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Es war in den 80er-Jahren auf der Funkausstellung in Berlin: Vor einer Riesenmeute an Journalisten präsentierte Sony sein 8-mm-Videosystem (Video 8) – ein Meilenstein auf dem Weg der Miniaturisierung in der Unterhaltungselektronik. Eher verstohlen meldete sich auch ein südkoreanischer Hersteller zu Wort und stellte hinter den Kulissen völlig unaufgeregt seine eigene Entwicklung vor: ein Vier-Millimeter-Videosystem, das noch kleinere Kassetten und damit Geräte benötigte als die Sony-Variante. Der Name des Unternehmens: Samsung. Die Fachwelt lachte. Samsung? Was sollte von denen schon kommen, war die Firma doch bisher hauptsächlich nur mit biederen Billig-Röhrenfernsehern in Erscheinung getreten. Zwar wurde 4-mm-Video nie auf den Markt gebracht – doch es war ein erster Fingerzeig, dass Mauerblümchen Samsung gewillt war, von nun an in der Unterhaltungselektronik ein wichtiges Wörtchen mitzureden.

Heute lacht niemand mehr über das Unternehmen. Längst wurden die einstigen Stars und Trendsetter der Unterhaltungselektronik aus Japan wie Sony, Sharp und Panasonic vom unterschätzten Konkurrenten aus Südkorea überrollt. „Samsung ist typisch für die gesamte Entwicklung Südkoreas“, sagt Prof. Dieter Schneidewind, ehemals Vorstand der Wella AG, zuständig für Asien Pazifik, und Autor des gerade erschienenen Buches „Wirtschaftswunderland Südkorea“ (Verlag Springer Gabler). „Hier ist das oft strapazierte Wort vom ‚Wirtschaftswunder‘ wirklich angebracht. Denn Südkoreas Wachstumsspektakel grenzt ans Mirakulöse.“ Tatsächlich war das einst agrarisch geprägte Land vor einem halben Jahrhundert noch so arm wie die ärmsten Staaten Afrikas. Heute nimmt es als G20-Mitglied beim BIP mit 1,1 Billionen US-Dollar im Jahre 2011 Platz 15 in der Weltrangliste ein. Und beim kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf übertrifft die Republik Korea, wie das Land offiziell heißt, mit 31.713 US-Dollar sogar Italien und Spanien. „Wofür andere Länder 200 Jahre brauchten, schafften das die Südkoreaner in weniger als 50 Jahren“, konstatiert der Professor. „Eine in der Welt einmalige Leistung.“ Selbst in der globalen Finanzkrise gelang es dem Land mit 50 Millionen Einwohnern, nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) 2009 sein reales BIP noch um 0,3 Prozent zu steigern. Schon ein Jahr später waren es bereits wieder 6,3 Prozent. Somit wurde in diesem Jahrhundert noch kein einziges Mal ein Minus verzeichnet.

Der Aufschwung im Süden begann mit General Park Chung Hee, der sich 1961 an die Macht geputscht hatte. „Er ist der eigentliche Vater des Wirtschaftswunders“, so Prof. Schneidewind. Park erkannte, dass sein Land zu klein war, um Güter hauptsächlich für den heimischen Markt zu produzieren und so auf Importe zu verzichten. Also verordnete er verschiedene Fünf-Jahres-Pläne, investierte in Bildung und förderte mit rigoroser staatlicher Lenkung junge, zukunftsträchtige Industrien, die von nun an den Weltmarkt erobern sollten. Standen anfangs Schuhe und Spielzeug auf der Exportliste, folgten später immer höherwertige Produkte wie Elektrogeräte und schließlich Autos und riesige Schiffe. So kam Südkorea an Devisen, konnte damit seine Importe finanzieren und den Wohlstand mehren.

Freilich hatte die Militärdiktatur, die viele Jahre anhielt, auch schlimme Schattenseiten. Tausende von Menschen wurden eingesperrt, es wurde von Staats wegen gefoltert und gemordet. Und Diktator Park verlangte seinem Volk immer neue Höchstleistungen ab. Und das Volk machte mit. „Der Grund liegt in dessen Geschichte, die immer geprägt war von Mangel“, erklärt Prof. Schneidewind. So sei der bewunderte Aufstieg Südkoreas zu einer führenden Wirtschafts- und Technologiemacht auf die Leidensfähigkeit und den Fleiß seiner Bürger zurückzuführen. Und auf deren Optimismus.

Das wirtschaftliche Wachstum wurde freilich auch erkauft mit dem gigantischen Wachstum beherrschender Großkonzerne in der Hand weniger Familien, den berühmt-berüchtigten Chaebols, zu denen außer Samsung auch LG und Hyundai zählen. „Gegen die Interessen von Samsung geht in Korea praktisch nichts“, meint Hans-Bernd Merforth, Vorstand der Europäischen Handelskammer in Seoul.

