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Creditreform

© Chris Liverani/Unsplash

Damit die Dekarbonisierung der Wirtschaft gelingt, müssen Kohle, Erdgas und Öl durch den kohlendioxidfreien Energieträger ersetzt werden. Eine Chance für Aktienanleger.

 

Einige Börsianer erinnern sich vielleicht noch an Ballard Power. Die Aktie des Herstellers von mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellen gehörte zur Jahrtausendwende zu den Stars an der Börse. Am 3. März 2000 kostete das Papier 139 Euro.

Dann kam der Börsenkrach und die Aktie fiel auf weniger als einen Euro. Heute notiert Ballard Power bei 15,40 Euro. Seit 2013 ist der Wert um das 15-fache gestiegen. Hintergrund – damals wie heute – ist ein Hype um Wasserstoffaktien.

Auch die Aktien von Fuelcell Energy, Plug Power, Nel Asa aber auch Powercell Sweden haben in den vergangenen Wochen stark zugelegt. Nach Meinung einiger Finanzexperten könnten Wasserstoffaktien vor einem langfristigen Aufschwung stehen. Gleichwohl sollten Anleger nicht blindlings Aktien kaufen, nur weil die Unternehmen „irgendetwas mit Wasserstoff machen“.

Denn etliche Firmen arbeiten mit Verlust und sind daher vor allem Hoffnungswerte. Leider gibt es (noch) keinen reinrassigen Wasserstofffonds, der in mehrere Unternehmen investiert, das Anlagerisiko streut und auf diese Weise verringert.

 

Nicht nur auf die Zahlen schauen

Doch Anlageprofi Uwe Zimmer, Geschäftsführer von Z-Invest, sagt: „Bei Investments mit viel Zukunftsfantasie darf man nicht auf die aktuellen fundamentalen Zahlen schauen. Dann hätte man Amazon nie kaufen dürfen.“

Spannend ist die Branche allemal. Nach 20 bis 30 Jahren des Forschens und Ausprobierens steht Wasserstoff als Energieträger vor dem Durchbruch. Er ist nicht nur vielseitig einsetzbar und treibt mithilfe von Brennstoffzellen Autos, Schiffe und Züge an.

Das Gas lässt sich auch gut speichern. So kann regenerativ erzeugter Strom, der für andere Zwecke gerade nicht benötigt wird, zur Herstellung von Wasserstoff genutzt werden, den wiederum die Industrie gut gebrauchen kann. ThyssenKrupp und RWE kooperieren bereits.

RWE will mit Ökostrom in seinen Anlagen im Emsland Wasserstoff produzieren. Das Gas wird dann über Leitungen bis zum Stahlwerk nach Duisburg transportiert – so der Plan.

 

Goße Bedeutung für die Energiewende

Für die Energiewende ist Wasserstoff also von großer Bedeutung. Daher fördert die Bundesregierung den Energieträger bis 2026 mit einem Betrag von sieben Milliarden Euro hierzulande sowie weiteren zwei Milliarden Euro für internationale Partnerschaften. Auch andere Länder wie Japan, China, Südkorea, Norwegen, Schweden oder Österreich setzen in Zukunft verstärkt auf Wasserstoff.

Profiteure des globalen Vorstoßes sind zum Beispiel die Gashersteller Linde aus Deutschland und Air Liquide aus Frankreich sowie der Motorenbauer Weichai Power aus China.

Auch deutsche Autohersteller wie VW und Daimler arbeiten am Wasserstoffantrieb, wenn auch primär für Lkw und Busse. Ein Vorteil von Brennstoffzellen-Vehikeln ist ihre im Vergleich zu Elektroautos größere Reichweite. Und das Tanken des Wasserstoffs dauert nicht länger als bei Benzin- oder Dieselautos.

 

Markt mit großer Dynamik

Für Wasserstoff freilich gibt es viele Anwendungsmöglichkeiten, an denen zahlreiche kleine und große Firmen tüfteln. Einige dieser Unternehmen sind an der Börse notiert. Ein Beispiel ist Deutz. Die Kölner sind bekannt für große Dieselmotoren, die in Schiffen und Nutzfahrzeugen zum Einsatz kommen. Anfang 2022 soll eine Pilotanwendung für den ersten Deutz-Wasserstoff-Motor in Betrieb gehen.

„Unser Wasserstoffmotor ist reif für den Markt“, sagt Deutz-Chef Frank Hiller. Die Serienfertigung soll 2024 starten. Weil die Wasserstoff-Infrastruktur für verkehrstechnische Anwendungen noch nicht ausgebaut ist, soll das Aggregat zuerst vor allem in stationären Anlagen und im Schienenbereich Anwendung finden.

Ein weiteres Beispiel ist 2G Energy aus Heek im Münsterland. Das Unternehmen produziert Blockheizkraftwerke, die auch mit Wasserstoff betrieben werden können und die immer häufiger zur dezentralen Strom- und Wärme­erzeugung zum Einsatz kommen.

SFC Energy ist ein Anbieter von Wasserstoff- und Methanol-Brennstoffzellen für stationäre und mobile Hybrid-Stromversorgungslösungen. Aber auch für alle möglichen industriellen Anwendungen eignen sich die Brennstoffzellen des bayerischen Herstellers. Eigenen Angaben zufolge hat SFC Energy bereits mehr als 50.000 Einheiten verkauft.

Im Gegensatz zu vielen anderen Wasserstoffunternehmen ist SFC Energy profitabel und wächst beim Umsatz zweistellig. „Für uns eröffnet sich beim Austausch konventioneller Dieselgeneratoren ein großer Markt mit hoher Wachstumsdynamik, den wir mit unseren grünen Kraftwerken erschließen werden“, sagt der Vorstandsvorsitzende Peter Podesser.

 

Hohe Kosten in den Griff bekommen

Kurzum: In etlichen Industrien dürften fossile Energieträger durch grün erzeugten Wasserstoff abgelöst werden – sonst ist die von Deutschland, der EU und den Vereinten Nationen angestrebte Dekarbonisierung der Weltwirtschaft nicht zu schaffen. Der größte Nachteil der Wasserstofftechnologie sind die noch hohen Kosten.

Doch diese sinken mit Ausweitung der Produktion und der Nutzung von Skaleneffekten. Und genau das könnte in den nächsten Jahren geschehen. Laut dem Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer steht die Wasserstoffbranche „am Übergang von der Einzelfertigung zur industriellen automatisierten Fertigung von Brennstoffzellen“.

Genau das ist der Grund, weshalb Anleger ehemalige Börsenstars wie Ballard Power genauso wie die Neulinge im Markt im Blick behalten.