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Menschen lieben Prognosen und Prophezeihungen. Je schrecklicher, desto besser. Warum das so ist – und  warum vieles dann doch besser kommt als vorhergesagt, weiß unser Gesundheitskolumnist Dr. Volker Busch.

Volker Busch

Gesundheit ist Kopfsache, weiß Prof. Dr. Volker Busch. Der 49-Jährige ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Professor an der Universität Regensburg. Als Arzt, Autor, Vortragsredner und Coach begleitet er Menschen auf dem Weg zu psychischer Gesundheit sowie zu Motivation und Inspiration für Beruf und Alltag. drvolkerbusch.de © Dr. Volker Busch

 

Als Gott die Fähigkeit des Schätzens verteilte, stand unsere Spezies nicht in der ersten Reihe. Weder die Haare eines Schnurrbarts noch das Volumen einer Badewanne oder das Gewicht einer Orange können wir treffsicher angeben.

Noch schlechter gelingt uns die Einschätzung unserer Fähigkeiten. So halten wir die eigene sexuelle Ausstrahlungskraft für größer und die Intelligenz für höher, als sie sind.

Studien zeigen, dass wir sogar die Intelligenz unserer Lebenspartner überschätzen (Unterziehen Sie ihn oder sie daher besser noch mal einem Test).

 

Von Emotionen getrieben

Ähnlich schlecht schätzen wir, was die Zukunft bringt. Der US-amerikanische Psychologe Philip Tetlock untersuchte 82.000 Vorhersagen von 284 Experten aus Politik und Wirtschaft über den Verlauf von 20 Jahren.

Das niederschmetternde Ergebnis: Meist lagen sie daneben. Denn Prophezeiungen sind „unterkomplex“, das heißt, sie berücksichtigen in einer komplizierten Welt zu wenige Argumente.

Zudem sind sie oft von Emotionen getrieben statt von Fakten und orientieren sich an „gefühlten Wahrheiten“ der öffentlichen Meinungsbildung.

Dennoch lieben wir Prognosen und Prophezeiungen, je schrecklicher, desto besser. Die Schriften des Nostradamus gehören bis heute zu den bestverkauften Büchern der Welt.

Das Problem bei allzu negativer Hysterie ist: Wir malen die Zukunft selbst schwärzer, als sie sein wird. Dabei bewerten wir Einzelereignisse über (Fokalismus-Fehler) oder wir übersehen die eigenen Möglichkeiten, unsere Zukunft selbst zu gestalten (Abwehr-Fehler).

 

Erstens kommt es anders. Und zweitens besser als man denkt.

Schützen Sie daher Ihre Seele vor zu viel Schwarzmalerei. Es geht mir nicht um eine romantische Weltsicht, die das tägliche Leid vieler Menschen auf der Welt kleinredet oder schlimme Entwicklungen negiert, wie sie auch die gegenwärtige Pandemie mit sich bringt.

Auch darf eine konstruktive Sicht auf die Welt nicht davon ablenken, dass wir aktuell gesamtgesellschaftlich vor großen Herausforderungen stehen, die wir beherzt anpacken müssen. Aber eine negative Zukunftssicht hilft bei all diesen Dingen nicht.

Glauben Sie einem Psychiater: Das Gefühl von Mut und Zuversicht entsteht nie über die Gewissheit in der Zukunft, sondern immer nur aus der bestmöglichen Gestaltung der Gegenwart.

Bewahren Sie dabei immer in Hirn und Herz: Die meisten Dinge kommen besser als man denkt, auch wenn es uns Propheten anders vorhersagen. Der französische Philosoph Montaigne formulierte es einmal besonders treffend: „Mein Leben war voller schrecklicher Unfälle, von denen die meisten nicht eingetreten sind.“