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Creditreform

Frank Heide schreibt seit 15 Jahren über Autos. Für das Creditreform Magazin testet einmal im Monat die neuesten Firmenwagen. © Thomas Luther

Assistenzsysteme werden immer besser. Aber kann man das Lenkrad inzwischen selbst auf der linken Autobahnspur komplett dem Autopiloten anvertrauen? Ja, kann man – im Volvo V60 sogar in der Mittelklasse. Vorausgesetzt, der Verkehr lässt es zu.

Es gab Zeiten, da konnten Kombis aus Schweden vor allem eines: laden, laden und nochmals laden. Das war lange vor der Verbreitung des Wortes „Lifestyle“ im Deutschen. Mittlerweile müssen familienfreundliche und fuhrparktaugliche Lademeister auch richtig schick sein. Aber auch da haben die Schweden nun die Nase vorn.

Volvo hat beim V60 den Schwedenstahl elegant gebügelt. Von den auffälligen LED-Scheinwerfern, aufgrund ihres Designs „Thors Hammer“ genannt, über das riesige Glas-Panoramadach bis zur selbst öffnenden Heckklappe strahlt der Mittelklasse-Kombi dynamische Präsenz und solides Understatement aus. Man nimmt den V60 D4 Inscription als etwas Besonderes wahr, aber er drängt sich nicht auf.

Außergewöhnlich ist er aber vor allem wegen seiner inneren Werte – allen voran wegen des neuen Autopiloten namens Pilot Assist II. Der steuert den Wagen nach nur zwei Knopfdrücken am Lenkrad tatsächlich ganz allein. Naja, fast. Und er zählt zu einer ganzen Flut von Systemen und Assistenten, mit deren Hilfe Volvo Sicherheit immer noch besonders groß schreibt.

Einziges Manko: Ordern Kunden das im Testwagen verbaute komplette Assistenzpaket und Luxus-Features wie Premium-Soundanlage, Komfortsitze und Akustikverglasung, wird es teuer. 72.530 Euro kostet der Testwagen, knapp 25.000 Euro mehr als die Basisversion.

Außen cool, innen kühl

Kein Wunder also, dass beim Einstieg Lounge-Atmosphäre beeindruckt: Mit hellem Leder, das wenig alltagstauglich ist, glänzendem Chrom und toll verarbeiteten Echtholzeinlagen. Trotz Vollausstattung und feinem Zubehör wirkt der Innenraum nicht überladen, die Atmosphäre ist eher nordisch kühl, edel aufgeräumt.

Die Suche nach dem Autopiloten fällt leicht, sie ist ebenso wie der Tempomat und der Staufolgeassistent links im Lenkrad untergebracht und intuitiv zu bedienen. Etwas mehr Einarbeitungszeit verlangt der große Touchscreen, der den Raum zwischen Armaturenbrett und Mittelkonsole dominiert.

Zwar gibt es seinetwegen kaum noch Schalter und Knöpfe im Volvo, doch das Angebot an Funktionen, das er verwaltet, muss der Novize über eine mehrseitige Quernavigation erst mal erlernen – und die kleinen Bedienfelder treffen, was mit dem Finger während der Fahrt gar nicht so leicht ist.

Mit dem 190 PS (140 kW) starken Vierzylinder-Diesel mit zwei Turboladern ist man im Alltag gut motorisiert unterwegs. Er beschleunigt den rund 1.900 Kilogramm schweren Kombi per Achtgang-Automatik in knapp unter acht Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer und schafft eine Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h.

Fährt (fast) autonom

Ein Sportmodus ist auch an Bord. Doch ich lasse es mit dem 4,76 Meter langen und 2,04 Meter breiten Schweden ruhig angehen – und probiere den Autopiloten aus. Zunächst hinter einem Lkw auf der rechten Spur. Funktion aktiviert, Hände in den Schoß gelegt. Alles läuft wie am Schnürchen, der Abstand zum Vordermann lässt sich per Knopfdruck variieren, das Beschleunigungs- und Bremsverhalten ist sanft.

In regelmäßigen Abständen fragt der Volvo allerdings per Displaywarnung nach einer Rückmeldung des Fahrers. Der muss kurz das Lenkrad anfassen, danach übernimmt wieder Pilot Assist II. Für das System sind auch Autobahnkurven kein Problem, es orientiert sich an den Fahrbahnmarkierungen, solange diese eindeutig sind. Sind sie es nicht, gibt der Autopilot als sogenanntes redundantes System einfach das Steuer wieder an den Fahrer zurück.

Ich werde mutiger, vertraue mich dem System erst auf der mittleren dann auf der linken Spur an. Schnell zeigt sich, Tempo 130 ist für die linke Spur in Deutschland nicht genug. Oft muss ich Dränglern weichen, und weil der Autopilot keine Spurwechsel selbstständig beherrscht, ist dann doch wieder Handarbeit gefragt. Auf der mittleren Spur habe ich außerdem oft das Gefühl, dass Kameras und Sensoren sich an der linken gestrichelten Linie orientieren, der Wagen somit eine leichte Tendenz nach links entwickelt.

Immerhin: Zurück auf der rechten Spur, gibt mir Pilot Assist II die Möglichkeit, mit nur einer Hand am Lenkrad das Infotainment per Touchscreen zu erkunden – ohne dass ich mich dabei unsicher fühle. Bis mich plötzlich der Notbremsassistent unsanft aus meiner Spielerei hochschrecken lässt. Ein anderer Wagen ist von links ganz knapp vor mir eingeschert, der Volvo geht kräftig in die Eisen. Der andere Fahrer hätte fast seine Ausfahrt verpasst und riskiert einen hektischen Spurwechsel. „So schnell kann es gehen“, denke ich. Gut, dass der Volvo sicher und schnell reagiert hat.

Insgesamt erweisen sich die vielen Assistenz- und Sicherheitssysteme des Volvo also als durchaus alltagstauglich. Man sollte nur wissen, dass sie sehr sensibel sind – und gelegentlich auch nerven können. Zum Beispiel bei der Fahrt in einer einspurigen 30er-Zone um ein parkendes Auto herum, das der Volvo als plötzlich auftauchenden Gegenverkehr identifiziert. Bisweilen scheint auch ein Windhauch zu genügen, um den lautstark piependen Abstandswarner aufzuschrecken. Aber die Situation auf der Autobahn hat mir deutlich gemacht: besser so als andersherum. Denn aller Technik zum Trotz trägt nicht Pilot Assist II die Verantwortung, sondern immer noch der Fahrer.

Technische Daten:

Volvo V60 D4 Inscription
Antrieb: Vierzylinder-Diesel-Frontmotor mit Biturbo
Leistung: 140 kW/190 PS
Beschleunigung: 0–100 km/h: 7,9 s
CO2-Ausstoß: 125 g/km, Abgasnorm: Euro 6d-Temp
Verbrauch: 4,7 Liter/100 km (laut Hersteller)
Preis: ab 47.550 Euro, Vollausstattung etwa 72.530 Euro

Heides Testurteil

„Schicker, aber relativ teurer Mittelklassewagen. Er vermittelt mit ausgereiften Assistenzsystemen sehr viel Sicherheit und lässt Vielfahrer entspannter ankommen.“