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Michael Käfer hat ein Gourmetimperium aufgebaut. Die Schönen und Reichen Münchens sind sowieso bei ihm zu Gast. Inzwischen verzichtet kaum ein Dax-Konzern auf seinen Cateringservice. Käfers Erfolg gründet auf einer Dienstleister-Mentalität par excellence – und einer großen Portion Mut.

Alle Fotos: © Käfer

 

Die Prinzregentenstraße im exquisiten Münchner Stadtbezirk 13. Wer hier wohnt, schmeckt mit einiger Wahrscheinlichkeit am guten Leben: Immobilienkäufer halten in Bogenhausen 7.000 Euro pro Quadratmeter für einen Schnäppchenpreis – und bei jeder guten Gelegenheit geht’s zum Käfer in die Delikatessenabteilung. Feinkost Käfer, ein Traiteur von Weltruf, residiert ganz nah bei – in der Prinzregentenstraße 73. Von der Praline bis zum Bankett, voilà, alles ist möglich.

Das Stammhaus des Edel-Caterers ist ein wahres Labyrinth, zusammengesetzt aus verschachtelten Wunderkammern. Wer zum Chef in den zweiten Stock möchte, braucht einen erfahrenen Guide. Bloß nicht verirren in den Weinkatakomben, vorbei an duftenden Würsten, Käsetheken und Räucherfischvariationen, hier die Konditorei mit hausgemachten Mangotorten – und überall unglaublich viele dienstbereite Leute. Mittendrin das Restaurant mit den Mottostuben für die Abendgesellschaft, die Firmenpräsentation oder das Vorstandstreffen des FC Bayern. Ganz oben auf dem Dach der Kräutergarten für handgepflückte Brunnenkresse und Blutampfer.

Michael Käfer, der Alleininhaber, hält alle Fäden in der Hand. Schnell wird klar: „Qualität aus Leidenschaft“ ist nicht nur ein wohlfeiler Wahlspruch auf der Homepage. Das Leistungsprinzip ist im genetischen Code des 58-Jährigen verankert. „Fast jeden Abend bin ich beruflich unterwegs“, sagt er. „Und das mache ich sehr gerne, wirklich.“ Von allen Geschäftsbereichen sei ihm das Catering persönlich am liebsten: „Würde ich Dübel verkaufen, sähe ich jeden Tag meine Dübel. So aber sehe ich jeden Tag zufriedene Kunden“, sagt er.

 Ob Süßes aus dem Stammhaus, Erlesenes im Restaurant oder Deftiges in der Wiesn-Schänke: Unter Michael Käfer ist das Unternehmen zu den bekanntesten Gourmettempeln Deutschlands aufgestiegen.

Ob Süßes aus dem Stammhaus, Erlesenes im Restaurant oder Deftiges in der Wiesn-Schänke: Unter Michael Käfer ist das Unternehmen zu den bekanntesten Gourmettempeln Deutschlands aufgestiegen.

Jede Hochzeit, jeder Konzernevent sei einzigartig – Käfer begreift sich als gastronomischer Maßschneider. „Wir erfinden den Gastgebern jedes Mal aufs Neue genau das, was sie haben wollen.“ Und äußert jemand doch Unzufriedenheit, sei es auch nur per Google-Eintrag, dann schreibt ihm nicht einer seiner 1.200 Mitarbeiter zurück. „Da antworte ich persönlich“, sagt Käfer bestimmt. „Der Kunde hat immer recht. Wenn er sagt, der Wein korkt, dann korkt der Wein.“ Selbst wenn die Flasche einen Schraubverschluss hat.

Bodenständigkeit zählt

Wer Käfer reden hört, ganz entspannt, sehr persönlich, das bunte Perlenarmband am Handgelenk – ein Geschenk seiner beiden kleinen Söhne –, muss immer wieder innehalten und gedanklich nachjustieren: Ist das tatsächlich dieser sogenannte Promiwirt und Partykönig, der seit Jahrzehnten auch im Boulevard Schlagzeilen macht? Jener Wiesn-Wirt mit angeblicher Lizenz zum Gelddrucken, in dessen Oktoberfest-Schänke täglich einige Tausend Gäste in Tracht und Dirndl die Paparazzi mit Bildern füttern? Jener Unternehmer, der bayerisches „Fine Dining“ bis nach Shanghai exportiert hat und seit 1999 täglich die Abgeordneten des Deutschen Bundestags verköstigt? Knapp 140 Millionen Euro Umsatz im Jahr, all das klingt nach Imperium, doch Michael Käfer – so viel wird deutlich – ist kein lauter Imperator.

