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© Luis.de

Abbiegeunfälle zwischen Lkw und Fußgängern oder Radfahrern enden oft dramatisch. Doch sie können vermieden werden – mit speziellen Warnern, die den toten Winkel im Blick behalten und Fahrer rechtzeitig warnen.

 

Wer sich als Rad- oder Motorradfahrer im Stadtverkehr an der Ampel rechts neben einem Lkw wiederfindet, steht dort gefährlich und sollte gewarnt sein.

Denn die Brummis stellen an engen Kreuzungen ein besonderes Risiko dar. Häufig kommt es beim Rechtsabbiegen zu schweren Unfällen mit Zweiradfahrern und Fußgängern, weil der Fahrer des Lkw durch große tote Winkel andere Verkehrsteilnehmer oft erst spät oder gar nicht sehen kann.

Zwar sind die Fahrzeuge mit Spiegeln ausgestattet, doch diese reichen nicht aus, um alle Gefahrenbereiche rund um das Fahrzeug im Blick zu halten. So werden etwa querende Personen leicht übersehen.

Für neue Lkw werden sie daher (frühestens ab 2022 und spätestens bis 2024) europaweit Pflicht, in Deutschland sollen sie möglichst heute schon eingebaut werden: Abbiegeassistenzsysteme.

Sie sollen auf Verkehrsteilnehmer aufmerksam machen, die sich rechts neben dem Fahrzeug befinden, und vor möglichen Kollisionen während des Abbiegens warnen.

Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2017 deutschlandweit 37 Radfahrer bei Zusammenstößen mit rechtsabbiegenden Lkw.

Doch laut Einschätzung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) könnten durch Rechtsabbiegeassistenten hierzulande wohl 40 Prozent aller tödlichen Fahrradunfälle verhindert werden.

 

Kampagne für Abbiegeassistenten

Vor diesem Hintergrund hat das Bundesverkehrsministerium im vergangenen Jahr die „Aktion Abbiegeassistent“ ins Leben gerufen.

Mit dem Ziel, Unternehmen und Speditionen dazu zu bewegen, ihre Flotten schnellstmöglich mit geeigneten Assistenzsystemen nachzurüsten.

Inzwischen werden verschiedene Systeme als hersteller- beziehungsweise markenunabhängige Nachrüstlösungen angeboten; und die Kosten können teilweise durch öffentliche Förderungen und Zuschüsse gesenkt werden (siehe Kasten).

Der ADAC nennt Preise zwischen 760 und 2.650 Euro für gängige Nachrüstlösungen, dazu kommt ein Arbeitsaufwand für den Einbau von bis zu sechs Stunden.

Welche Totwinkel-Warnsysteme es zum Nachrüsten gibt und was sie kosten

Der ADAC hat 2019 vier auf dem Markt verfügbare Warnsysteme für Lkw getestet und miteinander verglichen. Sie alle erfüllen die Vorschriften des Verkehrsministeriums und entsprechen den Förderrichtlinien.

 

Wüllhorst Fahrzeugbau – AAS
Komponenten: vier Ultraschallsensoren plus Kamera-Monitor-System
Einbauaufwand: etwa vier Stunden
Preis: 760 Euro
wuellhorst-fahrzeugbau.de

 

Mobileye – Shield+
Komponenten: Kamera, die softwarebasierte Erkennung ermöglicht, plus Anzeigeelement im Führerhaus
Einbauaufwand: vier bis fünf Stunden
Preis: 1.650 Euro
mobileye.com

 

Mekra Lang – AAS
Komponenten:
Radarsensor plus optionales Kamera-Monitor-System
Einbauaufwand: je zweieinhalb Stunden pro Komponente
Preis: 1.850 Euro (Abbiegeassistent) + 800 Euro (Kamera-Monitor-System)
mekratronics.de

 

Luis Technology – Turn Detect
Komponenten: Kamera mit softwarebasierter Erkennung, Steuerbox und Monitor
Einbauaufwand: vier bis fünf Stunden
Preis: 1.690 Euro
abbiegeassistent.de

Verschiedene Bauarten verfügbar

Bei den Bauarten wird hauptsächlich unterschieden zwischen Ultraschall-Systemen mit Kamera-Monitorsystem (KMS), Radarsystemen auch ohne KMS sowie Sensoroptischen Systemen („intelligente“ Kameras), ebenfalls ohne KMS.

In der Praxis wird eine Nachrüst-Radarsensorik etwa am Außenspiegel befestigt. Dort überwacht sie den Bereich bis zu vier Meter neben dem Fahrzeug und bis zu 14 Meter nach hinten.

Je nach System wird der Fahrer akustisch und/oder optisch gewarnt, sobald er den Blinker betätigt und das System eine Gefahr erkennt.

Zu beachten ist aber: Auch wenn die Nachrüstlösungen die Sicherheit schon erheblich verbessern, so genügen aktuelle Systeme meist nicht den anspruchsvolleren Anforderungen auf internationaler Ebene, die voraussichtlich ab 2022 gelten.

