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Creditreform

Mit Smartphone und Co. können Mitarbeiter immer und überall arbeiten und sind rund um die Uhr für jeden erreichbar. Doch „always on“ erzeugt Stress und macht krank. Um sie vor dem digitalen Burnout zu bewahren, verordnen Chefs Offlinezeiten und holen sich Digitaltherapeuten als Berater ins Haus.

Wer den digitalen Segen ausbeuten will, muss lernen, den Fluch abzuschalten“, lautet das Credo von Anitra Eggler. Die ehemalige Internetunternehmerin weiß, wovon sie spricht: „Ich hatte meine Mitarbeiter rund um die Uhr mit E-Mails bombardiert – und selbstverständlich erwartet, dass sie sofort darauf reagieren“, erklärt sie. Das ging so lange gut, bis die ersten Kollegen unter Burnout-Symptomen litten. Da dämmerte es Eggler, dass es so nicht weitergeht. Kurzerhand entrümpelte sie die im Unternehmen eingesetzten Medien, führte Offlinezeiten ein. Sie selbst machte Urlaub an Orten, wo es kein Handynetz gab. Und siehe da: Die Welt ging nicht unter.

Stattdessen kam Eggler ihre neue Geschäftsidee in den Sinn: die Digitaltherapie. Heute schreibt sie Ratgeber mit Titeln wie „E-Mail macht dumm, krank und arm“ und hält Vorträge in Großkonzernen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist gut gebucht, immer mehr Firmen erkennen die Gefahren der digitalen Überflutung und holen sich Rat von Offlineexperten.

Sind Sie ein Smartphone-Zombie? Digitalcoach Anitra Eggler stellt Gegenmaßnahmen vor: in unserer App oder unter creditreform-magazin.de/offline

Weniger ist mehr

„Die Dosis macht das Gift“, lautet Egglers einfache Botschaft. Ungefiltert nimmt sie immer mehr zu: Nach der aktuellen Trendstudie „Stressfaktor Smartphone 2015“ des Beratungsunternehmens Mercer in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und der Fachhochschule Rosenheim, sind 90 Prozent von 150 befragten deutschen Führungskräften auch im Urlaub für Kollegen, Vorgesetzte und Geschäftspartner erreichbar. Gerade einmal ein Prozent der Befragten lehnt nach Feierabend berufliche Anrufe und E-Mails ab.

„90 Prozent der deutschen Führungskräfte sind auch im Urlaub für Kollegen und Geschäftspartner erreichbar.“ Mercer-Trendstudie „Stressfaktor Smartphone 2015“

Solches Verhalten kann Folgen haben: Nicht nur, dass die notwendige Zeit für Erholung auf der Strecke bleibt. Es drohen rechtliche Konsequenzen, wie Volker Nürnberg, Leiter Health Management bei Mercer, erklärt: „Wird die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit vom Arbeitnehmer wegen der Bearbeitung von E-Mails nicht eingehalten, kann der Arbeitgeber zur Verantwortung gezogen werden.“

Wer genau wissen will, wie gefährdet er ist, kann dies mithilfe von Apps wie Menthal (für Android-Geräte) oder Moment (für iPhone) checken. Die Programme registrieren, wie häufig und wie lange man sein Smartphone in die Hand nimmt. Menthal-Entwickler Alexander Markowetz, Junior-Professor am Institut für Informatik der Uni Bonn, kam im Rahmen einer Studie zu folgenden Ergebnissen: Die Teilnehmer nahmen im Durchschnitt ihr Smartphone 55 Mal am Tag in die Hand und nutzten es drei Stunden lang. Diese ständige Ablenkung schlägt sich auf die Konzentration nieder: Ungestörtes Arbeiten ist nicht mehr möglich.

Klare Regeln müssen her – mehr dazu auf der nächsten Seite.