter betriebliche Altersversorgung bei Zurich.

Garantiefreiheit als Renditeturbo?

Doch allein der Politik die Schuld für die bAV-Flaute in Deutschland in die Schuhe zu schieben, wäre wohl falsch. Auch die Renditen vieler Produkte lassen seit geraumer Zeit zu wünschen übrig. Claus Mischler, Leiter der Produktentwicklung von Standard Life in Deutschland: „Unter Renditegesichtspunkten haben viele bAV-Produkte in den vergangenen Jahren deutlich an Attraktivität verloren. In vielen Bereichen schreibt der Gesetzgeber Garantien vor.

Dies schränkt die Anlagemöglichkeiten der Versicherer stark ein und geht zulasten der Rendite – mit gravierenden Folgen für die Kunden.“ Nicht ganz ohne Eigennutz – Standard Life verzichtet komplett auf Garantien – fordert Mischler daher den Gesetzgeber auf: „Lasst Produkte ohne Garantien zu und dem Kunden die freie Wahl.“

bAV-Berater Stefan Neumer im Interview – auf der nächsten Seite.