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Lamy-Geschäftsleitung: Thomas Trapp, Beate Oblau, Peter Utsch

Weniger ist mehr. Lamy-Geschäfts­führerin Beate Oblau nimmt dieses Credo ernst. Sie setzt auf Design, Qualität und eine behutsame Wachstumsstrategie. Der Heidelberger Schreibgerätehersteller hat sich so einen Weltruf erarbeitet.

 

Schweres, rhythmisches Stampfen erfüllt die Fabrik des Schreibgeräteherstellers. Fast sekündlich, wie ein Pulsschlag, lässt es den Boden vibrieren. „Das Herz von Lamy“, sagt Ingenieur Tim Haseldiek. „Unsere neuen Auszubildenden lassen wir immer raten, wo es schlägt.“ Im Obergeschoss wird klar: Es ist eine Stanzmaschine. Sie frisst Edelstahl von großen Bandrollen, an manchen Tagen auch Gold. In immergleichem Takt und mehr als 20 Schritten formt der Automat aus plattem Metall eine Feder – die künftige Spitze eines Füllhalters. Der Verschnitt wird sorgsam eingesammelt, gerade an goldenen Tagen.

„Wir sind verliebt in den Füllhalter und glauben unvermindert an seinen Reiz für den Nutzer.“

Beate Oblau, Geschäftsführerin Lamy

C. Josef Lamy, deutscher Schreibgerätehersteller von Weltrang, fertigt ausschließlich am Standort Heidelberg – Luftlinie 5,5 Kilometer vom Schloss entfernt. Jede Feder bekommt genau hier eine winzige Iridiumkugel an die Spitze geschweißt, ein Laser schießt einen zwei Hundertstel Millimeter feinen Kapillarspalt hinein, dann wirbelt das feine Metallstück zur Politur in einem Mehl aus Walnussschalen. 45.000 Federn am Tag werden so hergestellt. Schüler in Tokio, Oberstudienräte in München und Künstler in New York lassen sie später mit Tinte über das Papier gleiten. Das Familienunternehmen liefert neun Millionen Schreibgeräte im Jahr aus, in vielen steckt Handarbeit. Das Qualitätsversprechen: Jeder einzelne Füllhalter wird ausprobiert, bevor er in den Verkauf kommt.

„Ich wäre erstaunt gewesen, hätte man uns nicht gefragt.“

Beate Oblau, Geschäftsführerin Lamy

Entwicklung, Werkzeugbau, Spritzgießerei, Tintenmischung, Labor, Logistik: Alles erfolgt in Eigenregie. „Unsere Fertigungstiefe liegt bei 96 Prozent“, sagt Beate Oblau. Die elegante Frau ist seit 27 Jahren im Unternehmen, seit Sommer 2018 als Mitglied der Geschäftsführung. Im Showroom blickt die 60-Jährige mit Stolz auf viele Designklassiker. „Not just a pen“ – der Slogan bringt es auf den Punkt: Lamy verkauft ein Lebensgefühl, die Lust am Analog-Haptischen und die Überzeugung, dass man sich auf wirklich wichtige Dinge konzentrieren sollte. „Wenn wir etwas Neues machen, dann machen wir das mit unserer Haltung oder wir machen es nicht“, sagt Beate Oblau. „Wir sind verliebt in den Füllhalter und glauben unvermindert an seinen Reiz und seine Inspiration für den Nutzer.“

 

Lamy setzt auf raffinierte Mechanik

„Kuli“ oder „Stift“ sind hier Schimpfworte. „Schreibgeräte“ muss es heißen. Die Frage, ob der hübsche Taschenkugelschreiber Lamy pico, der sich auf Druck verlängert, nicht „Spielerei“ sei, versetzt Oblau in Empörung: „Hier ist nichts Spielerei.“ Sie zeigt einen schweren Dialog-3-Füllhalter, der von demselben Designer stammt, und verweist auf die raffinierte Drehmechanik, das Kugelventil, den patentierten Hubmechnismus für die Einhandbedienung, kurz: die Verquickung von Funktionalität und Formgebung.

