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Creditreform

Die Erwartungen sind groß. Die betriebliche Altersversorgung soll nicht nur das Auskommen im Alter verbessern, sondern am besten auch das sinkende Niveau der gesetzlichen Rente kompensieren. Doch wie können Unternehmen und bAV dieser Rolle gerecht werden? 

 

© Julian Rentzsch

Die gesetzliche Rente sinkt – womit die Bedeutung der betrieblichen Altersversorgung (bAV) steigt. Aus dieser Motivation heraus wurde auch das Betriebsrentenstärkungsgesetz erlassen. Es gilt seit Anfang des Jahres und soll Unternehmen dazu bringen, ihren Mitarbeitern diese zusätzliche Säule der Vorsorge schmackhaft zu machen.

Denn bis dato machten viele kleine Unternehmen einen großen Bogen um die Betriebsrente – zu kompliziert, zu teuer, zu weit vorausgedacht, lauten die Argumente. Dabei ist sie durchaus sinnvoll – und kompliziert muss sie gar nicht sein.

Für Arbeitnehmer leistet sie einen Beitrag zur Finanzierung des Ruhestands. Für Unternehmen bietet sie einen Vorteil im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter. Der Staat fördert das mit günstigeren Rahmenbedingungen. Unabhängig von der Größe profitieren alle Betriebe etwa von höheren Freibeträgen bei der Altersversorgung ihrer Mitarbeiter.

 

KMU setzen auf Direktversicherung

Doch je nach Branche und Unternehmensgröße sind die bAV-Praktiken in Deutschland noch immer sehr unterschiedlich. Das zeigt der neu aufgelegte bAV-Index von Willis Towers Watson. So setzen KMU in der Regel auf klassische Direktversicherungslösungen, die sich gut verständlich und verwaltungsfreundlich gestalten lassen, während Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern das breite Spektrum der Möglichkeiten nutzen.

Auffällig sind auch die großen Niveau-Unterschiede in Abhängigkeit von der Unternehmensgröße und Branche – sowohl in Bezug auf die Leistungshöhe als auch auf die damit verbundenen Kosten.

Tendenziell gilt: Je größer das Unternehmen, desto höher die gewährte bAV-Leistung. Doch die attraktive Gestaltung der bAV steht seit einigen Jahren vor einer großen Herausforderung: dem niedrigen Zinsniveau. Deshalb überrascht es nicht, dass Versorgungszusagen mit einem fest zugesagten Zins zunehmend von Plänen mit kapitalmarktorientierten Zinsmodellen abgelöst werden.

Laut bAV-Index nutzen bereits 81 Prozent der betrachteten Unternehmen entsprechende Gestaltungslösungen, bei denen sich die Leistung in Abhängigkeit einer tatsächlichen oder fiktiven Kapitalanlage entwickelt. Drei Viertel dieser Unternehmen setzen dabei auf versicherungsbasierte Lösungen.

Die so gestalteten Zusagen können flexibel auf Zinsschwankungen im Markt reagieren und bieten bei einer positiven Zinsentwicklung die Chance auf eine attraktive Rendite. Damit werden die Risiken für Unternehmen gut eingegrenzt, während Mitarbeiter weiterhin von einer solide finanzierten bAV-Zusage profitieren.

Mit der den Sozialpartnern eingeräumten Möglichkeit, eine garantiefreie Versorgungszusage mit höheren Renditechancen zu gestalten, folgt der Gesetzgeber diesem Weg. Der aktuell verminderten Renditeerwartung setzt er Zuschüsse des Arbeitgebers zur vom Arbeitnehmer finanzierten bAV entgegen. Denn: Mitarbeiter werden ihre bAV vor allem dann schätzen, wenn sie zu ihrem Altersversorgungsbedarf passt.

Bisher allerdings reicht das im bAV-Index ermittelte Versorgungsniveau der arbeitgeberfinanzierten betrieblichen Altersversorgung von im Median 4,4 Prozent bis 4,8 Prozent der letzten Grundvergütung kaum aus, um die sinkende Tendenz der gesetzlichen Rente in den vergangenen Jahren aufzufangen – wobei davon auszugehen ist, dass das Niveau der gesetzlichen Rente aufgrund der demografischen Entwicklung weiter absinken wird.

Zwar ist die bAV – insbesondere für Führungskräfte – bereits heute ein wesentlicher Teil der Vergütung. Vom gesellschaftspolitischen Anspruch als zweite Säule der Alterssicherung ist sie noch weit entfernt. Daran ändert auch die zu begrüßende Tatsache nichts, dass viele Versorgungswerke von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam – mit oftmals über die gesetzliche Forderung hinausgehenden Förderbeiträgen des Arbeitgebers – finanziert werden. Es bleibt noch Luft nach oben.

Zur Person

Heiko Gradehandt ist Bereichsleiter Betriebliche Altersversorgung beim Beratungsunternehmen Willis Towers Watson in Wiesbaden. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung in der Gestaltung und Betreuung betrieblicher Versorgungswerke und verantwortet unter anderem die Entwicklung und den Vertrieb von auf die Bedürfnisse des Mittelstandes zugeschnittenen Lösungen in der Plan- und Finanzierungsgestaltung.