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Die Bundesrepublik war zwei Jahrzehnte lang der große Gewinner der Globalisierung. Mit der zunehmenden Erschöpfung des Globalisierungsmodells, die sich in geringen Zuwächsen des Welthandels, Protektionismus und Staatsdirigismus zeigt, stellt sich nun aber die Frage nach der Zukunft des globalisierten Wirtschaftsmodells. Ein Zerfall in regionale Bündnisse wie die EU in Europa, eine chinesisch dominierte Handelsunion in Asien und ein US-geführtes Amerika ist denkbar, würde jedoch erzielbare Wohlstandszuwächse verschenken. Daher lohnt es sich, Perspektiven für eine neue, inklusive Globalisierung aufzuzeigen und dafür zu streiten.*

Während vor knapp 30 Jahren der Fall des Eisernen Vorhangs weltweit zum Hoffnungswert wurde und mit dem Fall des Kommunismus schon „das Ende der Geschichte“ nahe schien, ist der Blick in die Zukunft aktuell von großen Herausforderungen geprägt. Während 1990 die weitere Entwicklung als eine Geschichte der Freiheit vorgezeichnet war, führen nun Identitätszweifel und ein Orientierungsmangel zur Verunsicherung. Die Globalisierung steht nicht nur von rechten wie linken Kritikern unter Beschuss, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und der Brexit bilden konkrete Rückschläge für die weltwirtschaftliche Integration, die in zwei führenden westlichen Ländern demokratisch legitimiert erfolgten. Gleichzeitig verfolgt China seit 40 Jahren unbeirrt und bislang erfolgreich sein eigenes Wirtschafts- und Globalisierungsmodell einer Koppelung kapitalistischer Entfaltungsmöglichkeiten mit einer restriktiven Einparteienherrschaft, das ausgehend von der Exportbasierung nun über Infrastrukturinvestitionen in die „Neue Seidenstraße“ direkt global Einfluss nimmt.

Die Globalisierung wird zunehmend als Quelle der Bedrohung und Überforderung gesehen

Selbst in Volkswirtschaften mit robuster Entwicklung und Beschäftigungsrekorden, wie im industrie- und exportstarken Deutschland, formuliert eher die Mehrheit als die Minderheit Ängste bezüglich der künftigen Entwicklung und des persönlichen Status. Dahinter steht – entgegen der tatsächlichen ökonomischen Entwicklung – die Wahrnehmung, dass die Globalisierung in Zeiten digitaler Transformation vor allem Anpassungslasten für die Beschäftigten begründe, wie eine schwache Lohnentwicklung. Dabei werden auch nationale Belastungen etwa durch steigende Gesundheitskosten und Rentenzahlungen oft diffus globalen Kräften zugeschrieben. Die transnationale Arbeitsteilung führt zum Gefühl der Fernbeeinflussung, wozu Megatrends wie der Klimawandel und die digitale Transformation beitragen.

Globalisierung als normatives Projekt

Globalisierung vernetzt Volkswirtschaften durch freien Güterhandel und Dienstleistungsverkehr, Kapitalmobilität, Wissensaustausch, Wanderung und Humankapitalmobilität. Ihr maßgebliches Kennzeichen ist also die Vernetzung, die zu einer Selbstverstärkung führt und die Entstehung globaler Akteure und Strukturen ermöglicht. Zugleich organisieren sich, ganz unabhängig von globalen Strukturen, Gesellschaften sowohl politisch als auch ökonomisch in Hierarchien. Diese definieren die Rangordnungen, sanktionieren Rechte, weisen Kompetenzen zu, bieten Konfliktlösungsmechanismen und sparen so Transaktionskosten ein.

