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© Julian Rentzsch

Mit regelmäßigen Vorsorge-Checks sollen Krankheiten frühzeitig erkannt werden. Aber wie sinnvoll sind Vorsorge-Checks wie die Mammographie zur Brustkrebsfrüherkennung oder die Prostatauntersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs wirklich?

Wenn Sie Ihren Arzt mal aufs Glatteis führen möchten, dann fragen Sie ihn nach dem Unterschied zwischen Sterblichkeit und Überlebensrate. Umgangssprachlich mag zwischen den Begriffen kaum ein Unterschied sein. Tatsächlich aber ist die Abgrenzung entscheidend, etwa wenn es um Nutzen und Risiken von Vorsorgeuntersuchungen geht. So verringert sich die Brustkrebssterblichkeit durch eine Mammographie um 0,05 Prozent. Das bedeutet: Wenn 2.000 Frauen zehn Jahre lang zur Brustkrebsvorsorge gehen, dann hat rein statistisch höchstens eine Frau einen Nutzen durch einen frühzeitig erkannten Brustkrebs.

Die Befürworter der Untersuchung rechnen anders: Von 1.000 Frauen erkranken laut Statistik acht an Brustkrebs, 992 sind gesund. Von den acht Erkrankten werden durch das Screening sieben erkannt. Das verkaufen die Anbieter der Früherkennung als Erfolgsquote von 90 Prozent. Mit diesem Trick wird immer wieder gearbeitet. Es werden die relativen, nicht die absoluten Zahlen genannt. Und ob mit oder ohne Früherkennung sterben bezogen auf 1.000 Frauen genau gleich viele – nämlich 21 Patientinnen – an Brustkrebs. Hinzu kommt die Begriffsverwirrung mit Überlebensrate und Sterblichkeit.

Stellen Sie sich vor, zwei Männer entwickeln mit 60 Jahren einen Prostatakrebs und würden damit beide 70 Jahre alt. Der eine geht im Alter von 62 Jahren zur Vorsorgeuntersuchung, der andere nicht. Da die Überlebensrate immer in Fünfjahreszeiträumen gemessen wird, beträgt diese für den ersten Kandidaten 100 Prozent. Bei dem anderen Patienten wird erst im Alter von 67 Jahren aufgrund der Symptome Prostatakrebs festgestellt – also nicht durch die Früherkennung. Da beide Patienten in diesem Beispiel aber mit 70 sterben, liegt die Überlebensrate ohne Screening bei null Prozent. Die auf das Prostatakarzinom bezogene Sterblichkeit ist bei beiden Patienten aber exakt gleich.

Wichtig zu wissen: Die Überlebensrate korreliert in keiner Weise mit der Sterblichkeit! Nur wissen das viele Mediziner nicht und glauben selbst an die Effektivität der Vorsorge. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch an den Rebellen der Medizin, Dr. Julius Hackethal, erinnern, der sagte: „Wenn Sie auf einen Urologen treffen, laufen Sie weg so schnell Sie können!“ Er kannte den Unterschied zwischen Überlebensrate und Sterblichkeit.

 

Vorsorge ist auch ein Geschäft

Ein besonders krasses Beispiel für falsch verstandene Vorsorge ist die epidemisch angestiegene Häufigkeit von Schilddrüsenkarzinomen in Südkorea. Durch ein intensiv beworbenes Screening ist die Anzahl der Patienten mit diagnostiziertem Schilddrüsenkrebs exponentiell angestiegen – bei unverändert niedriger Sterblichkeit von unter einem Prozent. Daran hat das Screening nichts geändert. Die Institute dürfen also mit einer Überlebensrate von knapp 100 Prozent für weitere Vorsorge werben. Das wäre ohne die „Vorsorgeuntersuchung“, ohne Operation, ohne die anschließende lebenslange Medikamenteneinnahme genauso gewesen – bei vermutlich höherer Lebensqualität. Vorsorge ist eben auch ein Geschäft.

Zum Autor

Dr. Michael Spitzbart ist Arzt sowie Sachbuchautor und leitet ein Zentrum für ursachenbezogene Diagnostik und Therapie.