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Creditreform

Dr. Michael Munsch ist Vorstand der Creditreform Rating AG. Im Gespräch berichtet der Spezialist für das Rating von mittelständischen Unternehmen über die aktuelle Situation auf dem Markt für Mittelstandsanleihen und über die Kreditservices seiner Agentur.

Herr Dr. Munsch, in Ihrer jüngsten Studie „Mittelständische Anleihemärkte in Deutschland 2010-13“ haben Sie sich mit dem Thema Mittelstandsanleihen beschäftigt. Wie können Sie die Zahl der hohen Ausfälle erklären?

Lassen Sie mich ein paar Zahlen nennen: Bei den bisher emittierten 106 Anleihen von 95 Unternehmen, von denen 76 ein Rating von uns hatten, kam es zu insgesamt 14 Ausfällen – elf waren Unternehmen, die von uns geratet wurden. Dabei handelte es sich in acht Fällen um Unternehmen aus den Branchen Energie und erneuerbare Energien. Zur Zeit des Ratings erlebten diese Betriebe einen sagenhaften Boom. Im Zuge der Subventionskürzungen und der starken Konkurrenz aus China haben sich die Marktverhältnisse in dieser Branche jedoch drastisch verändert. Und die Geschwindigkeit, mit der dies geschehen ist, war schwer vorherzusehen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie unsere Ratings aus den BB- und BBB-Bereichen für die Unternehmen aus dieser Branche damals als viel zu defensiv kritisiert wurden. Bei den beiden anderen Insolvenzfällen handelt es sich, wie sich herausstellte, um Fälle für die Staatsanwaltschaft.

Wie reagieren Sie auf die hohe Zahl der Ausfälle?

Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die wir mit unseren Ratings übernehmen. Deshalb arbeiten wir ständig an der Optimierung unserer internen Ratingprozesse. Außerdem sehen wir einige Dinge heute kritischer, zum Beispiel die Ratingkriterien Unternehmenstransparenz oder Branchenentwicklung. Darüber hinaus analysieren wir im Rahmen eines sogenannten Back-Testing-Verfahrens unsere Ratingergebnisse genau. Mit diesen rückwärts gerichteten Analysen wird etwa der Frage nachgegangen: Würden die Informationen, die zum Zeitpunkt der Ratingerstellung vorlagen, heute anders bewertet werden? Hätten die Informationen heute zu einer anderen Ratingentscheidung geführt? Dieses Verfahren lässt sich mit einem kontinuierlichen Qualitätsoptimierungsprozess vergleichen.

Was gehört für Sie und Ihr Team zu einem aussagefähigen und verlässlichen Rating?

Wir schauen uns den gesamten Betrieb an und gehen in die Tiefe. Deshalb lassen sich die Analysten der Creditreform Rating Agentur unter anderem erfolgsentscheidende Unternehmensinformationen wie Jahresabschlüsse, Ertragslage sowie Liquidität detailliert nachweisen und stellen darüber hinaus Szenarioanalysen über mögliche zukünftige Geschäftsentwicklungen an. Zusätzlich fließt bei Mittelstandsratings auch der qualitative Aspekt mit ein. Das heißt beispielsweise: Wie ist die Qualität des Managements und die Position im Markt? Gibt es spezielle branchenspezifische Risiken? Wie gut sind die Produkte?

Was ist für Sie die größte Herausforderung beim Anfertigen eines Ratings?

Es geht darum, ein professionelles und vor allen Dingen verlässliches Urteil über die Ausfallgefahr des Unternehmens zu treffen. Generell sind für uns die Unabhängigkeit unserer Ratingprozesse und die Korrektheit der Ratings oberstes Ziel. Das Interesse der Anleger zu wahren, ist uns ein wichtiges Anliegen. Dies alles führt dazu, dass unsere Ratings aufgrund ihrer hohen Qualität bei den Investoren auf hohe Akzeptanz stoßen.

Gilt das auch für Branchenriesen wie Moody’s oder Standard & Poor’s?

International tätige Agenturen haben vor allem Großunternehmen als Kunden und einen verschwindend kleinen Anteil am Geschäft mit dem Rating von Mittelstandsanleihen. Sie gewichten deshalb Faktoren wie Unternehmensgröße, Internationalität oder Wachstumsgeschwindigkeit stärker, als wir es bei Ratings für Mittelstandsunternehmen tun.

Sie sprachen bereits über Ihre hohen Ansprüche an Qualität und Ihr überdurchschnittliches Qualitätsmanagement. Könnten Sie uns noch weitere Beispiele nennen?

