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Creditreform

Das Basel II-Regime regelt für alle Kreditinstitute bindend: Wenn ein Kreditnehmer 90 Tage im Zahlungsverzug ist, fällt sein Rating automatisch (!) in die untersten Kategorien. Auch wenn es vorher noch so gut war. Zum Zahlungsverzug zählen auch Überziehungen der vereinbarten Kontokorrentkreditlinie!

„Kein Problem“ werden jetzt viele sagen, „das kann man doch wohl zwischen Kunde und Bank klären, bevor die 90 Tage erreicht sind“. Sollte man meinen. Dem ist aber ganz offensichtlich nicht so! Denn in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe Februar 2015 der „BankInformation“ (das ist die Fachzeitschrift der Genossenschaftsbanken) wird deutlich, dass die Genossenschaftsbanken mit den 90-Tage-Überziehungen ein wirkliches Problem haben. Und das gerade bei Kunden mit gutem Rating!

Für Unternehmer/innen heißt das aber auch: selber kümmern!

Doch der Reihe nach:

Problem für die Banken: Die Bankenaufsicht schreibt ein jährliches „Backtesting“ der Ratingsysteme vor. Das heißt, die Banken prüfen, ob die bisher genutzten Ausfallwahrscheinlichkeiten in den einzelnen Ratingklassen noch der Realität entsprechen? Und jetzt passiert bei den Genossenschaftsbanken ganz offenbar folgendes: Man stellt fest, dass viel mehr Unternehmen in die schlechten Ratingklassen herunter gerutscht sind als erwartet. Damit verschieben sich die Ausfallwahrscheinlichkeiten. Bedeutet für Unternehmen: Obwohl sich ihre Bonität nicht geändert hat, erhalten sie ein schlechteres Rating. Nebenbei: Bankbetreuer berichten mir immer wieder, sie würden so ungern mit ihren Kunden über die Ratingergebnisse sprechen, weil sie nicht erklären könnten, warum sich das Rating verschlechtere, wenn doch beim Unternehmen selber alles gut sei. Hier haben wir dafür eine Erklärung.

Denn was in dem Beitrag in der BankInformation auch festgestellt wird: Die Ursache sind 90-Tage-Überziehungen bei gut gerateten Kunden. Diese rutschen nach 90 Tagen automatisch in den Ratingkeller – und damit haben wir das Problem.

Übrigens: Ich befürchte, dieses Phänomen kennen auch die Sparkassen und die anderen Kreditinstitute.

Ursache ist eindeutig schlechte Kundenbetreuung: Denn wenn ich als Bankbetreuer eine anhaltende Überziehung sehe, dann spreche ich meinen Kunden an und versuche gemeinsam mit ihm eine Lösung zu finden. Denn dahinter steht ein betrieblicher Liquiditätsbedarf! Sicherlich mit durchaus verschiedenen möglichen Ursachen – von Saisonbedarf über Auftragsvorfinanzierung, Bezahlung von Investitionen bis hin zu schlechter Zahlungsmoral der Kunden oder auch gewinnübersteigenden Entnahmen.

Und nochmals nebenbei: Schon vor zwei Jahren betonte der Marktfolgevorstand einer Volksbank bei einer Diskussion in der Fachgruppe Finanzierung-Rating des KMU-Beraterverbandes: Nach seiner Einschätzung hätten mindestens 50 % der Unternehmen eine zu niedrige Kontokorrentkreditlinie! Also kein Wunder, dass es zu Überziehungen kommt.

Für Unternehmer/innen heißt das: selber kümmern!

Mit anderen Worten: Sprechen Sie selber Ihre Bankbetreuer auf zusätzlichen Finanzierungsbedarf an – rechtzeitig bevor Sie Ihre vereinbarte Kreditlinie überschreiten. Besprechen und vereinbaren Sie Lösungsmöglichkeiten für Ihren Bedarf. Ganz wichtig: Wenn Ihre Banken in Absprache mit Ihnen eine Überziehung zulässt: Klären Sie bitte, dass diese Überziehungstage nicht in der 90-Tage-Regel nach Basel II mit gezählt werden! Sonst haben Sie zwar eine von der Bank bewilligte Überziehung – und rutschten nach 90 Tagen trotzdem in den Rating-Keller. Alles schon vorgekommen.

Aktuelle Ergänzung Juli 2015: Eine ausführliche Darstellung zur Kommunikation mit der Bank zu Kontoüberziehungen lesen Sie in einer Pressemitteilung der Fachgruppe Finanzierung-Rating im KMU-Beraterverband.

Und natürlich – man kann es gar nicht oft genug betonen: Lassen Sie sich Ihr Rating erläutern!