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Musik macht vieles einfacher. Sie hilft dabei, konzentrierter zu arbeiten, kreativer Ideen zu entwickeln, sich von stressigen Situationen zu erholen und sogar schwere körperliche Arbeit leichter zu meistern. Den richtigen Sound liefern Online-Tools.

Wenn Joachim Schlosser nachdenken will, geht sein Griff zu dem Kopfhörer, der auf seinem Schreibtisch liegt. Ein paar Klicks auf seinem Computer und er bereit. Sobald ihn leises Meeresrauschen, kombiniert mit ruhigen aber rhythmischen Elektropopklängen, etwa des kalifornischen Soundkünstlers Broke for Free, akustisch umgeben, ist er in einer anderen Welt.

„Ich nutze Musik, um mich in eine fokussierte Stimmung zu bringen“, sagt der promovierte Informatiker. Schlosser führt bei Elektrobit Automotive, einem auf Software für die Automobilindustrie spezialisierten IT-Unternehmen, ein Team aus Informatikern und Ingenieuren. „Ich höre seit Jahren die gleiche Musik zum Arbeiten. Aber das spielt für mich keine Rolle“, sagt er.

 

Klänge fördern die Konzentration

„Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass es gut ist. Mein Hirn hat gelernt: Bei diesen Klängen ist Fokussierung angesagt.“ Vor allem für konzentriertes Arbeiten, etwa das Scheiben eines Konzepts oder die Erstellung einer Präsentation, hat sich der Manager angewöhnt, sich in sein eigenes Klanguniversum zurückzuziehen – und empfiehlt das auch anderen Kopfarbeitern. „Einfach ausprobieren, welches Setting und welche Musik einem liegt.“

Wie der richtige Sound Büromenschen kreativer, konzentrierter oder auch entspannter machen kann, ist längst Bestandteil internationaler Forschung. Denn die gegenwärtige Arbeitswelt mit ihren Großraumbüros (Open Spaces) fördert zwar einerseits die Kommunikation, stellt Beschäftigte aber auch vor die Herausforderung, unerwünschte Geräusche auszublenden.

Und das geht am leichtesten mit Kopfhörern und entsprechender Klangkulisse. Bluetooth- und geräuschabschirmende Kopfhörer (Noise-Cancelling-Headphones) sowie Apps und Streamingdienste machen es leicht, die Lieblingsmusik auf der Arbeit zu hören, ohne das ganze Team zu beschallen.

 

Routinearbeiten mit den Lieblingshits

Eine Umfrage des Karrierenetzwerks Linkedin und des Streaminganbieters Spotify ergab, dass 73 Prozent der deutschen Arbeitnehmer zumindest zeitweise während der Arbeit Musik hören, weil es sie motivierter und kreativer macht.

Teresa Lesiuk kann das – bedingt – bestätigen. Die US-Amerikanerin ist Professorin an der University of Miami und forscht seit vielen Jahren zu dem Thema. In einer Feldstudie aus dem Jahr 2005 untersuchte sie den Effekt von Musik auf die Arbeitsqualität und -geschwindigkeit von Softwareentwicklern.

Das Ergebnis: Mit Musik arbeiteten die Probanden schneller und besser als ohne. Gleichwohl räumt Lesiuk ein, dass es nicht die eine richtige Musik und auch nicht die eine ideale Tätigkeit zum Musikhören gebe. Vielmehr komme es auf die Kombination an: Für konzentrierte Arbeiten wie eine komplexe Kalkulation sollte eher Lounge- oder Instrumentalmusik gewählt werden, vor allem ohne ablenkende Songtexte. Für Routinearbeiten wie Akten sortieren oder Mails bearbeiten kommen aber durchaus auch die aktuellen Lieblingshits infrage.