Gerne. So trennen wir beispielsweise Ratingvertrieb und Ratinganalyse strikt. Unsere Analysten nehmen nicht an Preisverhandlungen teil und werden nicht in Abhängigkeit von einzelnen Ratings bezahlt.

Setzen Sie während der Ratingprozesse interne Kontrollsysteme ein?

Selbstverständlich, und die wichtigsten will ich Ihnen gerne nennen. Bei der Durchführung der Ratings gilt generell das Vier-Augen-Prinzip. Zu einem Analystenteam gehören deshalb immer mindestens zwei Analysten. Sie unterbreiten einen Vorschlag, der im Ratingkomitee diskutiert wird. Das Komitee fällt seine Entscheidungen dann einstimmig. Und es gibt ein Organisationshandbuch, das Anweisungen für die Durchführung eines Ratings enthält. Neben den fachlichen Themen sind dort Handlungsvorgaben zur Wahrnehmung der Unabhängigkeit und zur Vermeidung von Interessenkonflikten beim Ratingprozess dargestellt.

Sie bieten Unternehmensratings und Anleiheratings an. Wo liegt der Unterschied?

Im Unternehmensrating wird die Verbindlichkeit eines Unternehmens insgesamt beurteilt. Hier fließen die Finanzdaten und vergangenheitsbezogene Daten wie die Ertragslage einer Firma ein. Aber auch der Zukunftsblick auf die mögliche Entwicklung der Kennzahlen und qualitative Aspekte wie spezifische Risiken in der Branche, Produkte sowie Abhängigkeiten von Lieferanten, Banken, Kunden und Aufraggebern werden im Unternehmensrating analysiert. Bei Anleiheratings steht die Werthaltigkeit der Absicherung der Anleihe im Vordergrund. Wir schauen uns an, wie verlässlich die Anleihe abgesichert ist. So liefern sie eine Einschätzung darüber, wie hoch die erwartete Rückzahlung aus einer Anleihe voraussichtlich sein wird, wenn das Unternehmen ausfallen sollte. An den Börsensegmenten bestehen bislang keine Regelungen, die das Vorlegen eines Anleiheratings erfordern. So muss ein Unternehmen lediglich ein Unternehmensrating vorweisen, wenn es den Zugang zu den geregelten Börsensegmenten sucht. Dementsprechend dominieren bei den Anleiheemissionen an den geregelten Börsen die Unternehmensratings, die allerdings im Hinblick auf die Chancen und Risiken weniger Transparenz schaffen als ein Anleiherating.

Wie wird es Ihrer Meinung nach mit dem Markt für mittelständische Anleihen weitergehen?

Das Interesse an Mittelstandsanleihen ist nach wie vor groß, weil sie eine wertvolle Ergänzung der vorhandenen Finanzierungsmittel darstellen. Für Investoren bieten die Anleihen relativ hohe Renditen. Ich könnte mir vorstellen, dass mittelständische Anleihen eine gute Chance haben, sich als eigener Markt fest zu etablieren. In den USA gibt es schon etwas Vergleichbares unter dem Namen High Yield Bond Market, der sich nach anfänglichen Schwierigkeiten am Markt fest etabliert hat.

Zum Leistungsportfolio der Creditreform Rating AG zählen nicht nur Ratings, sondern auch Kreditservices.

Richtig. Dazu gehört vor allem das Creditreform Bilanzrating. Hierbei handelt es sich um ein standardisiertes Rating auf Basis von Jahresabschlussinformationen. Es erfüllt die gesetzlichen Vorgaben im Risikomanagement und wurde von der EZB und der Bundesbank als Rating-Tool anerkannt. Finanzdienstleister wie etwa Leasingunternehmen und große Unternehmen setzen unser Rating-Tool ein, um die Bonität von Geschäfts- und Handelspartnern kurzfristig überprüfen zu können.

 

 

2000 Gründung der Creditreform Rating AG als ein Unternehmen der weltweit tätigen Creditreform Gruppe mit den Dienstleistungen Rating, Kreditservices und Marktanalysen.

2009 Anerkennung durch die Bundesagentur für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) als Ratingagentur für die bankaufsichtliche Risikogewichtung nach Stabilitätsverordnung (SolvV) und Basel II mit ECAI-Status (External Credit Assessment Institution).

2011 Registrierung durch die European Securities and Markets Authority (ESMA) als Europäische Ratingagentur.

2012 Registrierung als EU-Ratingagentur und als EZB-Ratingpool Provider entsprechend der EU-Verordnung 1060/2009.