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Creditreform

Bisher gab es für Planung, Errichtung und Betrieb der Infrastruktur von Rechenzentren zahlreiche Planungsleitfäden und Unternehmensstandards mit unterschiedlichen Schwerpunkten – je nach Interessenverband. Rechenzentren wurden deshalb oftmals nach persönlich gesetzten Kriterien errichtet. Notwendige Nachbesserungen im Ergebnis einer Geschäftsrisikoanalyse waren dann unnötig teuer. Mit der neuen DIN EN 50600 erhalten alle Beteiligten eine einheitliche Gesprächsgrundlage, die alle zugehörigen Bereiche umfasst.

Nahezu jedes Unternehmen und jede öffentliche Institution betreiben heutzutage eigene IT-Systeme. Gleichzeitig werden zunehmend Dienste zur elektronischen Datenverarbeitung von kommerziellen Anbietern in Anspruch genommen. Obwohl die Sicherheitsstandards in der Regel hoch angesetzt sind, kann es dennoch passieren, dass ein Rechenzentrum ausfällt. Unter Umständen kann dies existenzbedrohende Auswirkungen auf das Kerngeschäft des betroffenen Unternehmens haben. Wie lässt sich das Risiko eines Ausfalls minimieren?

Neben der vieldiskutierten Cyberdatensicherheit sind die bau- und gebäudetechnischen Bedingungen, Klimatisierung, Brandschutz, Stromversorgungen und die physische Sicherheit des Rechenzentrums ausschlaggebend für ein Ausfallrisiko. Ein branchenübergreifendes Fach- und Erfahrungswissen ist dabei nötig, um Planungen, Betriebsrisiken und gegenseitige funktionale Wechselwirkungen innerhalb eines Rechenzentrums zielgerichtet beurteilen zu können. Basierend auf einer Geschäftsrisikoanalyse kann die Rechenzentrumsinfrastruktur individuell an die eigenen Bedürfnisse angepasst sowie kosteneffizient und zielgerecht gebaut und saniert werden. Das ist neben zahlreichen technischen Vorgaben der wesentliche Nutzen der neuen EN 50600.

Mit der DIN EN 50600 eine gemeinsame Sprache finden

Die neue siebenteilige Norm DIN EN 50600 „Informationstechnik – Einrichtungen und Infrastrukturen von Rechenzentren“, behandelt alle notwendigen Themengebiete wie Geschäftsrisikoanalyse, Standortanalyse, Verfügbarkeitsklassen, physische Sicherheit und Managementsysteme. Sie bildet eine allgemeingültige Planungsgrundlage, in der sich alle Beteiligten – von Architekten, Planern, Bauherren bis hin zu Betreibern und Mietern – inhaltlich wiederfinden. In allen oben genannten Bereichen enthält die DIN EN 50600 technische Vorgaben, doch gleichzeitig lässt sie auch einen individuellen Gestaltungsspielraum zu: Spezielle Analysemethoden – unter anderem zum Geschäftsrisiko – gewährleisten, dass in jedem Projekt zielgerecht individuelle Lösungen und bestmögliche Ergebnisse erzielt werden können.

Mit der EN 50600 kann nun auch die Verfügbarkeit nach einer europäischen Norm eingestuft werden. Gleichzeitig bildet eine Zertifizierung nach EN 50600 die gesamte Rechenzentrumsinfrastruktur sowie das betriebliche Management in einem einzigen Zertifikat ab. Die Zertifizierung nach EN 50600 liefert erstmals eine hohe rechtliche Verbindlichkeit auf Basis einer europäischen, öffentlich zugänglichen Norm und schafft so eine international vergleichbare Bewertungs- und Vertragsgrundlage. Das gilt sowohl für den unternehmenseigenen als auch den kommerziellen Betrieb.

Thomas Grüschow ist Senior Expert Data Center bei der TÜV SÜD Industrie Service GmbH und Mitglied im Normenkomitee GUK715.5 / EN 50600.