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Creditreform
Achterbahnfahrt, Brücke

© akindo/iStock

Die Corona-Krise zehrt am Eigenkapital vieler Unternehmen. Wer ein gesundes Geschäftsmodell hat, kann versuchen, einen Investor zu finden. Die Initiative zur Stärkung des Eigenkapitals im Mittelstand erleichtert die Suche mit einer Plattform.

Antonius Heuer war voll auf Kurs. Bis ein kleines Virus seit knapp einem Jahr seine gesamte Kundschaft lahmlegte. Heuer ist Geschäftsführer der Otalio GmbH. Sein Unternehmen entwickelt Software für die Kreuzfahrtindustrie. Von der Reservierung über das Crewmanagement bis hin zum bargeldlosen Betrieb steuert Otalio alles, was eine Reederei benötigt, um ihren Gästen einen perfekten Service zu bieten. Wenn es denn Gäste gibt. Denn derzeit liegt nahezu die gesamte Kreuzfahrtflotte verwaist vor Anker. Die Folge: Heuers an sich gutes Geschäftsmodell steht plötzlich infrage.

Um Mitarbeiter weiterzubeschäftigen, seine Software weiterzuentwickeln und für die Zeit gerüstet zu sein, wenn die Schiffe wieder mit Gästen an Bord auslaufen dürfen, beantragte Heuer einen Kredit bei seiner Bank – und erhielt eine Absage. Zu jung sei das erst zwei Jahre alte Unternehmen, zu wenig Substanz, zu wenig Sicherheiten könne es bieten.

Fälle wie Otalio gibt es momentan hundertfach in Deutschland. Die Volkswirte der KfW haben bei einer Befragung von kleinen und mittleren Unternehmen ermittelt, dass 29 Prozent – also fast jedes dritte Unternehmen – Umsatzeinbußen befürchten, die ihr Eigenkapitalpolster aufzehren. Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK erwarteten sogar 50 Prozent der Unternehmen Probleme mit ihrem Eigenkapital.

 

Vermittlung von Unternehmensnachfolgen

„Die Situation wird sich zum Jahresende noch verschlechtern“, sagt Matthias Wittenburg. Er blickt auf 25 Jahre Erfahrung im Bankgeschäft zurück, war zuletzt im Vorstand der inzwischen als Hamburg Commercial Bank firmierenden HSH Nordbank. Seit 2017 ist er Geschäftsführer von Companylinks, einer Onlineplattform, die sich auf die Vermittlung von Unternehmensnachfolgen spezialisiert hat, indem sie Verkäufer und potenzielle Investoren zusammenbringt.

Companylinks hat anhand von Durchschnittswerten simuliert, dass ein Jahresverlust, der in diesem Jahr bei vielen Unternehmen anfallen wird, im Schnitt zum Verlust von gut einem Drittel des Eigenkapitals führen wird – mit allen damit verbundenen Folgen, wie einem schlechteren Rating, schlechteren Bankkonditionen, erschwertem Zugang zu Fremdkapital. „Wir haben uns gefragt: Wie sollen Unternehmen auf der einen Seite die Krise meistern und auf der anderen Seite in Digitalisierung und neue Geschäftsfelder investieren?“

Eine Antwort könnte ISEM heißen. Die Initiative zur Stärkung des Eigenkapitals im deutschen Mittelstand hat Wittenburg, unterstützt von Wirtschaftsverbänden, Kammern, aber auch von Creditreform, im April 2020 gegründet. Ihr Ziel: Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen fünf und 100 Millionen Euro sowie mit einem Kapitalbedarf von mindestens 100.000 Euro und Investoren zusammenzubringen. „Es ist absehbar, dass sich bei vielen Unternehmen die Bilanzkennzahlen dramatisch verschlechtern werden. Die von ISEM angestoßene Stärkung der mittelständischen Wirtschaft durch geeignete Eigenkapitalinvestoren ist daher zu begrüßen“, sagt Nikolaus von der Decken, Geschäftsführer von Creditreform Hamburg.

Datenbank umfasst gut 8.000 Beteiligungsgesuche

Bei der Vermittlung nutzt ISEM das Know-how und die Technologie der Companylinks-Plattform. Investoren können sich dort registrieren und Kriterien wie Zielbranche, Region, gewünschte Mitwirkung und Mindest-Investitionsbetrag hinterlegen. „Geld ist im Markt genügend vorhanden“, sagt Wittenburg. Gut 8.000 Beteiligungsgesuche umfasst die Datenbank, von Unternehmen, die eine passende Ergänzung zu ihrem bestehenden Geschäft suchen, von Family Offices und Finanzinvestoren sowie von Privatpersonen. Sie erhalten Vorschläge, sobald ein Unternehmen bei ISEM anfragt und seine Kriterien mit denen der Gesuche übereinstimmen. Für jeden erfolgreichen Deal erhält ISEM beziehungsweise Companylinks ein Prozent der Investitionssumme als Provision.

Antonius Heuer konnten die Vermittler nach einer Vorauswahl 30 potenzielle Investoren vorschlagen, zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Softwareunternehmers. Mit dreien führte er schließlich ernsthafte Gespräche. Von zweien liegt ihm nun eine Finanzierungszusage vor. „Jetzt muss ich mich entscheiden“, sagt Heuer. Beide Interessenten seien Family Offices. Das eine investiere sehr breit in gute Geschäftsmodelle und mit der Intention, nach fünf bis zehn Jahren wieder auszusteigen. Das andere komme aus der Schifffahrtsbranche und sei an einer langfristigen Beteiligung interessiert. „Beides sind sehr interessante Optionen für die Zukunft von Otalio“, sagt Heuer, der mit 63 Jahren auch schon über eine potenzielle Unternehmensnachfolge nachdenkt. Noch vor Weihnachten sollen die Verträge unterschrieben sein, der gesamte Prozess wird damit kaum mehr als vier Monate gedauert haben.

Und das Kapital hilft Otalio, nicht nur die Krise zu überstehen, sondern 2021 und 2022 gestärkt daraus hervorzugehen und neue Marktchancen zu nutzen. Gerade hat Heuer das Pricing für einen Teil seiner Software von einem Lizenzmodell auf ein transaktionsbasiertes Modell umgestellt. „Die Branche rechnet damit, dass sie 2021 etwa 50 Prozent ihrer Kapazitäten wieder auslastet, 2022 dann 70 Prozent“, rechnet der Unternehmer vor. Er ist sich sicher, dass die Kreuzfahrtindustrie wieder an den Boom bis 2020 anknüpfen kann – und hofft, gemeinsam mit seinen neuen Investoren am neuerlichen Aufschwung partizipieren zu können.

Mehr Infos zu ISEM unter: initiative-eigenkapital.de