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Creditreform

Der Mittelstand gilt als besonders innovationsstark, doch verglichen mit Großkonzernen ist sein Forschungsbudget gering. Das Creditreform-Magazin hat sich umgehört, wann sich daher Kooperationen empfehlen, in welchen Bereichen sich prima gemeinsam forschen lässt, wer doch besser alleine tüftelt – und wie sich Innovationen schützen lassen.

Ob nach ein paar Bierchen der Kopf schmerzt, hat man selbst im Griff – ob der Magen rebelliert, allerdings nur bedingt. Schuld daran ist die Bernsteinsäure, ein Nebenprodukt der alkoholischen Gärung. Die Berliner Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei hat nun im Rahmen der industriellen Gemeinschaftsforschung ein Verfahren entwickelt, bei dem das Bier am Ende eine deutlich schwächere Bernsteinsäure-Konzentration enthält. Ein Forschungsergebnis, das sich nicht nur unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sehen lassen kann: 275 kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), die der Versuchsanstalt angeschlossen sind, profitieren nun wirtschaftlich davon.

Das Beispiel zeigt: Nicht nur die großen Konzerne können Forschung. Was diese betrifft, ist Deutschland führend in Europa. Laut einer PwC-Untersuchung haben die 45 deutschen Großunternehmen, die zu den 1.000 größten Firmen weltweit zählen, ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) 2014 erneut gesteigert – auf 55 Milliarden US-Dollar. Doch während bei den Großen die F&E-Budgets wachsen, stecken KMU im Dilemma: Sie müssen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, dürfen aber Weiterentwicklungen nicht verpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „F&E-Projekte sind in vielen Fällen zeitraubend und kostspielig“, sagt Peter Fey von der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner. Er weiß: „Zeit- und Kostenüberschreitungen sind an der Tagesordnung.“ Eine mögliche Ursache: Oft sind in KMU Projektleiter und Entwickler ein und dieselbe Person. „Ein guter Entwickler ist aber nicht immer auch ein guter Projektleiter“, so Fey.

© cunico/fotolia.com, owattaphotos/iStock, Plasmatreat, Peter Winandy

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Unter normalen Umständen biete sich die Option an, die F&E eigenverantwortlich zu betreiben, empfiehlt er. „Verfügt das Unternehmen aber nicht über das Know-how für bestimmte Technologien, ist es durchaus üblich, mit anderen Firmen, Instituten und Universitäten zusammenzuarbeiten.“ Allerdings nur, wenn es sich um eine temporäre Wissenslücke handelt, denn: „Je wichtiger das betreffende Wissen in Zukunft wird, desto wichtiger ist es, das Wissen mittelfristig intern zu integrieren – andernfalls verliert man den Anschluss an den Wettbewerb.“ Schließlich hat ein Betrieb nur bei Eigenentwicklungen unmittelbaren Zugriff auf das Know-how und Patente.

Mitstreiter suchen

Im ersten Schritt ist es trotzdem sinnvoll zu schauen, ob eine Universität oder ein Institut auf dem gleichen Gebiet unterwegs ist wie das eigene Unternehmen. Deutschlandweit sind schon mehr als 500 Cluster entstanden, in denen sich Institute und Unternehmen für Forschungsprojekte zusammenschließen – eine Suche unter www. clusterplattform.de verschafft schnell Orientierung. „Früher mussten Unternehmen bei jedem Institut eine eigene Anfrage stellen“, sagt Prof. Günther Schuh, Geschäftsführer der RWTH Aachen Campus GmbH. Heute entstehen an vielen Universitäten Cluster, in denen Forscher und Unternehmer eng zusammenarbeiten.