Die Öffnung der wirtschaftlichen Möglichkeiten nach 1990, die bereits seit 1980 laufende Liberalisierung der Kapitalmärkte sowie der technisch-instrumentelle Fortschritt bei starkem Bevölkerungswachstum der in die Globalisierung einbezogenen Ökonomien bedeuteten nicht nur, der Freiheit global eine umfassendere Chance zu geben, sondern zugleich die Möglichkeiten der beliebigen, marktgetriebenen spontanen Vernetzung neu zu definieren. Die Globalisierung unserer Zeit hat die politischen und ökonomischen Hierarchien unter fundamentalen Anpassungsdruck gesetzt. Hier wird der verdeckte normative Dissenz sichtbar: Welche Anpassung der nationalen Hierarchien infolge der globalen Netzwerke ertragen die Gesellschaften und wann wehren sich die Hierarchien durch Protektionismus?

Das führt zu den Alternativen, entweder die Globalisierung mit überkommenen Mitteln – physischen Mauern, wie sie US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf 2016 propagierte, oder Zensur des Internets, wie es die chinesische Führung praktiziert – zurückzudrehen oder aber diese Anpassung durch institutionelle Reformen in den Staaten sowie die Entwicklung neuartiger transnationaler Institutionen anzunehmen. Die gegenwärtige Stockung kann man so deuten, dass der Konflikt zwischen Netzwerk und alter Hierarchie gerade ausgetragen wird, die neuen Hierarchien aber noch nicht akzeptiert, gesichert und sichtbar sind. Sowohl der Westen als auch China sind diesem Konflikt ausgesetzt und reagieren darauf restriktiv, obgleich das jeweilige Verständnis von Globalisierung sehr unterschiedlich ist. Globalisierung steht als ein normatives Projekt im Konflikt zwischen dem transatlantischen Westen und dem chinesischen Weg. Dabei ruht die Sichtweise des Westens – und hier insbesondere Deutschlands – auf den Grundprinzipien der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie. Das normative Gerüst stabilisierte über lange Zeit ganz selbstverständlich den Fortschritt der Globalisierung, ohne selbst seine historische Bedingtheit zu verlieren.

Das chinesische Modell

Die ökonomische Dynamik unserer Globalisierung hat viel mit der Integration der Schwellenländer und insbesondere Chinas zu tun, wovon Deutschland in besonderem Maße profitiert hat. Der marktwirtschaftlichen Öffnung Chinas sind allerdings bislang weder eine politische Demokratisierung noch eine gesellschaftliche Liberalisierung gefolgt. Die politische Führung Chinas propagiert konsequent den eigenen politischen Weg und markiert damit die Position, die ökonomische Globalisierung mit Blick auf Politik und Gesellschaft normativ zu neutralisieren, sie quasi auf ein technisches Verfahren zu reduzieren. Lange ließen die gewaltigen Entwicklungsunterschiede zwischen den Industrieländern des Westens sowie den Schwellen- und Entwicklungsländern die ordnungspolitischen Unterschiede nachrangig erscheinen. Doch mit dem Aufstieg Chinas zur Wirtschafts-, Technologie- und Militärmacht rücken sie immer mehr in den Fokus. Eine wachstumsgetriebene Konvergenz hin zu einem vom Westen propagierten System der liberalen Demokratie ist bislang nicht zu beobachten. Die Modernisierungshypothese, nach der Wirtschaftswachstum die Demokratisierung politischer Prozesse initiiert, stellt sich als fragwürdig heraus. Auch dies stellt, neben der Frage der Entschädigung der Globalisierungsverlierer in „abgehängten Regionen“ und der Bedrohung etablierter Hierarchien, die Akzeptanz der Globalisierung infrage.

Die Schwierigkeiten der Schwellenländer, ohne stabile Institutionen und Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative nachhaltiges Wachstum zu erwirtschaften, das auf humanitäre, ökologische, soziale oder demokratische Belange Rücksicht nimmt, machen aber deutlich, dass die Träume des institutionenfreien Wachstums letztlich platzen müssen. Die Grenzen des chinesischen Modells könnten bei sich sukzessive verringernden Wachstumsraten trotz der ausgefeilten Überwachung der Einwohner sehr plötzlich zutage treten. Gleichzeitig wird das Aufkommen protektionistischer Tendenzen in den Industrieländern durch ein Freihandelsbekenntnis der chinesischen Führung reflektiert, ohne dass dies die normative Kluft zwischen der westlichen und der chinesischen Idee der Globalisierung zu vermindern oder gar zu überbrücken vermag.