Unabhängige Tests zeigen bislang, dass es bei Fahrten im realen Straßenverkehr häufig zu Fehlauslösungen der Systeme kommt, aufgrund von Verkehrsschildern oder Bäumen am Straßenrand.

 

Fehlerrate muss weiter sinken

Nur wenige sehr Systeme – etwa Mekra Lang Mobileye oder Luis Technology – sind bisher in der Lage, Radfahrer von Verkehrszeichen, Ampeln oder Bäumen zu unterscheiden.

Gute Systeme können auch von parkenden Autos verdeckte Radfahrer erkennen. Klar ist: Je geringer die Fehlerrate, desto höher ist die Akzeptanz bei den Fahrern.

Diese steigert auch ein Kamera-Monitor-System, mit dem der Fahrer sehen kann, aus welchem Grund sein Warnsystem ausgelöst hat.

Ideal wäre aus Sicht von Sicherheitsexperten und Unfallforschern die Kombination des elektronischen Abbiegeassistenzsystems mit einem Notbremsassistenten, die aktuell aber noch nicht angeboten wird.

Dieses Doppelpack würde Fahrer in komplexen Verkehrssituationen bestmöglich entlasten, unterstützen und besonders Zweiradfahrer schützen.

 

Fahrzeug warnt Fahrer

Gemäß den Planungen und Vorgaben des EU-Parlaments sind die Abbiegeassistenten allerdings nur eine von 30 Maßnahmen, um durch den verbindlich vorgeschriebenen Einsatz neuer Technologien die Zahl der Unfälle mit Toten und Verletzten zu senken.

Da 90 Prozent dieser Ereignisse auf menschliches Versagen zurückzuführen seien, sollen ebenfalls Einrichtungen zur Warnung des Fahrers bei Müdigkeit oder Ablenkung eingeführt werden.

Viele der neuen Funktionen gibt es schon heute, bislang aber vor allem in Fahrzeugen der Luxusklasse.

Auch für leichte Nutzfahrzeuge sehen die EU-Planungen etwa vor, dass Fahrzeugtechnik warnt, wenn der Fahrer während der Fahrt ein Smartphone gebraucht.

Dazu kommen intelligente Geschwindigkeitsassistenten, höhere Rückwärtsfahrsicherheit mit Kamera oder Sensoren, Unfalldatenaufzeichnung („Blackbox“), Spurhalteassistent, Notbremsassistenzsystem und crashtesterprobte Sicherheitsgurte.

Tech-Firmen wie Bosch und Continental, die entsprechende Systeme herstellen, begrüßen diese Entwicklung, ebenso die Autofahrer- und Radfahrer-Organisationen.

Unternehmer werden sich in Sachen rascher Nachrüstung wohl am schnellsten durch ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis und vertretbare Mehrkosten überzeugen lassen.

Noch ungelöst ist allerdings die Problematik, die mit jeder neuen Art von Datenaufzeichnung auf alle Beteiligten zukommt.

Dadurch, dass Systeme zur Müdigkeitserkennung und Unfallaufzeichnung Fahrverhalten dokumentieren, berühren sie Datenschutzfragen – und werden bestimmt auch den Weg vor die Gerichte finden. Das war schon bei Dashcams und Navigationssystemen mit Radarfallenwarner so.

Zuschuss vom Staat

Bis zu 15.000 Euro Förderung für größere Flotten

 

Um Radfahrer und Fußgänger im Straßenverkehr besser zu schützen, hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) ein Programm zur Förderung von Abbiegeassistenzsystemen (AAS) aufgelegt. Damit können sich Unternehmen die Kosten für den nachträglichen Einbau eines Abbiegeassistenten sowie für die entsprechende Ausrüstung eines Neuwagens bezuschussen lassen. Vorausgesetzt, das System erfüllt die Anforderungen des BMVI. Es muss unter anderem:

 

  • ein Rechteck überwachen, das von 0,9 bis 2,5 Meter seitlichem Abstand und bis 6 Meter von der Fahrzeugfront nach hinten reicht.
  • in der Fahrerkabine optisch vor Personen im toten Winkel warnen, eine zusätzliche akustische Signalisierung ist erlaubt.
  • bei Fahrzeuggeschwindigkeiten vom Stillstand bis 30 Stundenkilometer und bei Fahrradgeschwindigkeiten von mindestens 5 bis 20 Stundenkilometer auslösen.
  • so eingebaut sein, dass es vom Fahrer nicht manuell abgeschaltet werden kann.

 

Pro Fahrzeug – gefördert werden Lkw über 3,5 Tonnen und Busse ab neun Plätzen – erhalten Unternehmer auf Antrag beim Bundesamt für Güterverkehr (BAG) 80 Prozent der System- und Einbaukosten oder maximal 1.500 Euro. Jedes Unternehmen darf über das eService-Portal des BAG bis zu zehn Anträge stellen: antrag-gbbmvi.bund.de