Speziell für KMU haben diese Cluster einen großen Vorteil: Die Industriepartner bringen das erforderliche Budget nun gemeinsam auf – das senkt die Einstiegshürde enorm. In Aachen beispielsweise gilt es noch zwei weitere Voraussetzungen zu erfüllen: Erstens „immatrikulieren“ sich die Unternehmen mit einem jährlich definierten Forschungsbetrag für einen Zeitraum von fünf Jahren. Und zweitens wird räumliche Präsenz auf dem Campus gefordert. „Da die aktive Mitarbeit der einzelnen KMU oftmals nur eine temporäre Anwesenheit erfordert, können sie sich als Gruppe zum Beispiel das Center-Bürooder die Hallenflächen teilen“, so Schuh.

Den Rahmen ihrer Zusammenarbeit stecken die Kooperationspartner gemeinsam ab, sodass die Unternehmen genau wissen, wie hoch ihr finanzieller Aufwand ausfällt. Im Regelfall kommen die Partner alle sechs Monate zu einem Immatrikuliertentreffen zusammen, bei dem die aktuellen Projektergebnisse diskutiert und die weitere Vorgehensweise festgelegt werden. Diese Ergebnisse stehen allen Beteiligten zur Verfügung – schließlich sollen Wissenschaft und Wirtschaft gleichberechtigt partizipieren.

© notkoo2008/fotolia.com, Creditreform-Magazin 04/2015

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Mehr Informationen zu den Spitzenclustern der deutschen Forschung finden Sie unter creditreformmagazin.de/spitzencluster

Wenn es um eine anwendungsbezogene F&E geht, an deren Ende eine konkrete und vor allem individuelle Lösung stehen soll, hilft diese gemeinsame Forschung jedoch kaum weiter. Erst recht nicht, wenn mit der neuen oder verbesserten Technologie ein Wettbewerbsvorteil erzielt werden soll, weiß Christian Buske, geschäftsführender Gesellschafter bei Plasmatreat. Das Unternehmen aus Steinhagen ist spezialisiert auf Hightech-Verfahren zur Vorbehandlung und Nanobeschichtung von Materialoberflächen – und setzt auf eine starke F&E-Abteilung im eigenen Haus. „Hochschulen sind willkommene F&E-Partner, doch sie decken nur einzelne Teilbereiche ab“, sagt Buske. Fachbereichsübergreifende Themen seien besser im eigenen Hause realisierbar. Bei Plasmatreat stehen Forschungsabteilung, Geschäftsführung, Konstruktion, Fertigung und Vertrieb in ständigem Kontakt miteinander, was „einen schnellen und unkomplizierten Gedanken- und Erfahrungsaustausch bei den Produktentwicklungen“ ermöglicht.

Plasmatreat wendet insgesamt zwölf Prozent seines Umsatzes für F&E auf und hält 90 Patente. Die Hälfte der 180 Mitarbeiter starken Belegschaft sind Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker. „Durch intensive Forschung und Entwicklung erschließen wir ständig neue Anwendungsfelder – das bringt uns Wachstum in neuen Industrien“, so Buske. So zum Beispiel mit einer Beschichtungstechnik, die Basis für einen besseren Korrosionsschutz in der Automobiltechnik ist. Dank Plasmaplus haften auf der Oberfläche Klebstoffe oder Lacke deutlich besser als bei anderen Vorbehandlungstechniken – eine Entwicklung, die den Ostwestfalen unter anderem den Industriepreis der Initiative Mittelstand eingebracht hat. Längst integriert ein Global Player der Automobilzulieferbranche Plasmaplus in seine Fertigungslinie.

Forschen im Auftrag der Kunden

Die starke F&E-Abteilung im Haus mache das Unternehmen rasch handlungsfähig. „Wir sind flexibler und können schneller auf Kundenwünsche eingehen“, sagt Biochemiker Daniel Hasse. „Kunden kommen mit dem Wunsch nach einer Lösung ihrer Werkstoffoberflächenprobleme persönlich zu uns ins Labor.“ Die mitgebrachte Probe wird vor Ort getestet, auch Parametermessungen können sofort durchgeführt werden. „Der Auftraggeber sieht das Ergebnis live vor seinen Augen, das ist von enormer Bedeutung“, so Hasse. Die Abteilung sei ausgelastet, ein Outsourcen der F&E-Abteilung für Plasmatreat nicht sinnvoll.

