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Die Automobilindustrie steht vor einem enormen Wandel, der in vielen Unternehmen Besorgnis erzeugt. Gerade im Vorfeld der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), häuften sich die schlechten Nachrichten. Die aktuelle Verunsicherung in der Branche belegt auch die Studie „Erfolg im Wandel“. Mehr als 400 Top-Führungskräfte deutscher Unternehmen, davon rund 70 aus der Automobilindustrie, wurden dafür von der Unternehmensberatung Staufen befragt.

So sehen 64 Prozent der Automotive-Führungskräfte eine große oder sogar sehr große Disruptionsgefahr für das eigene Geschäftsmodell. Zu den großen Herausforderungen der Branche gehören die Elektromobilität, die stärkere Verknüpfung von Autos mit digitalen Diensten und die Einführung von neuartigen, digitalen Geschäftsmodellen wie beispielsweise CarSharing per App.

Die meisten dieser digitalen Innovationen bilden noch keinen Massenmarkt. Die Elektromobilität muss sich erst noch auf breiter Front durchsetzen und Carsharing ist zurzeit noch nicht profitabel.

 

Die Vorreiterrolle der Autobranche in der Industrie schwindet

Trotzdem nutzen einige Unternehmen die aktuelle Situation, um Geschäftsmodell und Produktpalette zu überarbeiten. Sie sind in die Elektromobilität eingestiegen und haben eigene Elektroautos entwickelt. Doch die breite Masse der Unternehmen aus der Automobilindustrie sieht den derzeitigen Wandel skeptischer als die anderen Leitbranchen. Zum Vergleich: In der Elektroindustrie sehen nur 52 Prozent und im Maschinebau sogar nur 45 Prozent der Manager eine erhöhte Gefahr durch disruptive Angreifer.

Die Studie zeigt deutlich, dass alle Unternehmen der Automobilindustrie – egal ob OEM, Systemlieferant oder klassischer Zulieferer – sich derzeit sehr grundsätzliche Fragen stellen. Die bisherige Rolle der Automobilindustrie in der deutschen Wirtschaft war der innovative Vorreiter. Doch es ist mehr als nur eine gefühlte Sorge, dass sie ihren Vorsprung in der nächsten Zeit einbüßen könnte.

Denn der im Rahmen der Studie „Erfolg im Wandel“ erhobene „Change Readiness Index“ für den Automobilsektor ging in diesem Jahr von 61 auf 55 Punkte (maximal 100 Punkte waren erreichbar) zurück. Damit rangiert die Automotive-Branche in Sachen Wandlungsfähigkeit jetzt nur noch gleichauf mit der Elektroindustrie und ganz knapp vor dem Maschinen- und Anlagenbau (53 Punkte).

 

Weiterentwicklung der Branche erfordert neue Führungskultur

Die detaillierte Erhebung der Daten für die einzelnen Branchen erlaubt es, die größten Baustellen der Automobilindustrie zu identifizieren. So gab es die größten Einbrüche in den Bereichen Strukturen (Rückgang von 62 auf 53 Punkte) und Führung (Rückgang von 58 auf 50 Punkte).

Damit bestätigt sich die Erfahrung, dass die bisher eingeleiteten Sparmaßnahmen den Wandel der Führungskultur ausbremsen, und die Branche auch beim Thema Agilität gerade einen Gang runter schaltet.

Eine Weiterentwicklung der Unternehmens- und Führungskultur sowie eine gezielte Förderung der Veränderungsfähigkeit sind allerdings unverzichtbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation. Dass bei der Erschließung neuer Märkte und der Entwicklung neue Geschäftsmodelle auch die Möglichkeiten der Industrie 4.0 genutzt werden sollten, versteht sich dabei von selbst.

Nur so kann ein Portfolio konsequent auf die Zukunft ausgerichtet und die vorhandenen Ressourcen, Mitarbeiter sowie Anlagen ideal für eine effektive Wertschöpfung eingesetzt werden. Der Erfolg in der Transformation kann kommen, wenn Zulieferer und OEMs der Automobilindustrie ihre eigenen Stärken und die mit jedem Wandel verbundenen Chancen nicht aus den Augen verlieren.

Zum Autor:

Willhelm Goschy ist Vorstand der Staufen AG. Seine Beratungsschwerpunkte liegen auf wertstromorientierten Fabrikkonzepten, der Implementierung von Wertschöpfungssystemen und dem Coaching von Führungskräften. Goschy studierte Betriebswirtschaftslehre in Deutschland und Großbritannien. Bei der Dr. Ing. h.c. Porsche AG sammelte er anschließend in der Funktion als Projektcontroller und Projektleiter profunde Kenntnisse in Fertigung und Montage. Seit 1999 in der Unternehmensberatung Staufen entwickelte Wilhelm Goschy als Senior Partner und Business Unit Leiter Führungskräfte, leitete Großprojekte, konzipierte die Ausbildung von Lean Experten und ist heute unter anderem verantwortlich für die Entwicklung des internationalen Beratungsgeschäfts.
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