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Creditreform
Porträt von Marika Lulay

© GFT

Marika Lulay spielt eine Schlüsselrolle bei der Digitalisierung der Finanzbranche. Der Beratungsbedarf wächst extrem – und die Chefin des IT-Dienstleisters GFT punktet mit internationalem Teamwork.

 

Das war mal ein guter Tipp: „Machen Sie doch was mit Computern“, riet die Beraterin des Arbeitsamtes. Eigentlich wollte Marika Lulay ja Humangenetikerin werden, doch für weitere Wartesemester fehlten Lust und Geld. Also schrieb sie sich an der Hochschule Darmstadt für Technische Informatik ein. „Ich hatte null Ahnung, nicht mal einen programmierbaren Taschenrechner“, sagt Lulay rückblickend.

Das war Mitte der 1980er-Jahre, der Commodore C64 galt als das heißeste Teil in der Computerwelt. Die junge Frau, die damals auf Lochkarten programmieren lernte, konnte nicht ahnen, dass sie Jahre später eine furiose Karriere in der IT-Industrie hinlegen würde.

Seit 2017 führt Lulay als CEO erfolgreich einen IT-Konzern mit mehr als 7.000 Beschäftigten: Die GFT Technologies SE wächst derzeit mit mehr als 20 Prozent im Jahr. Schon zweimal wurde 2021 die Prognose nach oben geschraubt: 550 Millionen Euro Umsatz und 36 Millionen Euro Gewinn vor Steuern peilt Lulays Team an. „Schon cool, oder?“, sagt sie.

Das ist ein typisch lakonischer Marika-Lulay-Kommentar: Sie referiert Zahlen, Fakten und Business-Szenarien, bringt dann aber alles immer mit einem Lächeln ganz unkompliziert auf den Punkt. Selbstbewusst wirkt das und ausgeruht – trotz der hohen Verantwortung, die sie trägt.

Der menschliche Faktor ist wichtig für den Erfolg des Stuttgarter Softwarehauses. Und zwar gerade dann, wenn es um Projekte geht, die tief im Daten- und Maschinenraum der Unternehmen spielen. Denn für die Kunden sind es oft „Do or Die“-Entscheidungen – es wird zur Vertrauensfrage, wen man engagiert.

Auf Lulay ist Verlass

„Wir sind klein genug, um uns persönlich zu kümmern. Aber groß und international genug, um riesige Aufträge zu stemmen“, sagt Lulay. „Und Spezialist genug, um ganz vorne zu sein.“ Wenn die GFT-Experten anrücken, handelt es sich meist um heikle Operationen an den digitalen Nervenbahnen der Unternehmen.

Das Kompetenzprofil der Stuttgarter klingt nach Buzzword-Bingo: „Cloud, Blockchain, KI, Smart Contracts und dezentrale Finanzen – mit diesen Themen sind wir hervorragend positioniert“, sagt Lulay.

Es geschah schon mal, dass vor der Auftragsvergabe eine Art persönliches Gelübde von ihr gefordert wurde: „Wenn das hier schiefgeht, Marika, kostet es meinen Job und den des gesamten Vorstands. Also: Was steht für dich auf dem Spiel, und ich spreche nicht nur von Geld …“

In dieser Situation – es ging um ein 80-Millionen-Projekt an einem Kernversicherungssystem – konnte sie den Topmanager der französischen Assekuranz La Macif beruhigen: „Verlass dich auf uns. Wir machen das nicht zum ersten Mal und werden alles tun, damit uns das Ding nicht um die Ohren fliegt.“ Freilich geht es auch um Erfolgsnachweise und die 34-jährige GFT-Historie, wenn die IT-Kernsysteme für Versicherer und Banken erneuert werden sollen.

Lulay sagt ganz selbstbewusst: „Aus Sicht unserer großen Konkurrenten im IT-Servicemarkt sind wir ein nerviger, kleiner Ekliger, der irgendwo im Weg rumläuft. Wir schnappen denen ja auch regelmäßig die Filetstücke weg.“

So geschehen in Hongkong, wo die Stuttgarter den Zuschlag erhielten, eine der ersten virtuellen Banken aufzubauen, die Mox-Bank – ein Prestigeprojekt mit Strahlkraft. „Wir wollen immer zu den Ersten gehören, die es verstanden haben“, sagt Lulay. „Denn beim Ersten rufen dann auch die anderen an.“

Die Mox-Bank sei eine „appgesteuerte Digitalbank in Reinform“, erklärt Lulay. Als Kernsystem wird eine auf Blockchain basierende Technologie eingesetzt, die Kontoeröffnung dauert drei Minuten, die Kreditkarte trägt nicht einmal mehr eine Nummer. „Asien setzt technologisch die Trends.“