Allerdings: Mangelt es an Kapital und Fachpersonal, stellt sich die Frage nach eigenverantwortlicher F&E für Firmen gar nicht. Ihnen bleibt nur die Suche nach Partnern. Kein Problem, wenn es um Grundlagenforschung geht, dann lässt sich auch mit Mitbewerbern gemeinsame Sache machen. Wie zum Beispiel unter dem Dachverband der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF), zu der sich 50.000 Betriebe in 100 Vereinigungen zusammengeschlossen haben. „Bei dieser vorwettbewerblichen Forschung finden sich Anbieter einer Branche oder eines Technologiefeldes zusammen, um gemeinsam Forschung anzustoßen, von deren Ergebnissen alle gleichermaßen profitieren können“, erklärt AiF-Präsidentin Yvonne Karmann-Proppert. „Der Wettbewerb ist hier vorübergehend ausgesetzt und beginnt erst nach Abschluss der Forschung wieder, wenn jedes Unternehmen für sich versucht, das Beste aus den Ergebnissen zu machen.“ So wie zum Beispiel beim eingangs beschriebenen Bierforschungsprojekt.

Die Rechte und Pflichten und auch die Kosten einer Mitgliedschaft sind in den einzelnen Vereinigungen unterschiedlich. Die Mitgliedsbeiträge seien in der Regel nach der Größe der Unternehmen gestaffelt „und für das einzelne Mitglied sehr moderat gewählt“, verspricht Karmann-Proppert. Alle Unternehmen bringen ihren eigenen Forschungsbedarf ein und entscheiden mit, was innerhalb der Vereinigung erforscht werden soll. In der Regel geht es dabei um Grundlagen für die Entwicklung neuer Produkte oder Verfahren. Sie sind zwar anwendungsorientiert und sollen auf die konkreten Bedürfnisse der Unternehmen reagieren – aber bis zum individuellen Produkt sind noch manche Entwicklungsschritte und Investitionen der beteiligten Firmen im Anschluss notwendig. „Diese gehen die beteiligten Firmen wieder allein“, sagt die AiF-Präsidentin.

Ein Problem – gemeinsame Forschung

Wie diese Zweckgemeinschaft funktioniert, zeigt ein weiteres Beispiel aus dem Lebensmittelbereich. Dabei geht es um den Fettreif auf Schokoladenerzeugnissen. Ein weißlicher Belag aus kleinen Fettkristallen, die sich auf der Oberfläche absetzen. Gesundheitlich völlig unbedenklich, aber dennoch ein optischer Makel. Grund genug also für die Industrievereinigung für Lebensmitteltechnologie und Verpackung (IVLV), diesem Ärgernis zu Leibe zu rücken. „Auch wenn Hersteller ihre Überziehungsanlagen unter optimalen Bedingungen fahren, kommt es doch immer wieder zu Qualitätseinbußen durch Fettreif“, sagt Wolfgang Danzl, Projektverantwortlicher bei der IVLV. Gemeinsam analysierten die Unternehmen daher ihre jeweiligen Herstellungsprozesse und fanden heraus: Beim Überziehen ist es üblich, überschüssige Schokoladenmasse in den Prozess zurückzuführen. Durch diesen Rücklauf aber können sich kritische Fettkomponenten aus den Kernprodukten in der Überzugsschokolade anreichern und deren Kristallisationseigenschaften verändern – das fördert das Entstehen von Fettreif. Diese gemeinsam gewonnenen Erkenntnisse können die teilnehmenden Hersteller nun nutzen, um ihre Produktionsprozesse zu optimieren – jeder für sich, versteht sich.

 

Torsten Bettinger © Torsten Bettinger

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Rechtsanwalt Torsten Bettinger von der Sozietät Bettinger Scheffelt Kobiako von Gamm in München über die Sollbruchstellen des kooperativen Forschens.

