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Creditreform
Testfahrt_Polestar_2

© Polestar

Sehr selten gibt es Test­wagen, mit denen fährt man nur ein paar Meter und erregt Aufmerksamkeit. Früher gelang das mit teuren, lauten und PS-starken Exoten. Heute genügt ein stilles, weißes Elek­tro­auto wie der Polestar 2.

 

„Was ist das denn für eine Marke?“, „Wie viel PS hat der?“, „Was kostet der?“, oder aber: „Ist das ein Tesla?“. So lauten die Fragen, die ich von Fußgängern, Rollerpiloten und anderen Auto­fahrern spontan gestellt bekomme.

Kein Wunder. Denn erstens sieht der Polestar 2 wirklich gut aus und zweitens kennt noch kaum jemand die Marke. Polestar ist eine Volvo-Tochter, die nun mit chinesischem Kapital, chinesischer Produktion sowie reichlich Technik-Know-how antritt, um Tesla, Audi, BMW und Mercedes einige Marktanteile wegzuschnappen. Dabei macht sie vieles ganz anders als die Arrivierten.

 

Zum Autokauf auf die Kö

So hat Polestar etwa keine eigenen Autohäuser, sondern baut auf Showrooms in bester Innenstadtlage. Der erste in Deutschand wurde kürzlich auf der Düsseldorfer Königsallee eröffnet.

Minimalistisch und nordisch kühl kommt der Polestar 2 ­daher. Der Innenraum ist aufgeräumt, einzig ein großes, tabletartiges Display zieht die Blicke auf sich.

Das Understatement mit edlen Materialien strahlt Coolness aus und vermittelt ein sehr großzügiges Raumgefühl. Ein riesiges Glasdach krönt den gelungenen Auftritt.

Auch außen bleibt der Polarstern seiner Linie treu, einzige Farbtupfer sind die orange lackierten Ventilkappen und die Bremssättel unter den riesigen Rädern.

Der Minimalismus geht so weit, dass man weder Zündung einschalten noch Parkbremse lösen muss, um loszufahren. Es reicht, wenn der Zugangsschlüssel in der Tasche steckt.

Das nächste Erlebnis überrascht mich beim Blinken: Das künstlich erzeugte Geräusch klingt wie ein basslastiger Elektrobeat, ich könnte minutenlang zuhören.

Frank Heide schreibt seit 15 Jahren über Autos. Für das Creditreform Magazin testet einmal im Monat die neuesten Firmenwagen. © Thomas Luther

Wer den Polestar 2 fährt, bekommt viel Aufmerksamkeit. Nur wenige kennen die junge Volvo-Tochter als Tesla-Konkurrenz. Die elektrische Business-Limousine überzeugt durch dynamisches Design, perfekte Bedienbarkeit und überragende Fahrleistungen. Der Premium-Preis sorgt für eine gewisse Exklusivität.

Etwas behäbig rollt der ­Polestar 2 los, er wiegt wegen des gewaltigen 78-kW-Akkus 2,1 Tonnen. Wer nachhaltig aufs Gaspedal tritt, sollte sich allerdings gut am Lenkrad festhalten.

408 Pferdestärken Systemleistung (oder 300 Kilowatt) aus zwei Elektromotoren schieben und ziehen die Karosse ebenso unnachgiebig wie geschmeidig an.

 

560 Kilometer Reichweite

Aus dem Stand geht es in nur 4,7 Sekunden auf 100 km/h, aber es fühlt sich noch schneller an. Das liegt am gewaltigen Drehmoment von 600 Newtonmeter, das wie bei allen Performance-E-Autos sofort abrufbar ist.

Die dynamische Übersetzung dieser Leistung auf den Asphalt per Allradantrieb ist auch in puncto ­Reisekomfort, Federung, Bremsen und Fahrverhalten absolut gelungen.

Nur in engen und schnellen Kurven drängt das hohe Gewicht die Karosse etwas nach außen. Außerdem empfand ich die Lenkung im Stadtverkehr als etwas zu progressiv.

Frönt man Beschleunigungsorgien, geht natürlich die Batterie in die Knie, sprich die Reichweite sinkt. Ein echtes Problem wird sie aber nie.

Gemäß WLTP-Testzyklus schafft die Limousine 470 Kilometer mit einer Ladung, im Stadtverkehr sollen laut Polestar dank Brems-Rekuperation sogar 560 ­Kilometer drin sein.

 

Lange Leitung beim Laden

Im Alltag war eher das Aufladen ein Thema. Die Kehrseite starker Akkus, die theoretisch schnell laden können, zeigt sich an meiner einfachen Haushaltssteckdose.

Bei 61 Prozent Restreichweite angeschlossen, muss ich für die vom Hersteller empfohlene Restaufladung auf 90 Prozent gut sechs Stunden warten.

An einem Gleichstrom-Schnelllader (CCS) können maximal 150 kW in die Batterie fließen. Nach 40 Minuten wäre ein leerer Polestar-Akku damit zu 80 Prozent gefüllt.

 

Das Auto versteht mich

Zu mäkeln gibt es wenig. Das auf Google Android basierte Infotainment hat leichte Schwächen, etwa in der Navigation bei der scharfen Darstellung von Details wie Straßennamen. Und das Heckfenster lässt wenig Übersicht zu.

Dafür brilliert die Rückfahrkamera mit vielfältigen Darstellungsperspektiven. Unter den Besonderheiten der zahlreichen Sicherheits- und Komfortfeatures sticht für mich die Sprachbedienung heraus.

Während man in anderen Fahrzeugen – selbst von deutschen Premiummarken – oft missverstanden wird und nur bestimmte, erst zu erlernende Floskeln äußern darf, begrüßt man den Pole­star mit „Hallo Google“ und spricht danach, wie es einem gefällt: Ladesäulensuche, Musikwünsche oder Navigation – alles kein Problem.

Weniger Spaß macht es, über den Preis zu sprechen. Die sogenannte Launch Edition kostet 56.440 Euro – abzüglich der seit dem 8. Juli geltenden Innovationsprämie, wenn das Fahrzeug bis ­Ende 2020 zugelassen wird: 5.000 Euro vom Staat und 2.500 Euro vom Händler (wie bei allen BEV über 40.000 Euro Nettolistenpreis).

Wer weniger Pferdestärken und unter Umständen mehr Förderung haben möchte, muss warten: 2021 soll ein abgespecktes Modell ab 39.900 Euro mit nur einem ­E-Motor kommen.

Technische Daten – Polestar 2
  • Antrieb: zwei Elektromotoren, Allrad
  • Leistung: 300 KW/408 PS, maximales Drehmoment: 660 Nm
  • Beschleunigung: 0-100 km/h: 4,7 Sekunden, max. 205 km/h
  • CO2-Ausstoß: 00 g/km
  • Verbrauch: 19,3 kWh/100 Kilometer (Batteriekapazität: 78 kWh)
  • Preis: ab 56.440 Euro