Multilateralismus, Kapitalbildung und Zivilgesellschaft als Weg aus der Erschöpfung

Die Chancen, im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit neue Formate, Regeln und institutionelle Lösungen zu finden, scheinen derzeit gering. Selbst die globale Herausforderung des Klimawandels ist nicht mehr umfassend konsensfähig. Es bleibt aber essenziell, dass der Globalisierung ein umweltpolitischer Rahmen gegeben wird, der wirksam und sanktionsfähig ist. Ein globaler verpflichtender Handel mit Emissionszertifikaten wäre dafür zentral. Denn die Klimaveränderungen belasten, neben den Schäden an Mensch und Umwelt, auch die wirtschaftliche Dynamik. Es geht darum, der Globalisierung als Fortsetzung der Freiheitsgeschichte eine weiterhin tragfähige Perspektive dadurch zu verschaffen, dass eine neue Verantwortungsperspektive hinzugefügt wird.

Während private Akteure in der Marktgesellschaft Vertrauen ausbilden müssen, um ihre Effizienz zu heben, müssen Staaten mit dem Ziel, wirtschaftliche Aktivität zu stimulieren, um damit mehr Wohlstand zu erreichen, Vertrauen gezielt durch kluge Institutionen schaffen. Dies gilt auch im Bereich der Globalisierungspolitik, deren normativer Charakter im 21. Jahrhundert nur durch multilaterale Verhandlungen und Strukturen sowie transnationale Institutionen angemessen reflektiert werden kann. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Einbeziehung weiterer Entwicklungs- und Schwellenländer in die globale Arbeitsteilung, insbesondere in Afrika. Werden Standortvoraussetzungen in den Bereichen Infrastruktur und Bildung sowie stabile Institutionen hergestellt, dann sind die Volkswirtschaften zunehmend für internationale Wertschöpfungsketten anschlussfähig.

Den entwickelten Volkswirtschaften kommt als Globalisierungsvorläufern und tief integrierten Ökonomien eine besondere Verantwortung zu. Hier ist Deutschland als langjähriger Globalisierungsgewinner besonders gefragt. Wir erfüllen die Vorbildbedingungen als in westlich-transatlantischer Tradition etablierte Demokratie mit einer entwickelten Zivilgesellschaft. Um den Erschöpfungszustand der Globalisierung zu beenden, verlangt es, die Zivilgesellschaft wegen ihrer identitätsstiftenden Kraft und ihrer Fähigkeit zur praktischen Würdigung individueller Lebenslagen systematisch einzubinden. Die systematische Einbindung in die Zivilgesellschaft ist aber auch für Unternehmen, die durch die Internationalisierung ihrer Wertschöpfungsketten zugleich Treiber und Teil der Globalisierung sind, von zentraler Bedeutung. Die Chance des transatlantischen Westens und damit Deutschlands liegt darin, dass die hier selbstverständliche Zivilgesellschaft den entscheidenden Hebel für das Verständnis und die Anschlussfähigkeit in den neuen Zielregionen der Globalisierung begründet. Deutschlands Verantwortung – aber auch Chance – ergibt sich daraus, dass das Denken in Ordnungen und konsistenten Regelwerken hierzulande quasi zu Hause ist.

* vgl. Michael Hüther, Matthias Diermeier, Henry Goecke: Die erschöpfte Globalisierung – Zwischen transatlantischer Orientierung und chinesischem Weg, 2018.

Zum Autor:

Prof. Michael Hüther, geboren am 24.04.1962 in Düsseldorf, absolvierte von 1982 bis 1987 sein Studium der Wirtschaftswissenschaften sowie der mittleren und neuen Geschichte an der Uni Gießen. 1991 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter und 1995 Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Im Jahr 1999 wechselte er als Chefvolkswirt zur DekaBank und wurde dort 2001 zum Bereichsleiter Volkswirtschaft und Kommunikation ernannt. Seit August 2001 ist er Honorarprofessor an der EBS Business School in Oestrich-Winkel. Seit Juli 2004 ist er Direktor und Mitglied des Präsidiums beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.
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