Weil diese Konglomerate mit ihren vielen undurchsichtigen Sparten das meiste Kapital aufsaugten, hatten es kleine und mittelständische Betriebe lange Zeit schwer, sich zu entwickeln. Doch in der Asienkrise 1997/98 musste das koreanische Wirtschaftsmodell seine erste schwere Bewährungsprobe bestehen. Mit einem Kredit in Höhe von 57 Milliarden US-Dollar rettete der IWF den Staat vor dem Bankrott, verlangte allerdings drastische Auflagen, darunter die Reform des Finanzsektors, die Liberalisierung der Märkte und die Restrukturierung der Unternehmen. Die Regierung scheute sich nicht, einige Banken pleitegehen zu lassen. Auch einige Chaebols mussten dran glauben. So wurde der Autobauer Kia von Hyundai geschluckt. Die Bürger mussten ebenfalls ihren Beitrag leisten und auf 30 Prozent Lohn verzichten. Ergebnis: Wie Phönix aus der Asche erwachte die Wirtschaft zu neuem Leben. Bereits wenige Jahre später zahlte die Regierung die Kredite vollständig zurück. „Südkorea ist ein gutes Beispiel dafür, wie man mit drastischen Maßnahmen die Weichen für eine positive Zukunft stellen kann“, meint Ekkehard Wiek, Asien-Fondsmanager in Singapur, mit einem Seitenblick auf die Eurokrise.

Ende 2011 nahm Südkorea bei den Währungsreserven mit einer Rekordsumme von 306,4 Milliarden US-Dollar weltweit den siebten Platz ein. Heute beträgt die Staatsverschuldung gerade mal 30 Prozent des BIP. Bei den Privathaushalten allerdings ist sie mit rund 100 Prozent immer noch sehr hoch. Ein Grund dafür mag auch sein, dass der größte Anteil des Familienbudgets für die teure Ausbildung der Kinder draufgeht. „Schüler und Studenten lernen dafür von neun Uhr morgens oft bis tief in die Nacht hinein“, weiß Prof. Schneidewind. „Denn nur allerbeste Noten gewähren Zugang zu den Top-Universitäten, die entscheidend sind für die spätere Karriere.“ Zweifellos hat Südkorea bisher gezeigt, dass es sich Veränderungen flexibel anpassen kann – wenn es sein muss, mit radikalen Schritten. Trotz hoher Exportabhängigkeit von gut 50 Prozent des BIP ist das Land hervorragend durch die derzeitige weltweite Wirtschaftskrise gesteuert, auch wegen der großen Nachfrage aus China. Und es schickt sich an, weitere Marktanteile zu erobern und damit die einstige Kolonialmacht Japan noch mehr zu ärgern. So will Hyundai Motors den Autobauer Toyota angreifen. Eine Studie der Uni Duisburg-Essen hält es für möglich, dass Hyundai-Kia 2020 der größte Autobauer der Welt sein könnte.

Was bedeutet das alles für Anleger? Prof. Schneidewind ist grundsätzlich zuversichtlich: „Insgesamt gesehen würde ich viel eher in koreanische Aktien investieren als in deutsche.“ Für weiterhin aussichtsreich hält er Samsung, Hyundai und vor allem den Fernsehgerätehersteller LG, der inzwischen ins Konsumgütergeschäft eingestiegen ist. Ekkehard Wiek hingegen hat eher die kleineren Unternehmen im Blick. Attraktive Titel auf Sicht von zwölf Monaten seien besonders in den Branchen Finanzen und Dienstleistungen zu finden. Potenzial sieht er in den Firmen Daishin Securities Co., BS Financial Group Inc., Woori Finance Holding, KMH Co. Ltd. und Dongsuh Cos. Inc.

Auf politischer Ebene bewegt unterdessen Nordkoreas Diktator Kim Jong Un die Gemüter: Seit er in seiner Neujahrsansprache die Beendigung der Landesteilung „eine wichtige Aufgabe“ nannte, wird kräftig über eine Wiedervereinigung spekuliert. Allerdings habe Südkoreas Mittelschicht Angst vor den Kosten, die eine Einigung mit sich bringen würde, weiß Lothar de Maiziere, der demokratisch gewählte letzte Regierungschef der DDR. Er berät den Süden in Sachen möglicher Wiedervereinigung. Doch die langfristigen Vorteile wären enorm. Der Verteidigungshaushalt würde entlastet, die Befriedung der Halbinsel würde Investoren anlocken und das Land nicht zuletzt vom reichen Rohstoffvorkommen (Kohle, Eisenerz, Uran) des Nordens und seinen billigen Arbeitskräften profitieren. Mit 75 Millionen Einwohnern käme Gesamt-Korea fast an die Bevölkerungszahl Deutschlands heran. Freilich gibt es derzeit keinerlei Anzeichen, dass eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit auf der Tagesordnung stehen könnte. Doch auch in Deutschland kam sie ja schneller als erhofft.

Übrigens: Seit diesem Jahr wird Südkorea erstmals von einer Frau regiert, der ältesten Tochter des einstigen Präsidenten Park. Ein gutes Omen? Investoren hat sie ein Versprechen gegeben: Während ihrer Amtszeit will sie den Aktienindex Kospi an die 3.000er-Marke heranführen. Stand Ende Januar: 1.962 Punkte.

Wolfram Tauscher