 

Musik aus Muskelkraft

„Wir wissen, dass Musik Menschen auf neuro­naler Ebene äußerst vielfältig anregt, ähnlich komplex wie zum Beispiel Sprache, aber dabei noch stark vitalisierend wirken kann“, sagt Prof. Dr. Thomas Fritz, Leiter der Forschungsgruppe für musikevozierte Hirnplastizität am Max-Planck-Institut (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

„Die Idee von körperlicher Leistungssteigerung durch Musik ist nicht neu. Als die Sklaven in den Baumwollplantagen schufteten, sangen sie. Als Gefangene aneinander gekettet in Steinbrüchen Steine zertrümmerten, sangen sie und integrierten die Geräusche der Arbeit in ihre Musik“, sagt der Wissenschaftler.

Um neurowissenschaftlich zu erforschen, wie Musik zur Steigerung kognitiver und körperlicher Leistung bei Arbeit eingesetzt werden kann, ließen er und sein Team Probanden zunächst als Kontrolle passiv Musik hören, während sie an Fitnessgeräten trainierten.

Dann schlossen sie eine am Max-Planck-Institut entwickelte Musikfeedbacksoftware an die Geräte an, sodass Musik entstand, wenn sich die Probanden bewegten. Eine anschließende Untersuchung ergab, dass diese das Training als wesentlich weniger anstrengend empfanden, wenn sie nicht nur Musik hörten, sondern selber mit den Fitnessbewegungen musizierten.

Unter dem Namen Jymmin™, eine Kombination aus Gym und Jammin, bietet das MPI die Technologie inzwischen über ein Tech-Startup (Jymmin GmbH) Reha-Kliniken, olympischen Trainingszentren sowie Unternehmen für deren betriebliches Gesundheitsmanagement an.

Fritz selbst und sein Team nutzen es, wenn sie auf gute Ideen kommen wollen. Ein zehnminütiges Workout reiche aus, um kognitive Fähigkeiten und Kreativität nachweislich zu steigern. In Versuchen baten die Wissenschaftler Probanden, funktionelle Assoziationen zu Gegenständen zu benennen. „Nach einer Jymmin-Session entwickelten sie dreimal mehr Ideen“, sagt Fritz. „Das ist also auch eine ideale Vorbereitung für ein Brainstorming über neue Geschäftsmodelle.“

 

Mit diesen Musik- und Sound-Apps arbeiten Sie konzentrierter:

Focus@will
Steigern Sie Ihre Produktivität, fordern die Macher der Musiksoftware Focus@will. Dafür stellen sie Streams in zwölf verschiedenen Musikstilen bereit. Die Stücke sind nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen komponiert und kuratiert und speziell auf Zielgruppen wie Kreative, Studenten, Unternehmer und Entwickler zugeschnitten.
Kosten: zwei Wochen kostenlos, danach 9,95 US-Dollar pro Monat
www.focusatwill.com

Noisli
Störgeräusche ausblenden, sich fokussieren, Stress reduzieren – das will auch der Webdienst Noisli ermöglichen. Aber nicht mithilfe von Musik, sondern mit einem Soundmix aus Alltagsgeräuschen. Nutzer können sich aus verschiedenen Geräuschen, wie Regen, Donner, Wind, Blätterrauschen oder Vogelzwitschern, ihre persönliche Wohlfühl-Klangatmosphäre zusammenstellen.
Kosten: Onlineversion kostenlos, App ab 2,29 Euro
www.noisli.com

Coffitivity
Die Macher von Coffitivity sind inspiriert von der Startup-Kultur und der Arbeit im Café. Ihr Webservice erzeugt einen Mix aus Stimmen, Schritten und klappernden Tassen. Echte Kaffeehausatmosphäre eben, die laut Coffitivity helfen soll, Umgebungsgeräusche auszublenden. Für die persönliche Note können Nutzer zwischen verschiedenen Cafés, von Paris bis Texas, wählen.
Kosten: Basisversion kostenlos, Premium 9 US-Dollar pro Jahr
www.coffitivity.com

Brain.fm
Brain.fm funktioniert ähnlich wie Focus at Will und streamt wahlweise konzentrations- oder entspannungsfördernde Musik. Allerdings haben die Macher, eine Gruppe von Musikern, Programmierern und Neurowissenschaftlern, eine künstliche Intelligenz entwickelt, die alle Songs komponiert und zusammenstellt.
Kosten: fünf Sessions gratis, danach ab 6,95 US-Dollar pro Monat
www.brain.fm