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Vielfalt und ein wertschätzendes Firmenklima lockt Mitarbeiter an. Auch die oft vernachlässigte Gruppe nicht-heterosexueller Menschen.

 

Das Messe-Motto 2020 lautet selbstbewusst: „Arbeite, wo man Dich feiert, nicht, wo man Dich toleriert!“ Vor zehn Jahren startete die Sticks & Stones in München, zog dann nach Berlin um.

Mit über 100 Ausstellern und 3.500 verkauften Tickets ist sie heute Europas größte Job- und Karrieremesse für LGBT+ (siehe Kasten).

Unternehmer, die auf die unterschätzte und oft versteckte Zielgruppe neugierig sind, können sich schon jetzt kostenlos registrieren oder am 20. Juni für zehn Euro Eintritt in der Verti Music Hall eine Messerunde drehen.

Stuart Cameron, Geschäftsführer des Bertungsunternehmens und Messeveranstalters UHLALA Group, setzt auf Chancengerechtigkeit für die besten Fachkräfte.

„Wir wollen in Ruhe gut arbeiten können“, sagt er. „Unsere sexuelle Identität ist nur eine Facette der Persönlichkeit im Job.“

Genau diese Facette hat Prof. Dr. Dominic Frohn, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) in Köln, 2007 und 2017 in der Studie „Out im Office“ untersucht.

In diesen zehn Jahren haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wurde verabschiedet, ebenso die steuerliche Gleichstellung und die Ehe für alle.

Heute arbeiten unter rund 44 Millionen Erwerbstätigen geschätzt drei Millionen LGBT+-Arbeitnehmer. In der Out-im-Office-Studie 2017 haben dennoch 26 Prozent der Befragten Angst vor der Entdeckung ihrer sexuellen Identität.

Und 25 Prozent leben in der Notwendigkeit, sie zu verschweigen. Diskriminierung in unterschiedlicher Stärke erleben die Befragten über das Verbreiten von Lügen (49 Prozent), Karriereblockaden (18 Prozent) und den Entzug von Kundenkontakten (8 Prozent).

Was bedeutet LGBT+

LGBT+ steht für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Menschen, die zwischen ihrem Geburts- und ihrem Identitätsgeschlecht unterscheiden. Das Plus ersetzt weitere Buchstaben wie q für queer, das für Menschen steht, die sich nicht ein­ordnen lassen mögen, oder i für intersexuell.

Je nach Community werden andere Kürzel genutzt wie LSBTI* oder LGBTIQ. Erfasst werden sollen alle sexuellen Orientierungen neben der Heterosexu­alität.

Nichts vertuschen müssen

Dabei braucht es gar nicht viel, um unterschiedliche Lebensmodelle zu akzeptieren. „Keiner soll sich verbiegen müssen“, sagt Diversity-Berater Albert Kehrer.

Er hat  die Prout at Work Foundation gegründet, um Rollenvorbilder sichtbar zu machen.

Sein Ziel: Aufstrebende Talente sollen sich trauen, den Kollegen und Vorgesetzten vom Wochenendausflug mit dem gleichgeschlechtlichen Partner zu erzählen oder ihn zum Sommerfest mitzubringen.

„Lasst Andersartigkeit zu“, lautet seine Losung für kleine und große Unternehmen.

Ein Lernprozess für alle: Als Winzermeisterin Simona Maier, geboren als Simon, 2016 endlich in ihrem gefühlten Frauengeschlecht leben wollte, stieß sie auf Unverständnis.

An Makeup und rotlackierte Fingernägel gewöhnte sich ihr Arbeitgeber, die Winzerfamilie Clauer in Heidelberg, nur langsam.