Oblau fühlt sich als Hüterin der Traditionsmarke Lamy den Werten des Bauhaus verpflichtet. Intelligentes Produktdesign geht stets von der Funktion aus, befriedigt keine Eitelkeiten. Lamy lebt von Understatement, bietet leisen Luxus. Im Innovationsprozess hält Oblau als oberste Produktentwicklerin die Fäden in der Hand. Top-Designer wie Franco Clivio, Mario Bellini oder Naoto Fukasawa, mit denen sie kooperiert, wissen: Die Marke Lamy geht vor. „Gestaltungsvorgaben ergeben sich aus der Preislage, die wir anstreben“, sagt sie. Um die Machbarkeit im Blick zu behalten, müssen die Kreativen nicht nur eine geschnitzte Form als Muster abgeben, sondern viel Materialkenntnis mitbringen. Etwa: „Wie dünn kann ich einen bestimmten Kunststoff spitzen?“ Das funktioniere nur mit einem bestimmten Typus Designer, der enge Leitplanken vertrage. „Was bei uns entsteht, ist immer eine Teamleistung.“

 

Ideen von Mitarbeitern

Flache Hierarchien und eine Kultur der Offenheit sollen inspirieren. 3,3 Verbesserungsvorschläge pro Jahr bringt jeder der 350 Mitarbeiter ein. Die individuelle Belohnung ist zwar überschaubar: Es gibt fünf Euro für jede umgesetzte Idee. Doch das spiegelt die Denkweise: „Wir sind eine demokratische Marke“, sagt Oblau. Kein Lippenbekenntnis, es hat gravierende Auswirkungen für den Umgang mit Mitarbeitern, Distributoren und Kunden. Es soll verantwortungsvoll zugehen, nachhaltig und fair.

„Lamy soll erschwinglich sein für alle“, so die Prämisse.
Nur rund 14 Euro kostet ein Lamy-Schreibgerät im Durchschnitt. Der Lernfüller Lamy abc mit hölzernem Korpus ist für 13,50 Euro zu haben, der Klassiker Lamy 2000, der seit 1966 fast unverändert gebaut wird, kostet 190 Euro. „Wir würden nie einen Premiumaufschlag für die Marke kassieren. Der Erfolg des Verkaufs steht nicht im Vordergrund“, sagt Oblau. Sie spricht Großes gelassen aus: „Wir arbeiten nicht gewinnmaximierend.“
Ein stattlicher Nachsteuergewinn, der laut Bundesanzeiger im Jahr 2017 bei 37 Millionen Euro lag, bleibt trotz aller Bescheidenheit hängen. In diesem Jahr sank der Umsatz von damals 131 Millionen Euro auf 125 Millionen Euro. Das leichte Schrumpfen des Geschäftsvolumens habe zum Konsolidierungsplan gehört. Die Umsatzrentablilität sei dabei aber stabil geblieben, sagt Oblau.

 

Schreibgerätehersteller mit Mut zur Reduktion

Es hat mit dem Mut zur Reduktion zu tun, dass die langjährige Marketingleiterin Oblau in die Geschäftsführung aufstieg. Sie führt Lamy in einem gleichberechtigten Trio mit Vertriebschef Thomas Trapp und Peter Utsch, zuständig für das Kaufmännische sowie Fertigung und Logistik. Der Führungswechsel 2018 kam überraschend. Als Grund für die Trennung vom langjährigen Chef Bernhard Rösner wurden knapp strategische Differenzen genannt. Zu schnelles Wachstum, so hört man, könnte eine Rolle gespielt haben.

Die Alleininhaber Vera und Markus Lamy, die dritte Generation der Familie, holten keinen Außenstehenden, sondern beförderten die drei leitenden Mitarbeiter, die operativ für ihre Bereiche verantwortlich bleiben. „Ich wäre erstaunt gewesen, hätte man uns nicht gefragt“, sagt Oblau offen. „Wir drei sind total unterschiedlich, verstehen und kennen uns gut.“ Jeder passe vom Typus perfekt zu seiner Aufgabe.

