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Illustration: Menschen teilen Informationen

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Open-Source-Software ist längst in Unternehmen angekommen: Vom Betriebssystem über das Office-Paket bis zu Unternehmensanwendungen versprechen quelloffene Programmcodes im Vergleich zu Standardsoftware Kosteneinsparungen und mehr Flexibilität. Für wen sich ihr Einsatz lohnt und worauf Unternehmen vor der Einführung achten müssen.

 

München gilt hierzulande als Pionierin der freien Software in der Verwaltung: Die Stadtverwaltung fing bereits 2003 an, ihre rund 15.000 PC-Arbeitsplätze vom bis dato eingesetzten Microsoft-Betriebssystem Windows auf die Open-Source-Software Linux umzustellen – nicht nur, um Kosten zu senken, sondern auch, um unabhängiger von Herstellern und deren Produktzyklen zu werden.

Das Projekt Limux – ein Kofferwort aus Linux und München – lief erfolgreich. Nach eigenen Angaben konnte die Stadt damals rund ein Viertel der Kosten im Vergleich zu Standardsoftware einsparen. Wegen einer Umorganisation wurde Limux 2017 jedoch beendet.

Doch damit ist das Thema Open-Source in München noch nicht durch: Der neue, rot-grüne Stadtrat kündigte 2020 an, künftig, wo immer es technisch und finanziell möglich ist, wieder offene Standards und freie, also Open Source-lizenzierte Software für die Stadtverwaltung einzusetzen.

„Wir streben digitale Souveränität an“, erklärt der Münchner Stadtrat Lars Mentrup. Welche Bedeutung das Projekt hat, zeigt, dass die Stadt nicht nur einen „Open Source Hub“ für Entwickler schaffen will, sondern ihnen auch in einem „Open-Source-Sabbatical“ ermöglichen will, sich für eine bestimmte Zeit ganz einem solchen Projekt zu widmen. So will die Stadt vom Know-how eines großen Potenzials von versierten Programmierern profitieren.

 

Open-Source-Software lebt vom Mitmachen

Bei Open-Source-Software handelt es sich um Programmiercodes, die in Projekten von einer weltweiten Gemeinschaft – neudeutsch Community – entwickelt werden. Eine der bekanntesten dieser Programmier-Communities vereint die Plattform GitHub, die inzwischen mehr als 40 Millionen Entwickler zählt.

Open-Source-Software lebt vom Mitmachen: Je mehr Entwickler sich daran beteiligen, desto größer ist der Nutzen für alle. Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen teilen sich bei der Entwicklung und Weiterentwicklung von Software den Aufwand und die Ressourcen.

Vor allem bei neuen, komplexen Technologien wie Künstlicher Intelligenz oder Blockchain ist dies auch eine ökonomische Vorgehens­weise. Die in der Gemeinschaft entwickelte Software verfügt über einen frei zugänglichen Quellcode, den die Anwender verändern können, um das Programm an ihre Bedürfnisse anzupassen.

„Open Source ist heute keine Gegenkultur mehr, sondern eine einflussreiche Bewegung, die auf einer breiten globalen Basis steht“, erklärt Frank Termer, Bereichsleiter Software beim Digitalverband Bitkom.

 

Open-Source-Unternehmensanwendungen sind beliebt

Eine Bitkom-Umfrage unter rund 800 Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern ergab, dass jedes dritte Unternehmen inzwischen mitentwickelt und die große Mehrheit bereits Open-Source-Software erfolgreich einsetzt: vom Betriebssystem wie Linux, Ubuntu, openSUSE oder Fedora über die Bürosoftware wie Libre Office, OpenOffice oder FreeOffice bis zu speziellen Unternehmensanwendungen wie ERP und CRM von Anbietern wie ERPNext, 1CRM, ADempiere oder Odoo.

Gerade Unternehmensanwendungen stellen für viele schnell wachsende Betriebe sowie Existenzgründer und Startups mit begrenztem Budget eine hohe personelle und finanzielle Belastung dar, sodass sie zu den günstigeren, quelloffenen Lösungen übergehen.

Oft falsch verstanden wird das Wort „frei“ im Zusammenhang mit freier Software. Sie muss nicht kostenlos sein. Frei bezieht sich also eher auf die Freiheit bei der Entwicklung und auf den offenen Zugang zum Code.

Dennoch ist Open-Source-Software oft kostenlos, bei Bezahlvarianten gibt es zumindest eine kostenfreie Testversion. Außerdem darf die Software verändert und weiterverteilt werden, Letzteres sogar kostenpflichtig – etwa, wenn der Quellcode von veränderten Versionen wiederum jedermann zugänglich gemacht wird. Auch der Bitkom weist darauf hin, dass Open-Source-Software durchaus kommerziell eingesetzt und vertrieben werden darf.

 

Mit Linux & Co. unabhängig von einzelnen Anbietern

Ohnehin ist es nicht nur die mögliche Kostenersparnis, die Open-Source-Software für viele so interessant macht. Auch bietet das Konzept eine hohe Sicherheit durch zeitnahe Updates und die Unabhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern sowie die breite Auswahl an Open-Source-Komponenten.

Der Zugriff auf den Quellcode und die Möglichkeit, die Software an die individuellen Bedürfnisse anzupassen, ist ein weiterer Pluspunkt.

Martin Seibert, Geschäftsführer des Softwareunternehmens Seibert Media GmbH, zählt zu den „Heavy Usern“ von Open-Source-Software: Vom Webbrowser (Mozilla Firefox und Mozilla Thunderbird) über das Betriebssystem (Linux) und Office-Paket (Libre Office) bis hin zum Content-Management-System für Websites (WordPress) und einer Videokonferenz-Software (BigBlueButton) nutzen sein Unternehmen und dessen Kunden offene Software.

