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© oxygen/Getty Images

Jedes Jahr im Herbst blickt die IT-Welt auf die Prognosen von Technologieberatungen und Marktforschungsunternehmen. Welche Digitaltrends gehören auf die Agenda? Was wird aus den bisherigen Dauerbrennern? Burkhard Richter, Director Digital Consulting bei diconium, über den Umgang mit Hightech-Hypes.

Herr Richter, in den Prognosen zu den wichtigsten Technologietrends für 2020 fallen Begriffe wie Hyperautomation, Multiexperience oder Empowered Edge. Wie können KMU da noch durchblicken, was für sie relevant ist?

Sie sollten andersherum vorgehen und sich fragen: Wo hat das Unternehmen Probleme? Welche neuen Lösungen könnten die Kunden nachfragen? Wo gibt es Potenziale, um Kosten zu reduzieren oder Leistungen zu verbessern? Darum geht es doch und nicht darum, welche Technologie gerade neu ist oder gehyped wird. Ein gutes Beispiel dafür ist aus meiner Sicht die Blockchain. Ihr liegt zweifellos eine geniale Idee zugrunde. Aber ich habe selten erlebt, dass eine Technologie derart hochgejubelt wurde, obwohl bisher relativ wenige Anwendungsfälle entstanden sind.

Sie geben also nichts auf derlei Vorhersagen?

Doch, sie sind natürlich eine gute Einschätzung. Aber wir stellen immer den Nutzen voran, den die Anwendung einer Technologie bringt. Die meisten Unternehmen sind in ihren Kernleistungen sehr gut aufgestellt und stehen nun vor der Herausforderung der digitalen Transformation. Die Frage ist: Wie können sie die Vorteile der Digitalisierung für ihr Geschäft nutzen? Die konkrete Technologie ist dabei eher zweitrangig.

Wie weit sind denn die Unternehmen schon bei ihrer Transformation?

Wir beobachten gerade im Mittelstand eine Entwicklung, die wir den zweiten Schritt der Digitalisierung nennen. Im ersten Schritt haben Unternehmen vor allem Prozesse im Marketing und im Vertrieb digitalisiert und viele Impulse aus dem E-Commerce aufgenommen. Im zweiten Schritt beginnen sie nun, die internen Prozesse ihrer Wertschöpfung zu analysieren und zu digitalisieren.

Und wie gehen sie dabei vor?

Sie sollten regelmäßig überprüfen, ob ihre Systemlandschaft zu ihren geplanten Projekten passt. Wenn nicht, dann müssen sie die technischen Voraussetzungen dafür schaffen. Wer etwa Maschinen und Systeme in einem Industrie-4.0-Projekt miteinander vernetzen will, benötigt entsprechende Schnittstellen, sogenannte APIs. Sie sind eine Grundvoraussetzung, wenn ich Geräte und Systeme im Internet of Things miteinander vernetzen möchte.

Nun sind IoT und APIs nur zwei von sehr vielen Entwicklungen. Was können Unternehmen tun, um den Zug nicht zu verpassen?

Als Dienstleister sage ich natürlich: Sie sollten sich Hilfe holen. Aber sie können sich auch selbst agiler aufstellen. Das ist zum Beispiel eine der größten Veränderungen, die wir derzeit in der Automobilindustrie beobachten. Dort wurden neue Modellreihen früher zehn Jahre im Voraus entwickelt. Heute denken wir in Zwei-Wochen-Sprints.

Digitale Transformation erfordert also neben Technologie- auch Kulturwandel?

Auf jeden Fall. Kein Technologieprojekt wird ohne Change Management gelingen. Wer nicht gleichzeitig versucht, seine Mitarbeiter auf den Wandel vorzubereiten, dem hilft auch keine Technologie. Ist die Organisation so beweglich und so veränderungsbereit, dass sie neue Entwicklungen mit trägt? Ganz wichtig dabei ist, dass die Geschäftsführung verinnerlicht, dass der Wandel notwendig ist, und den Willen zur Veränderung vorlebt.

Zur Person

Burkhard Richter ist Director Digital Consulting bei der Digitalagentur diconium. Mit seinem Team berät der 51-Jährige Unternehmen bei der digitalen Transformation, unterstützt sie bei Auswahl und Einsatz von Technologien und beim Wandel der Organisation.

 

Blick in die Glaskugel

Diese zehn strategisch wichtigen Trends zum Umgang mit digitalen Technologien sollten Unternehmen laut der Marktforschung von Gartner ab 2020 im Auge behalten:

  1. Hyperautomation: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen zur Automation immer komplexerer Tätigkeiten.
  2. Multiexperience: Der Einsatz verschiedenster Technologien wie Augmented, Virtual und Mixed Reality in Mensch-Maschine-Interfaces.
  3. Demokratisierung: Immer einfacherer und kostengünstigerer Zugang zu technologischem und wirtschaftlichem Wissen.
  4. Menschliche Erweiterung: Der Einsatz von Technologie zur Steigerung geistiger und körperlicher Fähigkeiten, etwa durch Wearables und Implantate.
  5. Transparenz: Mit zunehmendem Einsatz von Big Data und KI wollen Kunden und Verbraucher nachvollziehen, wie ihre Daten verarbeitet und wie KI-Entscheidungen getroffen werden.
  6. Edge Computing: Die dezentrale Datenverarbeitung am Rand (Edge) des Netzwerks könnte bis 2023 bis zu 20-mal größer sein als konventionelle IT-Dienste.
  7. Distributed Cloud: Entwicklung von einer zentralisierten Cloud hin zur Nutzung verschiedener und verteilter Cloud-Lösungen.
  8. Autonome Dinge: Von teilautonom bis komplett selbstständig werden Drohnen, Roboter, Schiffe und andere Geräte Aufgaben ausführen, die bis dato von Menschen erledigt wurden.
  9. Angewandte Blockchain: Die Blockchain, die bisher vor allem in experimentellen Projekten zum Einsatz kommt, soll bis zum Jahr 2023 vollständig skalierbar sein.
  10. KI-Sicherheit: Technologien wie Hyperautomation oder Autonome Dinge bieten viele Möglichkeiten, schaffen aber auch neue Angriffspunkte. Für sie werden neue Sicherheitskonzepte wichtig.