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© not less but better

Die Folgen von digitalem Stress beeinflussen die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und die Gesundheit von Beschäftigten – im Homeoffice mehr denn je. Häufiger Auslöser: das Smartphone. Eine neue Trainings-App soll dabei helfen, den gesunden Umgang mit dem Handy zu erlernen.

 

„Ich habe in China gesehen, was uns in Zukunft in Deutschland erwartet“, sagt Christina Roitzheim. Als es sie Ende 2017 beruflich nach Shanghai verschlägt, geht für die Psychologin und Design-Thinking-Trainerin ohne Smartphone nichts mehr.

In der chinesischen Millionenstadt, wo nahezu alles digitalisiert ist, ist der Druck, rund um die Uhr erreichbar zu sein, besonders groß. Nach sechs Monaten ist sie davon so erschöpft, dass sie eine digitale Auszeit einlegen muss.

Tatsächlich entwickelt sich das, was Christina Roitzheim in China erlebt hat, auch in Deutschland zunehmend zum Problem. Laut einer Umfrage der Universität Bayreuth, der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sowie des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik, empfindet jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer digitalen Stress.

Die Folgen sind Gesundheitsbeschwerden wie Kopfschmerzen, Depressionen, Schlafstörungen und Angst. Ein besonders prominenter Stressfaktor: das Smartphone. „Weil wir es immer dabeihaben und es meist nur einen Handgriff entfernt ist“, sagt Roitzheim, die 2018 nach Deutschland zurückkam.

Seitdem arbeitet sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner, dem Unternehmer Selcuk Aciner, an der Entwicklung der Trainings-App „Not less but better“, die problematischer Smartphone-Nutzung entgegenwirken soll.

 

Ablenkung vermindert die Produktivität

„‚Problematisch‘ bedeutet zum Beispiel, ständig die Arbeit zu unterbrechen, um aufs Handy zu schauen“, erklärt Roitzheim. Dass solche Ablenkungen zu einer verminderten Produktivität bei der Arbeit führen, belegt eine Studie der Universität Ulm.

Im Schnitt hielten es die Testpersonen nie länger als zweieinhalb Stunden aus, bis sie wieder zum Smartphone griffen, um Nachrichten zu checken oder zu surfen. „Diesem Verhalten liegt häufig ein Automatismus zugrunde, der wiederum von sogenannten Triggern angestoßen wird.“

Christina Roitzheim und Selcuk Aciner unterscheiden in ihrem Programm zwischen situativen und emotionalen Triggern. Situative Trigger sind zum Beispiel die Wartezeit vor der Kaffeemaschine oder die Rückkehr an den Schreibtisch nach der Mittagspause.

Emotionale Trigger können sein: die Nervosität vor einem wichtigen Meeting, das Verfassen einer unangenehmen Mail sowie Unsicherheit beim Ausführen einer Aufgabe.

Diese individuellen Trigger zu erkennen und sich bewusst zu machen, wovon gerade Ablenkung gesucht wird, ist Teil des von Roitzheim und Aciner entwickelten Trainingsprogramms. Die Audio- und Textübungen sind interaktiv und beruhen auf Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie.

Das Training ist nach 20 Tagen abgeschlossen, pro Tag gibt es eine „Session“, die jeweils fünf bis maximal zehn Minuten in Anspruch nimmt. Ziel ist es, Fähigkeiten wie Impulskontrolle, Achtsamkeit und psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken, um für digitalen Stress und Ablenkung weniger anfällig zu sein.

 

Nicht weniger, sondern besser

Der Name der App, „Not less but better“ macht deutlich, dass es nicht darauf ankommt, die Smartphone-Nutzung einzudämmen oder sich ganz vom Handy zu trennen. „Digitales Entgiften, auch ‚Digital Detox‘, führt nachweislich nicht zur Entwicklung neuer Gewohnheiten.

Der Ansatz ist vergleichbar mit einer krassen Diät, auf die ein Jo-Jo-Effekt folgt“, sagt Aciner. An der Bildschirmzeit festzumachen, ob es sich um ein gesundes Nutzungsverhalten handelt oder nicht, hält er ebenfalls für kontraproduktiv. „Es geht darum, was wir am Smartphone machen, nicht darum, wie lange wir es tun.“

Dass das Training ausgerechnet am Smartphone stattfindet, ist für Roitzheim keineswegs widersprüchlich. „Das ist wie mit dem Schwimmenlernen“, erklärt sie. „Wenn ich im kritischen Moment nicht untergehen will, muss ich von Anfang an im Wasser üben.“

Ob und wie die App wirkt, wurde im Jahr 2019 in einer Studie getestet. Durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich für Gesundheitspsychologie der Freien Universität Berlin. Innerhalb von drei Wochen reduzierte sich die problematische Smartphone-Nutzung der 230 Studienteilnehmer nachhaltig. Im Durchschnitt um 44 Prozent.

Erscheinen soll die App im Spätsommer dieses Jahres. Einen Tipp, wie es gelingen kann, seine Smartphone-Gewohnheiten zum Besseren zu verändern, geben die Entwickler schon vorab: „Eine Methode, die wir selbst nutzen, ist die räumliche Trennung von Arbeits-Zonen und Smartphone-Zonen.“

Das sei im Büro genauso wichtig wie im Homeoffice. „Wer für sich klar definiert, Sprachnachrichten zum Beispiel nur noch in der Küche abzuhören, läuft seltener Gefahr, sich bei jeder Gelegenheit von dem Gerät ablenken zu lassen.“

 

Fünf Anzeichen für problematische Smartphone-Nutzung

1.Sie nutzen Ihr Smartphone, um sich besser zu fühlen, wenn es Ihnen schlecht geht.

 

2. Sie fühlen sich unwohl, wenn Sie eine Weile keine Nachrichten gecheckt haben.

 

3. Ihnen wurde gesagt, dass Sie zu viel Zeit am Smartphone verbringen.

 

4. Sie nutzen Ihr Smartphone häufig länger als geplant.

 

5. Sie kommen oft zu spät zu Terminen, weil Sie bei der Smartphone-Nutzung die Zeit vergessen haben.