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© Chris Liverani/Unsplash

Value-Investoren achten beim Aktienkauf stark auf die Bewertung. Im Zuge der rasanten Digitalsierung von Unternehmen, geht diese Rechnung aber nicht mehr so ganz auf.

 

Warren Buffett zählt zu den bekanntesten Anlegern weltweit. Als Value-Investor setzt er auf Unternehmen, deren Geschäft er versteht.

Zu den Unternehmen, an denen er schon lange festhält, gehören Coca-Cola oder McDonalds. Buffett greift immer dann zu, wenn Aktien an der Börse günstig bewertet sind.

Dabei achtet er auf Kennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV).

Ein Ansatz, der in Zeiten der Digitalisierung und der Disruption von ganzen Branchen nicht mehr voll aufgeht.

Neue Unternehmen steigen auf und Platzhirsche von einst verlieren mit ihren traditionellen Geschäftsmodellen an Bedeutung.

„In dieser Welt des Wandels sind klassische Kennzahlen wie das KGV oder das KBV nicht mehr sehr aussagekräftig“, sagt Hendrik Leber, Value-Manager bei der Fondsgesellschaft Acatis.

 

Wachstum schlägt Wert

Das zeigt auch ein Blick auf die Renditen: In den vergangenen Jahren hat eine Growth-Strategie den Value-Ansatz geschlagen.

So hat der Aktienindex MSCI World Growth, der die Entwicklung von wachstumsstarken Unternehmen abbildet, mit einem Plus von 11,5 Prozent pro anno in den vergangenen zehn Jahren mehr Ertrag geliefert als der MSCI World Value, der nur um 8,4 Prozent pro anno zulegen konnte.

In Zeiten des Umbruchs bevorzugen Anleger Unternehmen mit hohem Wachstum und innovativen Geschäftsmodellen.

Viele Firmen, die nach Value-Kennzahlen günstig bewertet sind, stecken dagegen in einer Krise. Weil sich ihr Umfeld radikal ändert, sind diese Werte günstig. Wer sich aber allein auf die Bewertung verlässt, kann schnell in eine Value-Falle tappen.

„Automobilhersteller sind günstig. Aber das hat seinen Grund. Sie müssen den Wandel in Richtung E-Mobilität erst einmal bewältigen“, erklärt Leber.

Sinnvoller kann es sein, in Unternehmen zu investieren, die direkt von der Elektromobilität profitieren können, ohne einen teuren Umbau bewältigen zu müssen.

Auch die Bankbranche, der Handel oder die Stahlindustrie durchlaufen einen ähnlich radikalen Wandel.

 

Neue Kennzahlen berücksichtigen

Auch deswegen müssten Value-Investoren umdenken und sich nicht mehr allein auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis verlassen, empfiehlt Leber.

Sie sollten viel stärker die Wachstumsaussichten berücksichtigen. So kann auch ein Unternehmen mit einer hohen Bewertung ein Value-Titel sein, wenn der Gewinn jedes Jahr stark wächst.

Dabei nennt Leber gerne das Beispiel der Google-Mutter Alphabet: „Das Unternehmen ist ein Weltmeister in Sachen Innovation, mit sehr gutem Cashflow und sechs Marken mit jeweils einer Milliarde Kunden.

Das Wachstumspotenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft.“ Bezogen auf die erwarteten Gewinne in 2020, liegt dessen KGV bei rund 22 – und das bei einem Gewinnwachstum von 15 Prozent. Für Leber ist das eine attraktive Bewertung.

Wer heute in Zeiten der Disruption erfolgreich investieren möchte, darf sich also nicht allein auf die Bewertung verlassen.

Er muss die Wachstumsaussichten berücksichtigen und auch den abrupten Wandel von Geschäftsmodellen und Märkten beachten.