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Creditreform

Die orthomolekulare Medizin ist „die Erhaltung guter Gesundheit und Behandlung von Krankheiten durch die Veränderung der Konzentrationen von Substanzen im menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind“. Begründer der orthomolekularen Medizin ist der Biochemiker und zweifache Nobelpreisträger Linus Pauling. Von allen alternativen Methoden der Medizin ist dieser Ansatz für mich persönlich der plausibelste. Seit Langem behandele ich meine Patienten nach diesem Grundsatz – und das mit beachtlichem Erfolg.

Ein Beispiel: Eine Patientin klagt über ständige Müdigkeit, mangelnde Leistungsfähigkeit, Haarausfall und Hautrisse an den Mundwinkeln. Bei der Blutuntersuchung zeigt sich ein Eisenmangel, dadurch eine Anämie (Blutarmut), wodurch in der Folge nur wenig Sauerstoff in die Körperzellen und das Gehirn transportiert werden kann. Das verursacht Müdigkeit. Haarausfall und Mundwinkelrisse sind ebenfalls bekannte Folgeerscheinungen vom Eisenmangel. Wenn der Arzt nun Eisen gibt, eventuell sogar per Infusion um den Heilungsprozess zu beschleunigen, dann ist das ein Paradebeispiel für die orthomolekulare Medizin. Klingt logisch, nicht wahr? Und wenn dann nach drei Monaten die früheren Beschwerden verflogen sind und die Patientin wieder froh und munter ist, sollten doch die Stimmen aller Skeptiker dieser Methode verstummen.

Ein anderes Beispiel ist das Schilddrüsenhormon – das einfachste Hormon im menschlichen Körper. Es besteht nämlich aus nur einem Element Jod und der natürlichen Aminosäure Tyrosin. Daraus wird in der Schilddrüse das Hormon Thyroxin gebildet (mehr hierzu unter: www.creditreform-magazin.de/schilddruese). Ein Jodmangel führt zum Kropf oder zur Schilddrüsenunterfunktion. Das weiß jeder Wellensittich und pickt darum artig seine Jod S 11 Körnchen. Die etablierte Medizin verordnet beim Kropf oder der Schilddrüsenunterfunktion Schilddrüsenhormone – ohne jemals Jod im Blut gemessen zu haben. Das Schilddrüsenhormon ist das in Deutschland am häufigsten verschriebene Medikament überhaupt und belastet unseren Gesundheits-Etat mit einer Milliarde Euro. Der Orthomolekularmediziner misst zunächst das Jod im Blut seines Patienten und findet häufig einen Mangel. Wenn nun Jod zugeführt wird, kann die Schilddrüse selbst wieder Schilddrüsenhormon produzieren. In der Schweiz muss per Gesetz alles Speisesalz jodiert werden, auch das in den Gaststätten und Kantinen. Dadurch konnten die Fälle der Schilddrüsenunterfunktion in der Schweiz deutlich verringert werden. Das ist angewandte orthomolekulare Medizin.

Ein drittes Beispiel ist das Hauptstimmungshormon Serotonin. Um dieses wichtige Hormon ausreichend zu bilden, benötigt unser Körper die natürliche essenzielle gehirnaktive Aminosäure Tryptophan. Ohne Tryptophan gibt es kein Serotonin. Das ist bekannte Biochemie. Doch was macht der Mediziner bei einem Mangel an Serotonin, sprich bei Burnout und Depression? Er verschreibt Psychopharmaka, einen medikamentösen Serotoninwiederaufnahmehemmer, um die Wirkung des restlichen noch vorhandenen Serotonins im Gehirn zu verlängern. Orthomolekular geht das anders. Erst misst man im Blut wie beim Kuchen backen alle natürlichen Zutaten, die der Körper zur Serotonineigenproduktion braucht. Das gehört bei mir zur Routine. Wenn ich die häufig gemessenen Defizite bei meinen Patienten ausgeglichen habe, sind sie oft nach vier Wochen wieder auf dem Damm – und zwar ohne Psychopharmaka und ohne Nebenwirkungen.

Seit 2004 dürfen von den Krankenkassen nur noch verschreibungspflichtige Medikamente erstattet werden. Eisen, Jod, Vitamine und die wichtigen essenziellen Aminosäuren zur Bildung von Serotonin und anderen Botenstoffen im Gehirn spielen da keine Rolle mehr. In den Biochemie-Lehrbüchern schon, in der Praxis nicht. Anders bei den Menschenaffen. Amerikanische Zoodirektoren haben herausgefunden, dass unsere nächsten Verwandten 23-fach höhere Vitamin- und Vitalstoffmengen zur Gesunderhaltung, zur Infektionsabwehr und für die gesunde Fortpflanzung benötigen, als das die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für uns Menschen festgelegt hat. Bei uns gilt der schleichende Mangel als normal. Medikamente behandeln die häufig daraus entstehenden Auswirkungen, nicht die Ursache.

Könnte das daran liegen, dass die natürlich vorkommenden Substanzen keine Lobby haben, weil man diese Stoffe nicht patentieren kann – Medikamente wie Schilddrüsenhormone und Psychopharmaka aber schon? Und liegt das daran, dass die Gewinnspanne bei Medikamenten gerne einmal bei 1000 Prozent liegt, was man vom Jodsalz nicht gerade behaupten kann? Wohlgemerkt, Medikamente können ein Segen sein, wenn die Schilddrüse beispielsweise operativ entfernt wurde oder aus anderen Gründen nicht arbeitet. Sträflich ist in meinen Augen die Therapie mit Rezeptblock und Kugelschreiber, ohne das Blut zuvor gründlich untersucht zu haben. Hilfe zur Selbsthilfe – das ist die wahre ärztliche Kunst.