Wie alle eingefleischten Anwender entwickelt das Team von Seibert Media nämlich auch selbst Open-Source-Software. So beispielsweise „Fluesterfix“, ein einfaches Tool zum sicheren Teilen von Passwörtern, die sich beim Abrufen selbst zerstören.

„Uns ist oft wichtig, sämtliche Elemente der Software einsehen und selbst prüfen zu können, wie hoch die Sicherheit ist und wo noch nachgebessert werden muss“, erklärt Seibert seine Motivation.

 

Auflagen zur Nutzung von Open-Source-Software beachten

Wer Open-Source-Software einsetzen sollte, hängt von mehreren Faktoren ab. Die in der Bitkom-Studie befragten Unternehmer nannten etwa als größte Herausforderung den Mangel an Experten im Unternehmen, um die Software an den individuellen Bedarf anzupassen und weiterzuentwickeln.

Auch die Schulung und Einarbeitung bereitet ihnen Kopfzerbrechen. „Bei Open-Source-Software für den geschäftlichen Gebrauch eines Unternehmens muss man oft und viel anpassen“, weiß auch Fachmann Seibert. „Wenn Unternehmer aber jemanden kennen, der Software entwickelt oder Server aufsetzt und dabei helfen kann, Open-Source-Software auszusuchen, auszuprobieren, zu installieren und zu betreiben, sollten sie dies auf jeden Fall austesten“, ist er überzeugt.

„Auch Unternehmen, die Mitarbeitende haben, die sich mit Software und Servern gut auskennen, sollten unbedingt auf Open-Source-Software setzen.“

Auf die Mitarbeiter kommt es also an. In der Bitkom-Studie begründet jedes zweite Unternehmen sein Engagement mit Verweis auf die Belegschaft. Diese würde dadurch motiviert oder könnte sich weiterbilden, wovon das ganze Unternehmen profitiert. So bleibt es bei aktuellen Trends und Themen auf dem Laufenden und profiliert sich nach außen bei der Suche nach raren Fachkräften.

Bei allen Vorteilen gibt es aber noch einen Haken beim Einsatz von Open-Source-Software. „Ihre Nutzung ist mit verschiedenen Auflagen verbunden, deren Nichtbeachtung ein erhebliches rechtliches Risiko darstellt“, erklärt Thomas Kriesel, Bereichsleiter Steuern, Unternehmensrecht und -finanzierung beim Bitkom.

Wichtig sei daher, die jeweiligen Lizenzbedingungen vor dem Einsatz genau zu prüfen. Die Lizenzen legen fest, welche Rechte genau der Nutzer der Open-Source-Software erwirbt – und welche Pflichten er hat, zum Beispiel den Urheber der Software zu nennen.

Der Digitalverband hat zu diesem Thema eigens einen Leitfaden erstellt, der Unternehmen Schützenhilfe gibt. Er trägt den passenden Titel: „Am Anfang war alle Software frei“.

 

Sieben Open-Source-Lösungen im Überblick

Diese Open-Source-Softwares für Buchhaltung, Lagerhaltung, Personalwesen, Kundenmanagement und Co. sind bereits millionenfach weltweit in Unternehmen im Einsatz:

ERPNext

ERPNext bietet Funktionen wie Personal- und Gehaltsabrechnung, CRM, Bestandsverwaltung, Buchhaltung und Projektmanagement. Die kostenlose Lösung richtet sich an Unternehmen jeder Größe. Sie kann sowohl als Web-Oberfläche als auch als mobile App genutzt werden.

erpnext-deutschland.org

 

ADempiere

Die kostenlose Software richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Einkaufs-, Lager-, Verkaufs- und Buchhaltungsprozesse managen wollen. ADempiere läuft unter Windows, MacOS und Linux sowie auf allen gängigen Smartphones und Tablets.

adempiere.io/de

 

Odoo

Die ERP-Software verfügt über Module für Einkauf, Fertigung, Projektmanagement, Abrechnung, Bestandsverwaltung und Buchhaltung. Sie kostet 18 Euro pro Benutzer und Monat, dazu kommen die Kosten für die ausgewählten Module, etwa für die Buchhaltung 16 Euro pro Monat.

odoo.com/de_DE/

 

Apache OFBiz

Umfasst Module für Fertigung, Bestandsverwaltung, Katalogverwaltung, Personalwesen, Buchhaltung, CRM und E-Commerce. Die kostenlose Software lässt sich an individuelle Anforderungen anpassen und eignet sich für mittlere und große Betriebe.

ofbiz.apache.org

 

OpenZ

OpenZ ist ein branchenübergreifend einsetzbares ERP-System für den Mittelstand mit allen Standardmodulen und -funktionen. Alle ERP-Module nutzen eine gemeinsame Datenbasis in der Cloud. Kosten: 44 Euro pro Monat bei mindestens zwei Nutzern.

openz.de

 

1CRM

Die CRM-Software für kleine und mittlere Unternehmen bietet Lösungen für Kundenverwaltung, Vertrieb, Marketing, Kundenservice, Auftrags- & Rechnungsverwaltung und Projektmanagement. Preis in der Cloud: ab 17 Euro pro Monat und Nutzer; On-Premise ab 230 Euro für bis zu zehn Nutzer.

1crm-system.de

 

SuiteCRM

Bietet unter anderem Projektmanagement, Wiki, Produkt- und Vertragsverwaltung. SuiteCRM kann kostenlos heruntergeladen und selbst gehostet werden. Die Cloud-Lösung kostet rund 107 Euro pro Monat für bis zu zehn Nutzer.

suitecrm.com