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Creditreform
Eine Hand wischt über ein Tablet, im Hintergrund grafisch dargestellt eine Künstliche Intelligenz

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Problem trifft Lösung: Digitale Services machen Mittelständlern das Geschäftsleben leichter. Mit Natural Language Processing (NLP) lassen sich Informationen in Dokumenten schneller finden. Viel schneller, wie ein Projekt des KI-Startups Thingsthinking und der Stadt Heilbronn hoffen lässt.
Text: Tanja Könemann

 

Das Problem

Informationen in Dokumenten zu suchen, kostet Zeit – Arbeitszeit. Zwar gibt es Suchfunktionen, doch die Text- und Sprachverarbeitungsfähigkeiten von Computern sind noch immer begrenzt. Somit müssen sich Mitarbeiter oft genug doch noch selbst durch E-Mails, PDFs, Chatnachrichten sowie Word- und Excel-Dokumente wühlen.

Und das dauert: Laut einer globalen Studie des Softwareanbieters Abbyy gaben 58 Prozent der befragten Mitarbeiter in Deutschland an, ihre Arbeit werde dadurch erschwert, dass sie nicht auf Daten in Dokumenten zugreifen können, die für ihre Arbeit erforderlich sind. 95 Prozent der Befragten verbringen bis zu acht Stunden pro Woche damit, in Dokumenten nach Informationen zu suchen, die sie unter anderem für die Kundenbetreuung benötigen.

 

Die Lösung

Wenn Sven Körner die Möglichkeiten semantischer Datenverarbeitung schildert, spricht er von Magie. „600 Seiten in zwei Sekunden lesen? Das können nur Maschinen“, schwärmt der Gründer des KI-Startups Thingsthinking. Egal welche Sprache – seine Software „Semantha“ könne Texte auf der Bedeutungsebene verstehen und einordnen.

„Ob Semantha den Satz ‚Die Jugendlichen fuhren zu schnell‘ liest oder ‚Sie leisteten sich ein Wettrennen‘ – die Software wird in beiden Fällen erkennen, dass es um Raserei im Straßenverkehr geht“, erklärt Körner. Versicherungen könnten mit Semantha die Inhalte verschiedener Policen vergleichen.

Ebenso könne die Anwendung bei Unternehmensübernahmen Verpflichtungen in bestehenden Verträgen erkennen. Zu Körners Referenzkunden zählen bereits die Heidelberger Volksbank, die Gothaer Versicherung und der Autozulieferer Hella. Bei Letzterem sucht Semantha Informationen in Bedienungsanleitungen mit mehreren Hundert Seiten Umfang. Ein dreimonatiger Testlauf ist für 19.000 Euro zu haben, je nach Aufgabe muss die Software mehrere Tage eingerichtet und trainiert werden.

 

Die Anwendung

Die Stadt Heilbronn will mit Semantha Ordnung schaffen. Dort ist sie Teil des Projekts „eAkte“ und soll sich um die 600 Briefe kümmern, die im Schnitt täglich in der zentralen Poststelle eingehen und 48 verschiedenen Dienststellen und deren jeweiligen Beschäftigten zugeordnet werden müssen. Die Software soll dafür sorgen, dass die Schreiben – einmal eingescannt – ihr Ziel schneller erreichen.

„Semantha kann mehr als eine reine Schlagwortsuche“, sagt Projektleiter Jörg Diebel, der die KI-Lösung aktuell zusammen mit seinen Kollegen anlernt und hofft, dass sie 75 Prozent der Briefe korrekt zuordnen wird.

Wie das funktioniert, hat ihnen das Team von Thingsthinking in einem zweitägigen Workshop beigebracht. Der Verwaltungsbeamte berichtet von ersten Erfolgen: „Eine Bewerbung erkennt Semantha nicht nur anhand festgelegter Schlagworte. In einer Bibliothek können typische Formulierungen wie ‚Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenausschreibung gelesen‘ hinterlegt werden.

Die KI gleicht dann die Posteingänge mit der Bibliothek semantisch ab, um damit den Typ des Schreibens zu bestimmen.“ Das funktioniert auch, wenn die Formulierung wortwörtlich nicht vorkommt.