Das Unternehmen GFT

Im Schwarzwald wurde die Gesellschaft für Technologietransfer (GFT) 1987 gegründet – im Gebäude der Schallplattenfirma Dual in St. Georgen. Geschäftsführer Ulrich Dietz brachte das Unternehmen 1999 an die Börse – mit dem Platzen der Dotcom-Blase schrumpfte der Kurs um 99 Prozent. Marika Lulay startete 2002 mitten in den Turbulenzen – und half dabei, das Geschäft zu stabilisieren und mit Fokus auf Finanz-IT zu internationalisieren. 2008 zog das Hauptquartier nach Stuttgart. GFT treibt die digitale Transformation führender Banken, Versicherer und Industrieunternehmen voran, wichtigster Kunde ist die Deutsche Bank. Themen wie Cloud, Blockchain und Künstliche Intelligenz sind ebenso Wachstumstreiber wie die Pflege und Modernisierung von Legacy-Systemen, die sich nicht einfach abschalten lassen. 95 Prozent der mehr als 7.000 GFT-Experten arbeiten im Ausland. Für 2021 erwartet GFT einen Umsatz von 550 Millionen Euro (+ 24 %) und 36 Millionen Euro Gewinn vor Steuern (+ 155 %).

99 Prozent im Homeoffice

Dass das Stuttgarter Softwarehaus so international agieren kann, liegt an der hybriden Arbeitsweise der virtuellen Teams. Vor der Pandemie jettete Marika Lulay noch zweimal pro Woche durch die Welt. „Seit März 2020 bin ich anderthalb Jahre nicht mehr geflogen – und vermisse nichts von der Hektik.“

Heute dirigiert sie – bei schönem Wetter – von ihrer Terrasse im Odenwald ein internationales Team über alle Zeitzonen hinweg. „Wir sind zu 99 Prozent im Homeoffice. Mit anderen Worten: Jeder fünfte Mitarbeiter hat noch nie in seinem Leben einen GFT-Manager aus der Nähe gesehen.“ Denn die Mitarbeiterzahl wuchs binnen Jahresfrist um mehr als 20 Prozent.

 

Firmenwert: Wir gegen die anderen

Die allermeisten seien echte Tekkies, wie Lulay selbst. 95 Prozent der Mitarbeiter leben im Ausland: 2.000 in Brasilien, 1.800 in Spanien, 1.000 in Polen. „Wir vereinen eine Vielfalt von Kulturen“, sagt Lulay. Wie das klappt? „IT-ler sind in der Regel unpolitisch.

Sie wollen ein cooles Projekt machen – das steht über allem“, erklärt Lulay. „Sie leben im Amazonasgebiet, aber arbeiten virtuell in Hongkong mit einem Kollegen aus Vietnam. Wenn Sie denen diesen Freiraum lassen, sind sie glücklich.“ Die zentralen Firmenwerte drehen sich um Kollaboration und Zusammenhalt. Damit verknüpft sind gegenseitige Unterstützung nach innen, aber auch Biss nach außen: Wir gegen die anderen.

Damit Gemeinschaftsgefühl unter virtuell vernetzten Kolleginnen und Kollegen aufkommen kann, will Lulay internen Wettkampf um Provisionen und Boni im Keim ersticken. „Wie wir das am Ende verrechnen und wo der Gewinn verbucht wird, ist zweitrangig.

Auf den unteren vier bis fünf der sieben Karrierelevel bezahlen wir nicht variabel.“ Um den Wertekanon wachzuhalten, schreiben die Führungskräfte Blogs, es gibt viele Townhall-Meetings und digitale Vernetzungen abseits der Arbeit.

Oft entstehen aus Mitarbeiterinitiative extrem gute Ideen, Stichwort: Greencoding. „Als ich in einem Townhall-Meeting sagte, unsere Möglichkeiten zur CO2-Reduktion seien begrenzt auf den Einkauf von Ökostrom, widersprach mir ein Mitarbeiter aus Barcelona empört“, sagt Lulay.

 

Die Erfindung des Green Coding

GFT könnte ja die Software von vornherein so programmieren, dass die Hardware weniger Energie benötigt, so der Einwand. „Er hatte natürlich recht.“ Der Spanier erfand das griffige Label „Greencoding“ gleich mit, schrieb im kleinen Kreis ein Whitepaper.

