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Creditreform

Krankheitsbilder wie ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) oder die verschärfte Variante (ADHS) mit zusätzlicher Hyperaktivität (Zappelphilipp-Syndrom) nehmen immer mehr zu. Ärzte verschreiben dagegen Ritalintabletten, als ob das Gummibärchen wären. Aber auch Lehrer drängen auf die Verordnung der chemischen Keule, um der verhaltensauffälligen Kinder einigermaßen Herr zu werden. Ritalin greift in den Dopaminstoffwechsel im Gehirn ein.

Wie so oft wird hier von der Pharmaindustrie symptomatisch und nicht ursächlich therapiert. Denn den Dopaminstoffwechsel kann man auch auf ganz natürliche Weise optimieren. Ein Mangel bei der essentiellen Aminosäure Phenylalanin ist oft der limitierende Faktor bei der körpereigenen Dopaminproduktion. Zink und Folsäuremangel bremsen ebenfalls die Hormonproduktion. Laut der deutschen Verzehrstudie haben über 90 Prozent der Jugendlichen einen Folsäuremangel. Bei meinen Patienten messe ich diese Faktoren, um Mangelzustände auszugleichen.

Die Erziehung ist schuld

Manchmal findet man aber keinen Mangel und die Kinder sind trotzdem verhaltensauffällig. Ahnen Sie, woran das liegt? An mangelnder Erziehung! Das ist meine feste Überzeugung. Diese These habe ich kürzlich auf einem Vortrag vor 600 Lehrern in Erfurt vertreten und war höchst gespannt auf die Reaktion. Würden mich die Pädagogen in der Luft zerreißen? Mitnichten! Beifall gab’s für diese These. Kinder werden sehr gefördert und oft nicht genügend gefordert. Sie werden zur Schule gebracht und abgeholt und auch zum Sport fährt der Spross mit dem Mami-/Papi-Taxi.

Zur Person

Dr. Michael Spitzbart ist Arzt sowie Sachbuchautor und leitet ein Zentrum für ursachenbezogene Diagnostik und Therapie.

Früher wurden wir für schlechte Noten geschimpft – nicht der Lehrer. Heute ist der Lehrer schuld, wenn der kleine potenzielle Nobelpreisträger eine schlechte Note heimbringt. Am Erbgut kann das ja nicht liegen. Ich bin meinen Eltern jetzt dankbar, dass sie relativ streng mit mir waren und mir öfter die Spur eingestellt haben. Heute werden in der Erziehung Regeln zwar häufig aufgestellt – allerdings nicht eingehalten. Der Grund: Die Eltern sind selbst oft zu sehr gestresst, dann fehlt häufig die Konsequenz.

Den Kindern nicht alles abnehmen

Ganz arm dran sind auch „Projekt“-Kinder aus den feinen Vororten von Großstädten – besonders dann, wenn sich der Kinderwunsch erst spät erfüllt hat. Sie werden oft durch Überversorgung systematisch zu geringer Belastbarkeit erzogen. Es wird heute immer schwerer, junge Menschen zu finden, die die steigenden Herausforderungen annehmen und auch bewältigen können. Darum müssen Kinder früh dazu erzogen werden, sich ihren Herausforderungen selbst zu stellen. Der Vorteil: Durch jede gemeisterte Herausforderung lernt das Gehirn, die nächste Herausforderung leichter zu meistern. Das gelingt nicht, wenn man den Kindern alles abnimmt.

Eine kesse These vertrat kürzlich ein Kinderpsychologe aus München. Wenn ihn besorgte Eltern mit einen ADHS-Kind konsultieren, stellt er ihnen die ketzerische Frage: „Hätten Sie 10.000 Euro übrig für die Behandlung? – Dann schicken Sie das Kind ein Jahr lang nach England auf ein Internat. In der Regel ist die Verhaltensauffälligkeit dann weg.“ Ahnen Sie warum? Dort werden feste Regeln aufgestellt – und eingehalten.