Spurensuche in der Disko: Prinzregentenstraße 1, etwa 20 Minuten Fußweg entfernt vom Stammhaus seiner Familie – da fing für Michael Käfer alles an. „P-One“ nannten die US-Soldaten in der Nachkriegszeit diesen Ort, den Michael Käfer ab 1983 prägen sollte. „Ich bin dem P1 wahnsinnig dankbar“, sagt er. „Alles, was ich habe, verdanke ich dem P1.“ Als er im März 1983 übernahm, krempelte der Schritt sein Leben schlagartig um: „In dem Moment bin ich zum Unternehmer geworden.“ Eigentlich wollte er nebenbei noch studieren. „Ich kam aber nur ein Mal zur Vorlesung, mehr nicht.“ Das einstige amerikanische Offizierscasino in die seinerzeit angesagteste Partylocation Deutschlands zu verwandeln, kostete ungeteilte Energie.

Der Unternehmer Michael Käfer

1983 wurde aus dem BWL-Studenten ein Unternehmer: Mit 25 Jahren übernahm Michael Käfer die Nobeldiskothek P1. Die erfolgreichen Themenpartys adaptierte er vom New Yorker Vorbild Area. 1988 stieg er in die Geschäftsführung des Familienbetriebs ein, 1995 wurde er nach der Auszahlung seines Vaters und seines Onkels alleiniger Geschäftsführer und Gesellschafter der Käfer Gruppe. Zum Ausgleich joggt der Vater von Zwillingen gerne an der Isar. „Ein Halbmarathon ist drin“, sagt der 58-Jährige. 2007 hat er mit Ehefrau Clarissa eine Stiftung gegründet, die Projekte für bedürftige Senioren unterstützt. Er sagt: „Bei einem runzligen, alten Gesicht schauen die meisten weg. Wir nicht.“

Seine strikte Devise: „Nie Alkohol trinken im Job.“ München war damals Deutschlands zentrale Film- und Musikstadt. Bands, die ihre Platten im Arabella-Studio produzierten oder Gigs hatten, kehrten abends wie selbstverständlich im P1 ein. Zu seinen Stammgästen zählten die Stones, Queen – und Tina Turner sang ihm zu später Stunde Ständchen. „Alle waren sie bei uns“, sagt er. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein großes Porträt von James Dean, berühmter Vertreter der „Live fast, die young“-Fraktion.

Wer glaubt, Käfer hänge der wilden Zeit allzu nostalgisch nach, der irrt. Es gibt zu viel andere spannende Dinge zu tun, der 58-Jährige lebt im Hier und Jetzt. „In zu sein, ist eine temporäre Erscheinung“, sagt er. Die Nobeldisko, die ihm noch zu 54 Prozent gehört und heute von seinem Patenkind betrieben wird, hat er „abends zuletzt vor sechs Jahren besucht“. Er halte es mit Woody Allen: „Wenn sie Leute wie mich reinlassen, kann der Laden nichts taugen“, sagt er und schmunzelt. Er weiß um den Wert von Exklusivität, sei sie auch künstlich geschaffen: In den drei Anfangsjahren warf das P1 so viel ab, dass Käfer aus dem Stand in München fünf neue Lokale gründete.

Geschenkt wurde ihm nichts

„Ich hatte Glück, dass es vom ersten Tag an funktioniert hat“, sagt er. „Ich möchte als Unternehmer gesehen werden.“ Unternehmer. Das ist Kompliment genug – und trifft die Sache. Wagnisse eingehen, und mit Rückschlägen und Durststrecken umgehen können. Auch Letzteres hat er erlebt, Michael Käfer spricht offen darüber. 1988 ergab sich für ihn die Chance, ins Stammhaus von Käfer einzusteigen, seine Großmutter hatte ihm ihre 20 Prozent Geschäftsanteile vermacht. Doch der Youngster hatte anfangs einen schweren Stand beim Vater und bei seinem Onkel, die den Familienbetrieb mit Akribie und strenger Hand führten. „Ich wollte es meinem Vater recht machen, ihn nie enttäuschen“, erinnert sich Käfer.