Das ist mittlerweile öffentlich im Netz, ein Schulungskonzept wurde auf die Beine gestellt. „Wir trainieren unsere Leute darauf und bringen Greencoding als neues Qualitätsmerkmal zu unseren Kunden.“ Wenn die EU eine Scope-3-Klassifizierung für Software-Emissionen fordert, sollen GFT-Kunden diesen Nachweis führen können.
Vorurteile abschaffen

Unter den deutschen Top-200-Aktiengesellschaften sind aktuell nur neun weibliche CEOs zu finden. Macht sich Lulay da als Role Model die Frauenförderung zur besonderen Aufgabe? Nein, sagt sie klar. Eine explizite Förderung findet sie in der IT unnötig. „Wir suchen gute Leute, unabhängig vom Geschlecht.“

Der Frauenanteil liege mit 28 Prozent bei GFT dennoch über der Messlatte. Und die ist die Abschlussquote des Studiengangs Informatik. „Anfang des Jahres habe ich dann aber doch erstmals ein kleines Frauennetzwerk im Unternehmen eröffnet – und da entstanden ein paar überraschende Diskussionen, die wir sonst nicht gehabt hätten.“

Ins Blickfeld kam vor allem das Thema Singles. „Viele reden über LGBT und Frauen und Kinder – das ist alles sehr offensichtlich, aber wir dürfen die Alleinstehenden nicht vergessen“, fordert Lulay. Bei denen werde oft unterstellt, sie hätten viel Zeit und Flexibilität.

Andersherum wolle manche Mutter gar nicht weniger arbeiten, nur weil sie ein Kind hat. „Wir müssen die Leute fragen, was sie wollen und wie sie es wollen, anstatt immer mit definierten Fürsorgeprogrammen auf bestimmte Gruppen zuzugehen und vielleicht andere Leute zu vergessen“, lautet Lulays Erkenntnis. „Lasst uns Vorurteile abschaffen und mehr aufeinander achten.“

 

Corona als Turbo

Die Pandemie war nicht nur eine Zeit der inneren Entschleunigung. Lulay genießt mittlerweile, morgens nach einem frühen Cappuccino etwas Zeit für sich zu haben – und bei längeren Waldläufen den Kopf klarzubekommen. Die Corona-Krise war für sie zugleich ein Turbo für das Geschäft.

„Die Kunden haben sich entschieden, im großen Stil in die Digitalisierung zu gehen“, sagt Lulay. Größere Projekte, schnellere Entscheidungszyklen. „Früher wurde noch dreimal diskutiert und viermal verkleinert und fünfmal verschoben – heute wird einfach gemacht.“ Die neue Entschlossenheit der Kunden zur Transformation habe sie „wirklich überrascht“.

Versicherungen sind weltweit die größten Treiber ihres Wachstums. Die geringen Schadenquoten in der Pandemie gäben den Unternehmen Spielraum für längst überfällige Investitionen, sagt Lulay. Vor allem die Einführung der Standardsoftware Guidewire stehe bei Schaden- und Unfallversicherern massenhaft an.

Die Umsätze mit Versicherungen hat GFT nach eigenen Angaben im ersten Halbjahr 2021 um 45 Prozent gesteigert, das Industriegeschäft wuchs um 23 Prozent, das Bankgeschäft um 13 Prozent – alles organisch. Das verhalf auch der Aktie zu einem Höhenflug – der Kurs hat sich binnen eines Jahres weit mehr als verdoppelt. „Wären wir an der Nasdaq notiert, hätten wir eine doppelt so hohe Bewertung“, sagt Lulay.

Der Grund: Auf Tech-Werte blicken Anleger in den USA mit noch erheblich größerem Vertrauensvorschuss.

Dennoch: Lulay will sich nicht von kurzfristigem Quartalsdenken antreiben lassen. „Unser Unternehmen verbindet die kaufmännische Disziplin, die einem die Börse auferlegt, mit der Nachhaltigkeit eines familiengeführten Unternehmens“, sagt sie. Ein wesentlicher Grund liegt in der stabilen Aktionärsbasis.

Der Unternehmensgründer Ulrich Dietz, der sich 2017 in den Verwaltungsrat zurückgezogen hat, hält 26,3 Prozent, seine Frau Maria Dietz weitere 9,5 Prozent. Mit ihren Ankeranteilen sorgen sie dafür, dass es faktisch keine feindliche Übernahme geben kann und kein aktionistischer Investor Wirbel macht. Was das Börsensegment angeht, zeigt Lulay Zähne. „Wir waren mal im TecDax, sind 2018 rausgefallen – und wollen da wieder hin. Ich bin sicher, dass wir es schaffen.“