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Schlagfertig, spontan, humorvoll – Improvisationsschauspieler meistern jede Gesprächssituation und reagieren souverän auf Unvorhersehbares. Das kann man lernen: Business-Coachings für Angewandte Improvisation vermitteln spielerisch nützliche Methoden für Job und Alltag.

 

Die Verhandlung droht zu stocken, die Miene des Geschäftsführers drückt Ablehnung aus: „Ich soll meine Mitarbeiter für ein Training bei Ihnen freistellen? Ich bilde meine Leute doch nicht teuer aus und dann bewerben die sich am Ende weg“, brummt er unwirsch.

Businesstrainer Ben Hartwig bleibt ruhig und entspannt: „Was wäre denn, wenn Sie Ihre Leute nicht weiterbilden und sie bleiben“, fragt er freundlich. Der Manager stutzt und muss unwillkürlich lächeln, die Hürde im Verkaufsgespräch ist genommen.

Den Überblick behalten, im Dialog bleiben, brenzlige Situationen mit Humor entschärfen – seine Erfahrung als Improvisationsschauspieler hilft Ben Hartwig nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Berufsalltag als Trainer und Berater.

Sei es, dass ein Kunde im Verkaufsgespräch abblockt oder der Teilnehmer eines Workshops schlechte Stimmung verbreitet – den promovierten Biologen bringt so schnell nichts aus der Fassung.

„Improvisationstheater lehrt, schnell die Sichtweise des anderen einzunehmen, in jeder Situation neue Möglichkeiten zu erkennen und auch mal anderen Lösungswegen als dem eigenen zu folgen“, sagt Hartwig. Vor drei Jahren hat er in Köln das Unternehmen Neuroblitz gegründet.

Mit Übungen und Methoden aus dem Impro-Theater bietet er Workshops und Trainings zu Themen wie Kommunikation, Zusammenarbeit, Führung oder Resilienz an. „Viele meiner Kunden arbeiten in einem sehr rationalen Umfeld, beispielsweise in der Wissenschaft oder in EU-Institutionen“, sagt der 36-Jährige.

Oft seien es sehr analytische Menschen, die der inneren Stimme wenig Beachtung schenkten. In seinen Workshops trainieren sie ihre Wahrnehmung und lernen, die Emotionen und Gedanken anderer Menschen besser zu erkennen und einzubeziehen.

 

Kein Platz für Selbstdarsteller

Vertrauen, Offenheit und Flexibilität gehören im Improvisationstheater zu den Voraussetzungen für einen gelungenen Auftritt. Die Spieler kommen auf die Bühne, ohne zu wissen, was passieren wird.

Es gibt kein Skript, kein Bühnenbild und keine vorherigen Absprachen. Stattdessen entwickelt sich das Geschehen spontan anhand von Vorgaben oder Regieanweisungen aus dem Publikum.

Beispielsweise dürfen die Zuschauer Orte, Gefühle oder Ereignisse bestimmen, die in der nächsten Szene vorkommen sollen oder die Schauspieler auf Kommando („Das klingt nach einem Lied!“) zu spontanen Gesangseinlagen auffordern.

Das Ergebnis kann unglaublich lustig und unterhaltsam sein – wenn das Team auf der Bühne harmonisch zusammenarbeitet. „Eine Szene kann nicht gelingen, wenn ein Spieler nur seine eigenen Ideen durchsetzen will und die Spielangebote seiner Mitspieler blockiert oder ignoriert“, erklärt Ben Hartwig.

Auch Selbstdarsteller, die sich ständig in den Vordergrund spielen, sind kontraproduktiv. In einer guten Impro-Truppe stehen die Akteure vielmehr abwechselnd im Mittelpunkt; wer gerade keine Hauptrolle spielt, unterstützt die anderen.

Spielen zwei Teammitglieder beispielsweise gerade ein Treffen im Park, nehmen gute Teamplayer ihre Stichworte auf und laufen zum Beispiel als Jogger oder Frau mit Kinderwagen durchs Bild oder stehen als stolzer Schwan oder schattenspendender Baum im Hintergrund – ohne den aktuellen Hauptpersonen die Show zu stehlen.

 

Improvisation als Karriereschule

Auf Festivals oder Kleinkunstbühnen erfreut sich Impro-Theater großer Beliebtheit, fast 500 Impro-Gruppen treten allein in Deutschland regelmäßig auf.

