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© Julian Rentzsch

Sterbende entwickeln in ihren letzten Stunden oft eine ganz besondere Energie. Wenn das letzte Stündchen geschlagen hat, wächst die Reue über verpasste Chancen: „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“ zählt zu den Dingen, die Sterbende am meisten bereuen. 

Die Australische Krankenschwester Bronnie Ware hat jahrelang Sterbende auf einer Palliativstation begleitet und ihre Erfahrungen in dem Buch „The Top Five Regrets of the Dying“, die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, zusammengefasst.

Eins vorweg: Niemand hat auf dem Sterbebett bereut, zu wenig gearbeitet zu haben! Viele dagegen, zu wenig gelebt, geliebt und sich selbst zu wenig verwirklicht zu haben. Durch die Konfrontation mit den Emotionen der Sterbenden wird dieses Buch zu einem Leitfaden für die Lebenden.

Die Uhr des Lebens lässt sich bekanntlich nicht zurückdrehen. Darum ist es immer wieder hilfreich, sein Leben zwischendurch auf den Prüfstand zu stellen, solange noch Zeit dazu ist. Hand aufs Herz: Wer im Alltagstrott steckt, hat selten Muße für Sinnfragen.

In meinen Vorträgen und Seminaren benutze ich gerne die Metapher eines Künstlers, der sein Lebenswerk malt. Er steht auf der Leiter, malt ein bisschen, steigt zwischendurch immer wieder herunter von der Leiter, nimmt Abstand, erfasst das Ganze und entscheidet dann erst, wie es weitergeht.

Viele von uns stehen auf der Leiter des Lebens und vergessen, sich hin und wieder zurückzulehnen und ihr Tun zu hinterfragen. Denn alles andere im Alltagsgeschäft ist scheinbar wichtiger – und man selbst kommt ganz zum Schluss. Aber vielleicht helfen ja Bronnie Ware und ihr Buch über die Top Five der verpassten Chancen dabei, mal wieder einen übergeordneten Blick auf das eigene Leben zu werfen:

1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben

Die meisten Sterbenden hatten nicht einmal die Hälfte ihrer Träume verwirklicht und mussten mit der Gewissheit sterben, dass sie selber dafür verantwortlich waren. Statt auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören, hatten sie das Leben gelebt, das andere von ihnen erwartet hatten.

2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet

Das erlebe ich Tag für Tag auch in meinem Praxisalltag. Selbst Weltstars, die auf allen Bühnen der Welt zuhause waren, bereuen beispielsweise, keine besseren Eltern gewesen zu sein und sich nicht mehr Zeit für ihre Kinder genommen zu haben.

3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken

Unterdrückte Gefühle werden nicht nur auf dem Sterbebett bereut, sondern sind auch häufige Ursachen für Krankheiten.

4. Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben

Wenn die Lebenszeit knapp wird bereuen viele, dass Sie keine Zeit mehr haben, alte Freude ausfindig zu machen und sie noch einmal zu treffen.

5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein

Viele Menschen realisieren erst am Lebensende, dass Sie die persönliche Wahl gehabt hätten, glücklicher zu sein.

All das sind an sich einfache, ja fast banale Erkenntnisse. Aber wir alle wissen, wie schwierig sie umzusetzen sind. Und doch kann ich nur jedem Menschen raten, sich immer wieder mit den wichtigen Fragen des Lebens zu befassen – solange man noch die Zeit hat, seine Zukunft zu gestalten. Das macht das Leben gesünder und das Sterben glücklicher.

Zum Autor

Dr. Michael Spitzbart ist Arzt sowie Sachbuchautor und leitet ein Zentrum für ursachenbezogene Diagnostik und Therapie.