Das Unternehmermagazin aus der Handelsblatt Media Group

Creditreform

Der neue Präsident des Digitalverbands Bitkom, Thorsten Dirks, über den Durchbruch innovativer Technologien im breiten Mittelstand, die Skepsis vieler Unternehmer – und passende Sicherheitsstrategien für die IT-Bedrohungen im neuen Jahr.

 

Herr Dirks, zwar glauben 86 Prozent der Unternehmer fest an die Chancen der Digitalisierung – doch zwei von drei Managern räumen ein, dieser Megatrend werde im Mittelstand noch vernachlässigt. Wird sich dieses Jahr daran etwas ändern?
Das muss unser gemeinsames Ziel sein. Denn wir brauchen den Mittelstand, um digitale Ökosysteme rund um unsere Leitbranchen zu entwickeln. Heute sind wir in vielen Branchen im globalen Maßstab führend – im Automobilbau, der Logistik, der Medizintechnik, dem Maschinenbau, der Chemie, der Elektrotechnik, dem Handel, aber auch bei Banken und Versicherungen. Damit wir es bleiben, müssen wir die digitale Transformation dieser Branchen erfolgreich gestalten und ihr jeweils ein Zentrum geben. An diesen Hubs, den Dreh- und Angelpunkten der digitalen Transformation, soll sich die digitale Avantgarde versammeln. Hier kommen die Flaggschiffe der Branche mit Startups und der Wissenschaft zusammen. Und eben auch mit dem Mittelstand, der seit jeher für Innovation und Markterfolg stand und auch in Zukunft stehen wird.

Nun sind für Umbauten im Zuge der Digitalisierung ja hohe Investitionen erforderlich – und es ist nie ganz klar, ob und wann sich solche Ausgaben rechnen. Wie passt das zu den deutschen Mittelständlern, von denen viele nach eigenen Angaben eher konservativ und risikoscheu agieren?
Das muss kein Widerspruch sein. Im Gegenteil: Heute ist das größte Risiko, die Digitalisierung zu ignorieren. Es gibt aber viele innovative Mittelständler, die ihre Chance in der Digitalisierung sehen. Sie setzen beispielsweise auf Industrie-4.0-Lösungen. Und es gibt zum Glück viele Unternehmer, die die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihr Geschäftsmodell nicht als Schicksal, sondern als Herausforderung wahrnehmen. Da wird dann der Hersteller von Autoschlüsseln zum Anbieter von Zugangssystemen. Aus Schlüssel und Schließzylinder werden Fingerabdruckerkennung und Near Field Communication. Einem Zulieferbetrieb mit überschaubarem Kundenkreis eröffnen sich so plötzlich völlig neue Geschäftsfelder und Märkte …

… in denen auch die Mitarbeiter, von denen viele durch die neuen Technologien ihre Jobs gefährdet sehen, ihren Platz haben?
Mit Sicherheit! Den Mitarbeitern kommt bei diesem Wandel eine ganz besondere Bedeutung zu. Es wird eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre sein, das Digitale in der Berufsbildung zu stärken. Wir müssen uns die Frage stellen, was die Digitalisierung beispielsweise für Traditionsberufe wie Schlosser oder Elektriker bedeutet. Und wir müssen Antworten finden, wie wir die digitale Teilhabe für alle sichern und ausbauen können. Im Kern brauchen wir neue Maßnahmen zur Weiterbildung für alle Beschäftigten im Sinne eines lebenslangen Lernens. Die Digitalisierung wird nur gelingen, wenn sie individuelle Chancen schafft. Der Einzelne muss zuversichtlich sein können, dass sie sein Leben beruflich und privat verbessert. Um auf das große Bild zurückzukommen: Die Herausforderung für den Mittelstand liegt in diesem Jahr nicht mehr darin, einzelne Geschäftsprozesse zu digitalisieren oder neue technologische Trends in das Unternehmen zu integrieren.

Sondern? Springt das zu kurz?
Die Herausforderung, vor der alle deutschen Unternehmen und ganz besonders der Mittelstand stehen, ist die grundlegende digitale Transformation unserer Gesellschaft. Bestehende Geschäftsmodelle verändern sich oder werden verdrängt, völlig neue entstehen. Wer eben noch glaubte, ein Platzhirsch in seinem Markt zu sein, sieht sich plötzlich von völlig neuen Konkurrenten an den Rand gedrängt. Wie Sie schon richtig sagten: Ein Viertel der Betriebe glaubt, man habe bislang überhaupt keine Digitalstrategie. Umso mehr müssen wir diese dynamischen Veränderungen erkennen und in neue Geschäftsmodelle übersetzen. Vor allem auch, weil andere Länder, andere Volkswirtschaften, bereits mit weitaus größerem Tempo die digitale Transformation vollziehen.

© Creditreform-Magazin 01/2016

© Creditreform-Magazin 01/2016

Werden wir konkreter: Was halten Sie für die wichtigsten IT-Trends 2016?
Die unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von denen des Jahres 2015: IT-Sicherheit sowie Data Analytics bleiben Dauerbrenner. Zudem hat im vergangenen Jahr das Thema Industrie 4.0 enorm an Bedeutung gewonnen – und wir sind bei dem Thema ja auch ein gutes Stück vorangekommen. Dazu gehören auch Erfolge beim Breitbandausbau, denn den Netzen kommt bei all diesen Themen eine besondere Bedeutung zu. Die Versteigerung der 700-MHz-Mobilfunkfrequenzen ist ein ganz entscheidender Schritt zum Aufbau eines deutschlandweiten mobilen Superbreitbandnetzes. Hier sind wir Vorreiter in Europa. Zudem sehen wir einen ungebrochenen Trend zu Cloud-Computing-Lösungen. Mehr als jedes zweite Unternehmen mit 100 bis 499 Beschäftigten nutzt heute bereits Dienste „aus der Wolke“.

Die Sicherheitsbedenken der Unternehmer gehen Ihrer Beobachtung nach also zurück? Bei einer Umfrage der Nationalen Initiative für Informations- und Internet-Sicherheit fand kürzlich noch eine große Mehrheit, Datensicherheit und Cloud widersprächen sich …
Die Sorge vor Cyberangriffen darf nicht unterschätzt werden. Besonders Mittelständler sind aufgrund ihrer Innovationskraft und ihrer Einbettung in die Lieferketten von Großkonzernen ein besonders attraktives Angriffsziel. Gerade deshalb sollte man sich aber die Frage stellen, ob die eigene IT-Abteilung den Schutz vor einem Datendiebstahl wirklich besser gewährleisten kann als ein spezialisierter Dienstleister. Kleine und mittelständische Firmen haben nicht selten Schwierigkeiten, ihre IT-Systeme sicherheitstechnisch auf dem neuesten Stand zu halten. Cloud-Lösungen haben da Stärken, wo es um Leistungsfähigkeit, Aktualität und Reaktionsgeschwindigkeit geht. Dazu kommt noch ein anderer Vorteil von Cloud-Lösungen, der gerade für Startups und innovative Betriebe von Bedeutung ist: Unternehmen werden flexibler, weil sie die IT-Ressourcen jederzeit ihrem Bedarf anpassen können. Gleichzeitig werden Mitarbeiter mobiler und arbeiten besser zusammen.