Was bei öffentlichen Auftritten gut funktioniert, zahlt sich aber auch im Berufsleben aus. In einer zunehmend komplexen, von Unsicherheit und schnellen Veränderungen geprägten Arbeitswelt entdecken immer mehr Unternehmen Improvisationstalent als neue Tugend: „Früher war Improvisieren eher verpönt und galt als Zeichen mangelnder Umsicht und Vorbereitung.

Wenn ich heute in Seminaren frage, wer in seinem Job oft improvisiert, dann gehen alle Hände hoch“, sagt Stefan Hillebrand vom Impro-Ensemble Drama light aus Mannheim.

Seit mehr als 20 Jahren steht der Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg als Impro-Schauspieler auf der Bühne, außerdem arbeitet er als Trainer, Dozent und Berater für Improvisation in der freien Wirtschaft sowie an verschiedenen Hochschulen.

Regelmäßig tritt er mit Drama light bei Firmenevents auf und präsentiert dort spielerisch ernsthafte Unternehmensthemen wie neue digitale Prozesse, Generations- und Wertewandel oder eine neue Organisationsstruktur: „Improvisationstheater macht die Inhalte erlebbar. Emotionen transportieren sie über das Herz in den Kopf“, sagt Hillebrand.

 

„Improvisationstheater lehrt, schnell die Sichtweise des anderen einzunehmen.“

Ben Hartwig, Neuroblitz

 

Führungskultur pflegen

Zu den Kunden von Drama light gehören Konzerne wie BASF, die Deutsche Bahn, der Energieversorger EnBW, Roche, SAP und Würth, aber auch kleinere Unternehmen. Oft ergäben sich aus dem ersten Aufschlag über das Businesstheater später vertiefende Trainings.

So auch bei der Mannheimer Digitalmarketing-Agentur Suchdialog. Seit der Gründung im Jahr 2009 ist das junge Unternehmen auf fast 90 Mitarbeiter gewachsen. „Viele unserer Führungskräfte sind noch keine 30 Jahre alt, wir wollten deshalb unsere Führungskultur pflegen und als Führungsteam besser zusammenwachsen“, sagt Mitgründer und Vorstand Tobias Reinhardt.

2017 buchte er für alle Kollegen mit Führungsverantwortung den ersten Impro-Workshop bei Drama light. Ein halbes Jahr lang traf sich die Runde alle zwei bis vier Wochen zu mehrstündigen Sessions – auf Firmenkosten und während der Arbeitszeit.

„Natürlich gab es anfangs Bedenken, sich lächerlich zu machen. Aber alle haben sich schnell entspannt und es gab viel zu lachen“, sagt der 47-Jährige. Weil das Training so gut ankam, erweiterte Reinhardt die Runde 2018 auf alle interessierten Mitarbeiter.

„Jeder hat bei uns ein gewisses Weiterbildungsbudget und kann selbst mitentscheiden, wie er das einsetzt“, sagt er. Die Workshops wirkten bis heute positiv nach, nicht nur, wenn es um überzeugendes Auftreten bei Vorträgen und Präsentationen gehe.

„Das Ja-und-Prinzip haben wir fest in unserer Führungskultur verankert“, sagt Reinhardt. Diese Grundregel aus dem Impro-Theater besagt, jede Situation offen zu akzep­tieren und zu überlegen, wie man damit umgeht.

Statt also auf einen Vorschlag mit dem Einwand „Ja, aber …“ zu reagieren, antworten die Führungskräfte bei Suchdialog mit „Ja, und dann machen wir auch noch …“. Entscheidend sei die positive Grundhaltung, sagt Reinhard.

„Wenn im Meeting schlechte Stimmung aufkommt, weil vielleicht ein Kunde abspringt oder ein Projekt aus dem Ruder läuft, besinnen wir uns darauf. Statt zu jammern, überlegen wir lieber, welche Möglichkeiten die veränderte Situation uns bietet.“

 

Lachen verbindet

Auch für Dagmar Richter vom norddeutschen Ensemble Tante Salzmann ist Business-Theater ein Türöffner in die Unternehmenswelt und mehr als nur unterhaltsames Beiwerk für Firmenveranstaltungen.

