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Eduard Schlutius Reev

(c) Reev

Nicht das Stromnetz, nicht mehr die Mitarbeiterwünsche, sondern vor allem die Ladeinfrastruktur bremst den Hochlauf der Elektromobilität in Firmenfuhrparks. Das Startup Reev möchte das ändern. Gründer Eduard Schlutius über seine Vision der E-Mobilität und wie Unternehmen ein Teil davon werden.

 

Herr Schlutius, wo stehen wir mit der E-Mobilität in drei Jahren?

Ich glaube sehr viel weiter, als wir uns heute vorstellen können. Die Initialzündung haben wir jetzt hinter uns und es setzt ein Bewusstseinswandel ein, dass Elektromobilität Teil des Alltags ist.

Die Menschen werden ihr Verhalten entsprechend ändern und in ein paar Jahren ganz automatisch, wann immer sie das Auto irgendwo abstellen, zum Ladestecker greifen.

 

Dafür wollen Sie unter anderem mit Reev und ihrer Software für den Betrieb von Ladestationen sorgen. Ihre Zielgruppe sind vor allem Unternehmen.

Genau. Denn dort bestehen ein großer Bedarf und noch viel mehr Potenzial. Bisher lag der Fokus beim Ausbau der Ladeinfrastruktur auf öffentlichen Stationen – oft von Energieversorgern aufgestellt und betrieben. Ich bin überzeugt, dass Firmenfuhrparks ein Schlüssel zum Erfolg der E-Mobilität sind.

Denn wenn man ehrlich ist: Wo und wie lange parken denn die meisten Autos? Entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz. Und wenn immer mehr E-Autos zugelassen werden, können die nicht an den öffentlichen Ladesäulen Schlange stehen.

 

Und was genau bekommen Firmenfuhrparks von Reev?

Bei Ladestationen in Firmenfuhrparks gibt es ganz eigene Prozesse. Es müssen Poolfahrzeuge und Dienstwagen laden, hinzu kommen Gäste oder Mitarbeiter, die ihre privaten Fahrzeuge laden – möglichweise jeder zu einem anderen Tarif.

Das können sie mit einer Lösung, die ein Energieversorger zum Laden im öffentlichen Raum nutzt, nicht abbilden. Reev gibt Unternehmen also vor allem eine Software an die Hand, mit der sie ihre Ladestationen steuern und Ladevorgänge trennscharf abrechnen können.

 

Sie haben bisher rund 900 Kunden. Wie sieht das Setup bei den meisten dieser Unternehmen aus?

Viele haben an ihrem Standort eigene Elektriker, die die Installation vornehmen. Die kennen die Gebäude viel besser als wir. Alles, was die Elektriker brauchen, sind Wallboxen mit unserer Software.

Diese bekommen sie im Elektrogroßhandel. Die Installation ist recht einfach – im Lieferumfang ist auch eine Anleitung enthalten. Uns ist es wichtig, Barrieren bei der Inbetriebnahme aller Komponenten zu senken.

Anschließend scannen sie einen QR-Code auf der Box, um die Software in Betrieb zu nehmen. Auch in der Folge bleiben wir meist im Hintergrund.

Das heißt, das Unternehmen definiert die Tarife, zu denen etwa Gäste, Mitarbeiter, Dienstwagen und Poolfahrzeuge laden. Die jeweiligen Fahrer identifizieren sich oder die Fahrzeuge vorm Laden mit einer Chipkarte.

So können wir den Stromverbrauch zuordnen und im Namen des Unternehmens abrechnen. Einmal pro Monat erhält das Unternehmen eine Gutschrift für den verbrauchten Strom sowie eine Übersicht, um alles in seinem ERP-System einbuchen zu können.

 

Gibt es dabei noch technische Besonderheiten zu beachten?

Nichts, was eine Elektrofachkraft nicht auch wüsste. Normalerweise schließen wir eine Ladestation an eine Leitung mit 32 Ampere an, um dann mit maximal 22 kW zu laden.

Wenn es zwei Ladestationen an einer Leitung sind, wird das aufgeteilt auf zweimal 11 kW. Damit haben sie auf jeden Fall genug Leistung.

Wir erleben es oft, dass die Unternehmen einen geringeren Strombedarf haben, als sie annehmen. Das liegt daran, dass so gut wie nie alle Autos gleichzeitig laden.

Ein typisches Szenario ist: Morgens zwischen sechs und neun Uhr kommen die Dienstwagenfahrer und Mitarbeiter und stecken ein. Sie sind seit dem Vortag vielleicht 30, 40 Kilometer weit gefahren und längst wieder voll geladen, wenn dann ab mittags die ersten Poolautos zurück sind und laden müssen.

 

Damit decken Sie das Laden im Unternehmen ab. Wie steht es um das „Tanken“ von Dienstwagen an der heimischen Steckdose?

Eine intelligente Ladestation für zu Hause ist Teil unserer Lösung. Sie erkennt, wenn der Dienstwagen lädt, und das verrechnen wir dann monatlich mit den Nutzern zu deren geltendem Stromtarif.

Die Mitarbeiter können die Box per App steuern. Das heißt, es können auch private Fahrzeuge oder das Auto der Nachbarn – dann natürlich ohne Erstattung durch den Arbeitgeber – geladen werden.

Wir empfehlen, dass die Mitarbeiter die Box selbst zahlen, in der Regel mit einem Zuschuss des Arbeitgebers. Danach gehört sie ihnen und die Unternehmen haben sie nicht in ihren Büchern. Außerdem fördert die KfW die Installation privater Ladestationen mit bis zu 900 Euro.

 

Da Sie die öffentliche Förderung ansprechen: Welche Möglichkeiten gibt es für Unternehmen?

Das ist je nach Bundesland unterschiedlich. Allerdings fördert derzeit auch der Bund sehr stark. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur nimmt 300 Millionen Euro in die Hand, um speziell kleine und mittelgroße Unternehmen zu unterstützen – mit Zuschüssen, die bis zu 80 Prozent der Gesamtkosten für die Installation von Ladestationen abdecken.

Das macht Investitionen auch wirtschaftlich sehr attraktiv: Sagen wir, ein Unternehmen kauft seinen Strom für 22 Cent pro Kilowattstunde ein und bietet Mitarbeitern und Gästen einen Ladetarif für 26 Cent pro Kilowattstunde an, dann haben alle Seiten etwas davon. Das Unternehmen refinanziert die Investition – und die Mitarbeiter laden auf dem Firmenparkplatz immer noch günstiger als zu Hause.

 

Zur Person:

Eduard Schlutius ist Gründer und CEO von Reev. Das Startup gründete der Wirtschaftsingenieur 2018 gemeinsam mit dem Physiker Patrick Fleischer.

Ihr Ziel: Mit einer eMobility Software für den unkomplizierten und wirtschaftlichen Betrieb von Ladestationen die Mobilitätswende vorantreiben. Ihr Produkt ist speziell auf die Anforderungen von komplexen Fuhrparksituationen konzipiert – wie in Unternehmen oder der Wohnungswirtschaft, aber auch auf Parkplätzen von Hotels, Supermärkten und Restaurants.

In knapp drei Jahren ist das Unternehmen auf fast 40 Beschäftigte gewachsen, hat ein Patent erteilt bekommen und agiert mittlerweile international, in drei Ländern. Seit März 2021 bildet Pierdomenico Staglieno mit Schlutius zusammen die Doppelspitze in der Geschäftsführung von Reev.