„Am Liebsten wollte man mich im Keller verstecken“, sagt Maier. „Es sei eine Phase, hieß es, oder gar ein Marketinggag für meine Weinmanufaktur in Mühlhausen.“

Doch die 28-Jährige hielt Kurs und überzeugte durch Qualität: Als Azubi war Maier Bundessieger, errang in ihrem ersten Jahr bei Clauer neun Goldmedaillen und wurde 2019 Badische Weinprinzessin.

 

Man gibt die Persönlichkeit nicht an der Firmentür ab

Unternehmern oder Kammern, die sich LGBT nähern wollen, sollten Profis von den Wirtschaftsweibern oder dem Völklinger Kreis einladen.

So hat es die Stadt Dortmund gemacht, wo sich im Mai 2019 rund 20 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) unter dem Titel „Erlebe Vielfalt!“ auf dem 8. DiverseCity Kongress zum Workshop trafen.

VK-Vorsitzender Matthias Weber, Regionalbereichsleiter bei der Postbank in Düsseldorf, hält diese offenen Begegnungen für das beste Rezept gegen Vorurteile.

Für ihn ist die Haltung des Chefs gerade in kleinen Unternehmen maßgebend: „Man gibt seine private Persönlichkeit nicht an der Firmentür ab.“

Wer es doch tut, wirkt distanziert oder scheu und reagiert häufig mit psychosomatischen Erkrankungen. Jedenfalls kann er nicht zu 100 Prozent bei der Arbeit sein.

„Man schließt Mitarbeiter aus und vernichtet Energie“, betont Gero Furchheim, Vorstandsmitglied des Online-Möbelhändlers Cairo. „Bei der Suche nach Fachkräften für IT und Callcenter bewirbt sich die Firma.“

Furchheim lebt „unbefangen und unaufgeregt“ in schwuler Lebenspartnerschaft und positioniert sich so auch bei der Betreuung von Mentees und in Bewerbungsgesprächen: „Der Kernaspekt ist die Fachlichkeit, zu viel Privates gehört dort nicht hin.“

 

Selbstverständlich miteinander umgehen

Mittelständlern, die Wertschätzung in Vielfaltsfragen zeigen, aber mangels Mitarbeitermasse keine Regenbogen-Gruppe gründen wie die Konzerne, rät Stuart Cameron, ihr Arbeitgeberprofil im Business-Netzwerk Proudr zu hinterlegen.

Schon ab 490 Euro sind Firmen dabei, mit weiteren Leistungen wie dem Zugang zur Mitgliederdatenbank für die Mitarbeitersuche steigt der Beitrag auf 1.490 Euro.

UHLALA hat inzwischen rund um die Vielfaltsdimension LGBT+ zahlreiche Geschäftsfelder und Projekte installiert.

Für KMU interessant: der Kongress #unpinked am 1. April in Berlin und Germany’s Top 100 Out Executives – eine jährliche Liste geouteter Führungskräfte.

Da kann jeder einen geouteten leitenden Mitarbeiter seiner Firma vorschlagen. Kostenfrei.

Solche Aktivitäten gehören selbstverständlich auch auf die eigene Firmenhomepage. Denn gerade junge Bewerber berücksichtigen Vielfalt und ein wertschätzendes Firmenklima als Kriterien bei der Arbeitgeberauswahl.

Und sie erkundigen sich vor der Bewerbung nach ihrem Gesprächspartner. Da hat Peter Bollhagen einiges zu bieten.

Der geschäftsführende Inhaber des Malerbetriebes Pero+Partner in Bremen nennt sich einen „Klischee-Erfüller“: Jünger ist sein Lebenspartner und aus Nigeria.

Bollhagen will ihn bald heiraten – „ganz normal und ­offen“.

Denn ob als FDP-Schatzmeister, als Lan­desvorsitzender des Interessenverbands Die Familienunternehmer oder in seiner Firma mit 15 Mitarbeitern – für den umtriebigen 60-Jährigen ist Schwulsein weder Qualitätsmerkmal noch Ausschlusskriterium: „Alle im Team müssen gut und gerne miteinander arbeiten.“