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Creditreform

Wenn es den Post-Materialismus gibt, dann schickt sich die Generation, die heute als „Generation Y“ bezeichnet wird, an, ihr Vorreiter zu werden. „Life“ statt „Work“, Freiheit statt Karriere, Individualismus statt Verantwortung. Dass diese schöne neue Welt unser aller Wohlstand gefährdet, scheinen die Vertreter dieser Generation dabei zu übersehen.

Nie ist eine Generation in Deutschland, im ganzen so genannten Westen, in größerem Reichtum aufgewachsen. Trotz aller Unkenrufe: Nie gab es mehr verfügbares Kapital, nie mehr Infrastruktur, exzellente Gesundheitsdienstleistungen und Konsummöglichkeiten. Gerade letzterem scheinen heute jedoch viele junge Menschen überdrüssig: Sie streben keine teuren Status-Symbole wie Autos mehr an, übernachten lieber günstig bei fremden Menschen als in vermeintlich teuren Hotels, reduzieren ihre materiellen Ansprüche – und entledigen sich damit des wirtschaftlichen Drucks, der vergangene Generationen geprägt hat.

Das bekommt die Wirtschaft heute bereits schwer zu spüren: Die Anbieter von Dienstleistungen genauso wie Konsumgüterhersteller leiden unter einer tiefgreifenden Nachfrageveränderung. Denn wer Güter lieber teilt, als sie selbst zu besitzen, der schmälert die mögliche Absatzmenge der Produzenten. Und wer in seiner Jugend mit dem prägendem Satz „Geiz ist geil“ aufgewachsen ist, der hat heute eine ganz andere Preissensibilität als zu einer Zeit, in der es angesagt war, teure Produkte zu erwerben und dies auch Kund zu tun.

Zur gleichen Zeit hat die Wirtschaft große Probleme, diese neue Generation als Mitarbeiter und Führungskräfte in ihre Unternehmen zu integrieren. Denn es liegt auf der Hand: Wer weniger konsumiert, der benötigt auch weniger Einkommen. Und wer weniger Einkommen benötigt, der will auch weniger arbeiten – vor allem weniger Zeit investieren. An diese Zeit wird zudem mit einer hohen Anspruchshaltung heran gegangen: Sie soll mit Aufgaben gefüllt sein, die zugleich fordernd sind, den intellektuellen Horizont erweitern – und grundsätzlich auch noch Spaß machen. Doch wer macht dann künftig die Kärrnerarbeit? Viele junge Menschen scheinen zu übersehen, dass Arbeit im Wortsinne auch heute noch Arbeit ist und dies auch in Zukunft so sein wird. Arbeit beinhaltet auch Aufgaben, die keine Freude bereiten – die aber erledigt werden müssen. Dazu scheinen viele keine Lust mehr zu haben.

Dies führt unweigerlich dazu: Immer weniger junge Menschen streben in verantwortungsvolle Positionen, die Zeit abverlangen, aber auch Ehrgeiz, Fleiß, Stehvermögen und eine Menge Härte gegen sich selbst. Was einst als Ritterschlag in der Karriere galt, wird heute von vielen eher als unnötige Bürde gesehen.

Auf den ersten Blick mag diese neue, vordergründig lebensbejahende und sinnvolle Tätigkeiten verlangende Einstellung der Generation Y durchaus nachvollziehbar und auch sympathisch wirken. Mit weniger Einsatz mehr Lebensqualität – wer träumt nicht davon? Dass diese Einstellung jedoch zutiefst egozentrisch und verantwortungslos ist, bis dahin scheinen viele Konsumverzichtler gar nicht zu denken.

Unsere westlichen Volkswirtschaften sehen sich heute einem internationalen Raubtierkapitalismus gegenüber, bei dem nur der Stärkere zu gewinnen scheint. Preise die zu unterbieten sind, werden unterboten. Dinge, die machbar sind, werden gemacht. Dabei treffen wir heute auf andere Kulturräume, zum ersten Mal seit Menschengedenken auf echter Augenhöhe. Während in Deutschland die junge Generation auf noch mehr Freizeit schaut, ist es der Wunsch eines jeden jungen Chinesen, einmal reich zu werden. Im direkten Wettbewerb mit hungrigen Gesellschaften wie in Asien, Südamerika aber auch zunehmend Afrika, wird die Haltung der Generation Y unmittelbar zu Verlusten im globalen Wettbewerb führen. Und damit die wesentlichen Volkswirtschaften noch stärker schwächen.

Am Ende bleiben zwei Fragen. Erstens: Was bedeutet das für unser aller Wohlstand, wenn Volkswirtschaften schrumpfen und die Sozialsysteme immer weniger einnehmen werden? Die Antwort liegt auf der Hand: Das allgemeine Wohlstandsniveau wird sinken. Zweitens: Was können und müssen Unternehmen tun, um auch künftig Menschen für Verantwortung zu begeistern und damit langfristig ihren Erfolg zu sichern?

Die letzte Frage ist die für Sie als Leser besonders interessante. Ja – Unternehmen sollten sich selbstverständlich stets auf eine neue Generation einstellen. Nur sie zu verstehen ermöglicht es sie auch zu integrieren. Aber Nein – Unternehmen sollten nicht den Fehler machen, all die Freizeithungrigen und Work-Life-Balancer in den Kern ihrer Rekrutierungs- und Entwicklungsstrategie zu rücken. Es gibt genug junge Menschen, auch in unseren westlichen Gesellschaften, die leisten wollen und die leisten können. Immer wieder auch Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten, die ihr Studium selbst finanziert, sich in ihrem Berufsfeld regelrecht hochgeboxt haben. Für sie gilt nach wie vor, dass in der Mehrzahl eine gläserne Decke den finalen Aufstieg in die Top-Positionen der deutschen Wirtschaft verhindert. Papa kennt eben niemanden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ähnliches gilt für Migranten und Menschen, die nicht in unserem Kulturraum aufgewachsen sind. Auf diese Hungrigen, diese Leistungs- und Leidenswilligen, diese echten Mehrwertschaffer sollte die Wirtschaft künftig wieder stärken setzen – anstatt sich darüber Gedanken zu machen, wann die Handys automatisch abgeschaltet werden oder wie Bürogarnituren aussehen müssen, damit sich die Generation Y bei der Arbeit so fühlt wie in einem Wellnesstempel: Pudelwohl.

Dafür müssen Unternehmen lernen echten Talenten und Potenzialen künftig mehr Platz einzuräumen, als einem konformen Oberklasse-Lebenslauf. Dann wird es ihnen gelingen, auch künftig im Weltmarkt zu bestehen und gleichzeitig den Wohlstand der Volkswirtschaft nicht nur zu halten, sondern sogar weiter zu mehren.