Welche zentralen Punkte gehören in einen F&E-Vertrag?

Zunächst würde ich die Aufgaben aller Partner detailliert beschreiben, ebenso die Abnahme von Ergebnissen sowie die Rechteregelung, Kostenaufteilung und natürlich die Vertraulichkeit. Vor allem die Rechteregelung und die Kostenfrage sind unterschiedlich zu handhaben – je nachdem, ob es sich um eine Kooperation oder um eine Auftragsforschung handelt. Bei Auftragsforschungsverträgen zwischen Unternehmen und öffentlichen Universitäten und Forschungsinstituten ist besonders wichtig, dass Sie bei eventuellen Lizenzeinräumungen an das beauftragende Unternehmen eine korrekte und ausgeglichene Gegenleistung vereinbaren. Sonst wird schnell der Vorwurf unerlaubter Beihilfe aus öffentlichen Mitteln an das Unternehmen laut.

Wie lässt sich denn festlegen, wer später die Rechte an dem Entwicklungsergebnis bekommt?

Der F&E-Vertrag sollte eine Rechteregelung enthalten, die bestehende Schutzrechte (Altschutzrechte) und neue anmeldefähige Erfindungen (Einzel- und Gemeinschaftserfindungen) umfasst und dem Arbeitnehmererfindergesetz genügt. Bei Kooperationen sind gegenseitige Lizenzeinräumungen denkbar, wenn die Partner gemeinsam Entwicklungsergebnisse erreichen oder getrennt zum Ergebnis beitragen. Bei einer Auftragsforschung wird der Auftraggeber eine umfassende Übertragung oder exklusive Lizenzierung der entstehenden Schutz- und Urheberrechte anstreben.

Und wie gelangt ein Kostenplan in den Vertrag?

Bei Kooperationen tragen die Partner Entwicklungskosten oft selbst. Bei der Einräumung von Lizenzrechten am Entwicklungsergebnis lässt sich eine Ausgleichszahlung in Form einer Pauschale oder einer Lizenzgebühr vereinbaren, falls die Beiträge und die Lizenzeinräumungen nicht als ausgeglichen oder gleichwertig angesehen werden. Die Regelung der Kosten ist vor allem bei Auftragsentwicklungen wichtig. Der Auftraggeber wird großes Interesse daran haben, einen Festpreis für ein bestimmtes Entwicklungsergebnis und die Rechteübertragung und -lizenzierung zu vereinbaren. Denkbar ist auch Vergütung nach Aufwand – „Time and Material“.

 

 

Wo gibt es Fördermittel für Forschung und Entwicklung?
• Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) bieten eine ganze Palette an Förderprogrammen und Maßnahmen. Erste Recherchen unter www.foerderdatenbank.de
• Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) ist das Basisprogramm des BMWi für die marktorientierte Technologieförderung des breiten Mittelstands. Betriebe sollen so bei der Umsetzung von Innovationsvorhaben und der Finanzierung der dazu notwendigen Spitzenforschung unterstützt werden. www.zim-bmwi.de/kooperationsprojekte
• Das Programm „Horizont 2020“ der Europäischen Union (Laufzeit 2014 bis 2020) hat zum Ziel, Wissenschaft, technologische Entwicklungen und Innovationen zu fördern. Es wurde dafür angelegt, die Lücke zwischen Forschung und Markt zu schließen. Explizit soll auch die Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen gefördert werden. Bei marktnahen Forschungsprojekten werden bis zu 70 Prozent der tatsächlichen Kosten erstattet. Es gibt dabei Förderlinien, die ausschließlich KMU vorbehalten sind. Zu beachten ist bei dieser Art von Projekten allerdings, dass im Zusammenhang mit der Beantragung der Mittel Vorlaufzeiten von bis zu einem Jahr nicht ungewöhnlich sind. www.horizont2020.de