Käfer: Vom Flaschenbierverkauf zum Feinkostimperium

1930 begründeten Paul und Elsa Käfer in München-Schwabing ein Kolonialwarengeschäft – mit dem Verkauf von Weinen und Flaschenbier. 1956 stieg man ein in die Theatergastronomie im Prinzregententheater. Sohn Gerd Käfer erfand 1959 den Partyservice, sein Bruder Helmut begann ab 1964, Delikatessen aus den Pariser Markthallen zu importieren. 1971 war man erstmals auf dem Oktoberfest präsent, das Restaurant Käfer-Schänke im Stammhaus ergänzte das Feinkostgeschäft. Seit 1986 vergibt Käfer Produktlizenzen. Ein 25.000 Quadratmeter großes Betriebsgelände in Parsdorf bei München, 1991 eingeweiht, dient heute auch als Delikatessenmarkt. Käfer betreibt die Gastronomie an mehreren Messen und Flughäfen, seit 1999 auch die des Deutschen Bundestages. 2015 erwirtschaftete die Käfer Gruppe 140 Millionen Euro mit rund 1.200 Mitarbeitern.

Nicht jede Entscheidung, die der Neuankömmling traf, stieß auf Zustimmung der Altvorderen. „Mein Vater war Unternehmer alten Schlags. Da gehörte ein riesiger Fuhrpark einfach zum Status. Als ich den abschaffte und auch noch seinen Automechaniker entließ, kann man sich die Stimmung ausmalen.“ Geschenkt wurde dem Junior zunächst: nichts. Die Übernahme der restlichen Anteile, bis 1995 vollzogen, ließen sich Onkel und Vater ordentlich bezahlen. „Die 1990er-Jahre waren schwierige Zeiten für mich. Ich saß durch die Anteilskäufe auf fast 50 Millionen Euro Schulden. Nicht nur ich schlief schlecht, auch die Bank wurde nervös“, erinnert er sich. „Heute kann ich gut reden, es ist ja gutgegangen.“

Auch unternehmerische Fehlentscheidungen räumt Käfer ein: „Ich habe zum Beispiel unser Betriebsgelände in Parsdorf viel zu groß konzipiert – mit einem Hochregallager, das in Wirklichkeit niemand brauchte.“ Diese Zeit habe er vor allem mit dem Glauben an sich selbst überstanden: „Du schaffst es. Aus. Basta.“

Eine sehr lehrreiche Zeit sei es gewesen. „Rote Zahlen haben wir nie geschrieben, aber mir wurde klar, wie wichtig das Thema Liquidität ist.“ Heute liege die Eigenkapitalquote bei 70 bis 80 Prozent, die persönlichen Verbindlichkeiten habe er abbauen können. Alle drei Säulen des Betriebs tragen ungefähr gleich stark zum Ergebnis bei: der Handel mit Delikatessen, das Eventgeschäft sowie der Gastronomiebetrieb. Hinzu kommen Millionenumsätze mit Lizenzprodukten, die das Käfer-Logo tragen – bis hin zu Lachs und Honig.

Käfers neues Projekt: „Das wird ein Erfolg“

In dem denkmalgeschützten, einst königlichen Gutshof Kaltenbrunn am Tegernsee hat Käfer noch Großes vor: Ein „einzigartiges, unbeschreibliches, magisches“ Ambiente bietet Platz für ein nachhaltig konzipiertes Wirtshaus mit Biergarten und Eventflächen. Der Start im Sommer 2015 verlief holprig. Neun Euro für ein halbes Hähnchen, das stieß auf Protest. Startfehler räumt Käfer ein, Brotzeit- und Bierpreise wurden gesenkt. Noch wird ein Teil des Guts umgebaut, 2017 soll es richtig losgehen.

käfer-tegernsee-biergarten

Besonderes Wachstumspotenzial sieht Käfer im Onlinegeschäft. „Digitalisierung mache ich jetzt zur Chefsache, wir werden hier investieren“, sagt er. Aktuell sei ein E-Commerce-Shop für Delikatessen im Aufbau. Heute erwirtschafte er erst rund eine Million Euro im Jahr über Internetbestellungen, eine bescheidene Zahl für Käfer-Verhältnisse – und noch wird alles aus dem kleinen Lager des Stammhauses abgewickelt.

Voll in die Karten spielt Käfer der immer bewusstere Umgang mit Ernährung, von Veganismus bis Frutarismus: Kürzlich hatte er bei 500 zeitgleich zu bewirtenden Gästen 76 Sonderwünsche zu erfüllen. „Essen ist die neue Diskothek“, vertraute Käfer kürzlich launig der „SZ“ an. „Heute rennen die Leute nicht mehr in den Club, sie reden lieber stundenlang über die richtige Ernährung und die Herkunft von Lebensmitteln.“ Viele seiner Kunden seien sehr anspruchsvoll, „die wollen beim Barbecue auch gleich die Maserung des Fleisches besprechen.“ Wer am Tisch tranchiert, liefert eine Show. „Der Kunde will unterhalten werden – ein uralter Trend, der immer wieder neu ist.“