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Creditreform

Keine Bilanzen, keine Publizitätspflichten und als Manager einen Scheindirektor: Briefkastenfirmen gibt es an vielen, meist exotischen Orten auf der Welt.

Die Mitarbeiter von Creditreform International taten ihr Bestes. Aber die wenigen Informationen, die sie über die Paulanna N. V. (Name geändert) mit Sitz auf den Marshallinseln zusammentragen konnten, machten die Firma für den Auftraggeber der Anfrage nur wenig transparent. Bilanzen waren nicht erhältlich, da es keine Publikationspflicht gab. Bankverbindungen waren nicht bekannt, eigene Geschäftsräume am Ort nicht ersichtlich und offenbar beschäftigte Paulanna auch kein Personal. Über eine Telefonverbindung verfügte die Firma ohnehin nicht – wie üblich bei einer solchen Offshore Company, also einem Unternehmen, das in einer Steueroase wie den Marshallinseln seinen Sitz hat, seine eigentlichen Tätigkeiten aber an einem anderen Standort ausübt.

Ein Firmenmantel als bloße Hülle

„Wir empfehlen, mit solchen Sitzgesellschaften keine Geschäfte zu machen“, betont Wolfgang Keusgen, Geschäftsführer von Creditreform International. Zu groß sei die Gefahr, dass Rechnungen nicht bezahlt würden. Und per Klage ließen sich Ansprüche gegen ein solches Unternehmen in der Regel auch nicht durchsetzen. Die Panama Papers, also die Enthüllungen über Steuervergehen mittels Briefkastenfirmen vor einigen Wochen, haben Keusgen nicht überrascht: „Das sind Methoden, die wir kennen.“ Seine Mitarbeiter und er stoßen bei ihren Recherchen sehr häufig auf Unternehmen mit Sitz in Panama, Delaware, Jersey oder den Cayman Islands, die im Grunde bloße Hüllen mit offiziellem Eintragungsdatum und Firmennamen sind. Wirtschaftliche Aktivitäten verbergen sich hinter diesen Adressen jedoch meist nicht, oder allenfalls eingeschränkt.

„Jeder muss für sich entscheiden, ob er mit solchen Unternehmen Geschäfte macht.“ Wolfgang Keusgen, Creditreform International

Für manchen, der Creditreform um Auskunft über einen ihm unbekannten Geschäftspartner bittet und eine solche Information erhält, ist das meist eine Enttäuschung. Denn damit ist klar: Nun ist äußerste Vorsicht geboten. Manchmal, so beobachtet Keusgen, sei der Reiz ein Geschäft zu machen, jedoch größer als die Furcht davor, einem Betrüger aufzusitzen. „Das muss dann jeder für sich entscheiden.“

Briefkastenfirmen sind nicht automatisch illegal

Dabei können Besitzer von Briefkastenfirmen durchaus legitime Absichten haben. Die Gründung einer solchen Gesellschaft ist nicht grundsätzlich gesetzeswidrig. Mancher nutzt vielleicht dieses Vehikel, um neue Geschäftsfelder anzugehen – ohne dass Mitbewerber davon gleich Wind bekommen. Allerdings: Die niedrigen Steuersätze sowie die lockeren Publizitäts- und Bilanzierungsvorschriften in vielen exotischen Ländern ziehen auch Akteure mit kriminellen Absichten an. Mit einem Briefkastengebilde als „Schattenspender“ können sie illegal erlangte Gelder unbeobachtet verschieben.

Eine Übersicht zu typischen Merkmalen einer Briefkastenfirma sowie zu den (negativen) Folgen einer Geschäftsanbahnung lesen Sie in der App oder hier im Netz.

Briefkastenfirmen werden auf Vorrat gegründet

Die Gründung einer Offshorefirma ist vergleichsweise leicht. Manche Registrierungsagenten, wie die im Zusammenhang mit den Panama Papers in die Schlagzeilen geratene Kanzlei Mossack Fonseca Group in Panama, gründen – zunächst ohne Kundenauftrag – Tausende Briefkastenfirmen. Erst danach bieten sie diese potenziellen Kunden als Verschleierungsmodell an. Das ist ohne großen finanziellen Einsatz möglich. In vielen Fällen beträgt das einzuzahlende Mindestkapital lediglich einen US-Dollar.

Als verantwortlichen Manager setzen sie einen „Scheindirektor“ ein, häufig ein Angestellter des Registrierungsagenten. Er steht mit seinem Namen und seiner Unterschrift für die Firma. Auf dem Papier können viele Hundert Briefkastenfirmen denselben Scheindirektor haben. Die tatsächlichen Firmengründer treten entweder nicht in Erscheinung oder lassen sich durch Berater oder Kanzleien vertreten. Bei dem Unternehmen Paulanna auf den Marshallinseln ließ sich noch nicht einmal der Name des Scheindirektors ermitteln.

 

 

Briefkastenfirmen – ein globales Geschäft

Delaware (USA)

• Die LLC (Limited Liability Company) ist weder steuer-, buchhaltungs- noch bilanzierungspflichtig, solange die Gewinne keinen US-Bezug haben.
• Banken gehen derzeit dazu über, nur noch Konten für US-Gesellschaften zu eröffnen, bei denen es mindestens einen in den USA ansässigen Zeichnungsberechtigten gibt.

Britische Jungferninseln

• Namen von Eigentümern und Management werden nicht veröffentlicht.
• Keine Buchhaltungspflicht.
• Eingezahltes Mindestkapital: 1 US-$; üblicherweise gezeichnetes Kapital: 50.000 US-$.

Panama

• Anonyme Gründung mit Treuhandgeschäftsführung.
• Offshoreunternehmen sind von der Steuerpflicht befreit.
• Kein Doppelbesteuerungsabkommen.
• Eingezahltes Mindestkapital: 1 US-$; üblicherweise genehmigtes Kapital: 10.000 US-$.

Isle of Man

• Eigentümer, Gesellschaftskapital und Jahresabschlüsse müssen nicht publiziert werden.
• Als Sitzgesellschaft Pauschalsteuer von nur 750 £ pro Jahr auf ausländische Gewinne.

Guernsey

• Keine Publikationspflicht für Gesellschafterkapital.
• Keine Publikationspflicht für Jahresabschlüsse.
• Günstige Steuerbedingungen.

Malta

• Publikationspflicht für Jahresabschlüsse, keine Sanktionen bei Verstößen.
• Günstige Steuerbedingungen für Gesellschaften, die Gewinne außerhalb erwirtschaften.

Seychellen

• Eigentümer, Teilhaber und Direktoren erscheinen in keinem offiziellen Firmenregister.
• Keine Buchhaltungspflicht.
• Gesellschafterversammlungen können weltweit abgehalten werden.

Marshallinseln

• Kein Doppelbesteuerungsabkommen.
• Keine Bilanzierungspflicht.
• Standardkapital: 500 Anteile ohne Nennwert.