Gemeinsam über interne Probleme oder Schwierigkeiten zu lachen etwa, stärke zudem den Zusammenhalt und die Bereitschaft, an der Lösung mitzuwirken.

Ähnlich hat das Martina Suer erlebt. Sie verantwortet die Personalentwicklung beim Städtischen Krankenhaus Kiel und hat dort ein neues Format für Führungskräfte eingeführt: Am Führungsdialog nehmen inzwischen rund 160 Mitarbeiterverantwortliche aus allen Berufsgruppen und Hierarchieebenen teil, vom Chef- und Oberarzt bis zum Vorarbeiter in der Reinigung.

2020 fand die Veranstaltung an einem Freitagnachmittag und einem Samstag statt. Die meisten Teilnehmer kamen direkt aus der Schicht und erlebten mit Tante Salzmann zunächst amüsante Szenen mit Wiedererkennungswert aus dem Klinikalltag: „Einige waren anfangs irritiert über den Auftritt von Tante Salzmann, aber das Improvisationstheater hat geholfen, den Kopf freizubekommen und Distanz zum Alltag zu schaffen“, sagt Suer.

Durch den humorvollen Zugang sei die Aufnahmebereitschaft für komplexe Themen wie Digitalisierung oder Personalgewinnung gestiegen, die anschließend in Workshops vertieft wurden.

Dass Lachen verbindet, kann Nicole Farwick Geschäftsführerin bei Safe 24, bestätigen. Das mittelständische Unternehmen aus Hamm vertreibt und installiert Sicherheitstechnik und Alarmanlagen.

Farwick führt ein kleines, bunt gemischtes Team aus Innendienstmitarbeitern, Technikern und Außendienstlern, das Altersspektrum reicht von Mitte 20 bis Mitte 50. Nur montags treffen sich alle zum Jour Fixe gemeinsam im Büro, ansonsten erfolgt die Kommunikation überwiegend per Mail und Telefon – nicht immer konfliktfrei, räumt die Chefin offen ein.

„Ein gestandener Techniker, der seit 20 Jahren im Betrieb ist, lässt sich von der jungen Kollegin im Innendienst nicht so gerne Ansagen machen.“ Vor kurzem hat sie deshalb bei einer Bühnenkollegin von Dagmar Richter einen mehrstündigen Impro-Workshop als Teambuilding-Event gebucht.

Mit durchschlagendem Erfolg: „Bei den Rollenspielen haben sich die Kollegen aus einer ganz neuen Perspektive kennengelernt und Vorurteile über Bord geworfen“, erzählt die Geschäftsführerin, die das Event unbedingt wiederholen will: „Der Umgang und das Miteinander haben sich jetzt schon positiv verändert.“

 

Improvisation zum Nachmachen

Sprechen wie eine Person:
Zwei Spieler sprechen abwechselnd Wort für Wort, dabei muss ein sinnvoller Satz entstehen. Die Übung trainiert, sich schnell auf die Sichtweise des anderen einzulassen und dessen Gedanken zu antizipieren.

 

Ja, und … :
Zwei Spieler entwickeln gemeinsam eine Geschichte, dabei wird jeder Satz mit „Ja, und …“ oder „Ja, weil …“ eingeleitet. Zum Beispiel:

A: „Weißt du noch, wie wir zusammen auf Sabines Geburtstagsfeier waren.“ B: „Ja, und dann klingelte es an der Tür.“ A: „Ja, und ich habe mich total erschreckt.“ B: „Ja, und dann stand dort dein Ex-Freund.“

Die Übung trainiert, die Gedanken der Mitspieler konsequent anzunehmen und sofort darauf aufzubauen. Die Spieler entwickeln eine positive Grundhaltung gegenüber neuen Ideen.

 

Geht da noch mehr?:
Spieler A macht eine beliebige kleine Geste. Spieler B zeigt sich von dessen schauspielerischer Leistung begeistert, lobt A überschwänglich und fragt: „Geht da noch mehr?“ A wiederholt die Geste, diesmal ein wenig deutlicher. B ist noch begeisterter, und so weiter.

Die Übung zielt darauf ab, die ganze Bandbreite der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten kennenzulernen, und zugleich durch positives Feedback (Begeisterung) Spaß zu entwickeln und Hemmungen abzubauen.