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Creditreform

Die vergangenen Wochen zeichneten sich durch fallende Aktienmärkte und steigende Kurse von Staatsanleihen aus. Der Mechanismus ist grundsätzlich nachvollziehbar, da Aktien bei positiver und Staatsanleihen bei negativer Zukunftserwartung die Favoritenrolle einnehmen. Aktuell dominiert eindeutig die pessimistische Sichtweise. Grund genug, durch den Lärm der Nachrichten hindurchzuschauen und sich mit historischen Fakten und zeitgemäßen Aktienstrategien zu beschäftigen.

Cap. Market - Safety firstDie Grafik zeigt die Entwicklung seit dem ersten Juli 2015. Der sichere Hafen US-Staatsanleihen ist hier der eindeutige Sieger. Steigende Kurse sind das Spiegelbild fallender Renditen und daher sollte es nicht mehr lange dauern, bis die positiven Effekte für den US-Immobilienmarkt und die Refinanzierungskosten von Verbrauchern sowie Unternehmern thematisiert werden. Gold zeigte sich in den letzten Wochen ebenfalls stärker. Die positive Entwicklung gegenüber dem Aktienmarkt gibt endlich (!) mal wieder einen objektiven Grund (Risikostreuung) für diese zinslose Vermögensklasse.  Für die größten medialen Schlagzeilen sorgt allerdings der Aktienmarkt. Grund genug, durch den Lärm der Nachrichten hindurchzuschauen und sich mit historischen Fakten und zeitgemäßen Aktienstrategien zu beschäftigen.

Fallende Kurse sind so wahrscheinlich wie das Wochenende

Eine Analyse des globalen Aktienmarktes (ohne Dividenden) der US-Fondsgesellschaft Vanguard für den Zeitraum von 1980 bis heute setzt die aktuellen Kursbewegungen in eine sachliche Perspektive. Eine Korrektur (Correction) ist ein Rückgang der Kurse zwischen 10 und 20 Prozent. Von einem Bärenmarkt (Bear market) spricht man, wenn der Rückgang mehr als 20 Prozent beträgt und mindestens zwei Monate andauert. Im betrachteten Zeitraum hat der globale Aktienmarkt zwölf Korrekturen (durchschnittlicher Rückgang: 13,7 Prozent) und sieben Bärenmärkte (durchschnittlicher Rückgang: 33,4 Prozent) erlebt.

Trotz der unterschiedlichen Dauer und Tiefe der einzelnen Rückschläge haben sich die Aktienmärkte stets wieder erholen können. Bei Korrekturen dauert dies im Durchschnitt 121 und bei Bärenmärkten 800 Tage. Über den Gesamtzeitraum betrachtet herrschte zu 30 Prozent der Zeit entweder Korrektur- oder Bärenmarkt. Statistisch gesehen sind diese unangenehmen Phasen also so wahrscheinlich wie das Wochenende. Berechnung: Die Woche hat sieben Tage, zwei davon sind Wochenende. Also macht das Wochenende knapp 30 Prozent der Woche aus.

Korrektur-BärenmarktDie genannten Werte sind der Durchschnitt aus dreieinhalb Jahrzehnten. Die jeweiligen Erfahrungen für den individuellen Anleger können davon erheblich abweichen. Man kann durchaus sagen, dass die Erfahrungen mit dem Aktienmarkt zu einen großen Teil davon abhängen, wann man in Aktien investiert hat. Hierbei geht es nicht um ein paar Tage oder Wochen zu früh oder spät, sondern eher Jahre bzw. Jahrzehnte.

Früher war es tatsächlich besser

Wer kennt den Satz nicht: „Früher war alles besser“. Typischerweise verdreht die jüngere Generation dann die Augen. Bezogen auf den Aktienmarkt hat die Aussage aber durchaus seine Berechtigung. Die Grafik zeigt die Anzahl der Tagesschwankungen von mehr als drei Prozent im US-Leitindex S&P500. Im Zeitraum von 2001 bis 2014 traten diese häufiger auf, als in den fünf Jahrzehnten von 1951 bis 2000. S&P500 Vola

Quelle: Natixis Global Asset Management

Schwankungen sind emotional unangenehm und sie erhöhen das Risiko, von der langfristig sinnvollen Anlagestrategie abzuweichen. In Kombination mit plausiblen Nachrichten, die die fallenden Kurse mit allerlei Erklärungen versehen, werden selbst überdurchschnittlich rationale Anleger schnell verunsichert. Man kann also wohl durchaus behaupten, dass heute mehr Disziplin erforderlich ist als in der Vergangenheit. Die ständige Verfügbarkeit des eigenen Depotstands, Online Brokerage und „push“ Newsticker dürften die Situation eher noch verschlechtern.

Aber es gibt auch gute Nachrichten

Anleger können ein Aktienportfolio heute effizienter und gezielter zusammenstellen als jemals zuvor. Hierbei können nicht nur gezielt Regionen (USA, Europa etc.) und Sektoren (Technologie, Industrie etc.) abgebildet werden. Das neue Verständnis für den Aktienmarkt resultiert aus sogenannten Faktoren und kann so beschrieben werden: Als Faktor kann man sich eine Eigenschaft vorstellen, die sich auf eine Gruppe von Wertpapieren bezieht, die ihre Wertentwicklung und ihr Risiko erklärt. Faktoren sollten über die Zeit Bestand haben und für ein großes Spektrum von Aktien exemplarisch sein.

Eine kurze Einführung bietet diese Tabelle:

Faktor Beschreibung

Quelle: MSCI

… doch leider nicht die eierlegende Wollmilchsau

Grundsätzlich ist die Entwicklung sehr positiv zu beurteilen. Allerdings sind der Risikostreuung auch hier Grenzen gesetzt. Besonders auf kurzfristige Betrachtungszeiträume bezogen kann sich ein hoher Gleichlauf zeigen.

Faktor Selection

Quelle: Robeco Asset Management

Fazit für Anleger

Anleger müssen akzeptieren, dass die Schwankungsbreite am Aktienmarkt heute höher ist als in der Vergangenheit. Korrekturen und Bärenmärkte sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Handwerklich sollten die zur Investition in den Aktienmarkt verwendeten Instrumente zeitgemäß sein. Prozyklische Indexinvestments (bspw. DAX ETF) und einzelne Aktien (keine Risikostreuung) sind sinnvoll, um Faktor-Strategien zu ergänzen. Hierdurch wird eine bessere Risikostreuung innerhalb des eigenen Aktienkorbes erzielt. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Aktienanteil am eigenen Depot 10 oder 100 Prozent beträgt. Jeder Anleger sollte sich damit beschäftigen.

Da der Risikostreuung innerhalb des Aktienmarktes dennoch Grenzen gesetzt sind, sollten weitere Instrumente und Strategien zur Diversifizierung des Depots verwendet werden. Diese Instrumente sollten eine von der allgemeinen Richtung der Aktien- und Rentenmärkte weitgehend unabhängige Rendite anstreben. Selbstverständlich ist auch hier eine sinnvolle Streuung über unterschiedliche Ansätze vorzunehmen.

Sobald die handwerkliche Arbeit getan ist, kann der Anleger noch etwas ganz einfaches tun, um die wahrgenommenen Schwankungen in seinem Depot zu reduzieren: Seltener hinsehen. Was für die Börse abwegig klingt ist in verwandten Bereichen ganz normal. Oder lassen sie die eigene Immobilie jeden Tag neu bewerten?

Die zwingende Bedingung für dieses Plus an Lebensqualität ist eine zeitgemäße und professionelle Anlagestrategie.