„Man wollte hier ins Unternehmen einen Moment der Ruhe reinbringen“, erklärt Oblau. Zurück zu den Wurzeln: Nachhaltiges Wachstum, Qualität über alles. So wurde etwa in der Spritzgießerei vom Dreischichtbetrieb auf zwei Schichten zurückgefahren. „Das Personal ist unser wichtigstes Kapital. Wir wollen die Leute schonen.“ Wenn sie in der Mittagspause Kollegen entdeckt, die sich auf der begrünten Dachterrasse neben den Skulpturen hinlegen, dann freut sie das. „Manche Mitarbeiter schlafen hier oben“, sagt sie. „Finde ich toll.“

 

Lamy-Geschäftsführerin: Von Natur aus neugierig

Die Frau mit den wachen braunen Augen beschreibt sich als „vom Naturell neugierig“ und „sehr bestimmend“. Läuft aber etwas schief, nimmt sie es auch auf sich. Mit 57 Jahren machte sie den Motorrad-Führerschein. „Mich macht das lebendig, Motorradfahren fördert meine Achtsamkeit.“ Mit ihrer roten Ducati Scrambler cruist sie mit ihrem Partner „als Schönwetterfahrerin“ durch die Pfalz oder den Kraichgau. Etwas Yoga zum Ausgleich, ansonsten gelte: „Meine Freizeit ist mein Beruf.“ In der Kantine bespricht sie mit Isabel Bohny, zuständig für das internationale Marketing, die anstehende Reise nach Mumbai – die Vorfreude auf die „Familie dort“ ist zu spüren. Gerade in Asien wächst Lamy weit überdurch­schnittlich, obwohl ein verzollter Füllfederhalter dort oft ein Vielfaches kostet. „Die Kulturtechnik der Handschrift wird in Ländern wie China oder Japan hoch bewertet“, sagt Oblau.

Der südkoreanische Konzern Samsung kam auf Lamy zu – mit der Bitte, einen smarten Stift für Tablet-Displays zu entwerfen. „Sie haben ganz gezielt uns gefragt, weil wir in Asien Marktführer für ergonomisches Schreiben sind und als Lifestyle-Marke gelten.“ Der Smartpen existiert nun als Abwandlung des Klassikers Lamy Safari für 34 Euro, allerdings vorerst nur in Südkorea.

Oblau macht sich lieber Notizen auf Papier, türmt Gedanken zu kleinen Zettelhaufen. Sie schwört auf die Kreativkraft der Achse Kopf-Hand. Oblau erinnert an die Schulzeit: „Die besten Spickzettel waren die, die man gar nicht mehr brauchte, weil der Stoff schon nach dem Hinschreiben saß.“ Die Digitalisierung? Bereitet Oblau keine Sorgen. „Unser Kerngeschäft, das analoge Schreiben, bleibt.

Präzision aus Heidelberg – die Lamy-Geschichte

Carl Josef Lamy, 1898 im Schwarzwald geboren, lernt den US-Füllerpionier Kenneth Parker kennen und wird Exportleiter in Europa. 1930 gründet er sein eigenes Unternehmen: die „Orthos Füllfederhalterfabrik C. Josef Lamy Heidelberg“. 1939 beginnt der Spritzguss, ab 1949 produziert Lamy auch Kugelschreiber, 25 Patente meldet der Gründer an. Sein Sohn Manfred Lamy, ein Anhänger des Bauhaus, steigt 1962 ein und trimmt das Unternehmen streng auf sachlich-funktionales Design. Ein Klassiker entsteht 1966 mit dem Lamy 2000: ein Füllhalter auf Makrolon-Basis, laut damaliger Werbung „für Männer, die viel unterschreiben“. Das Design entwickelt der Braun-Gestalter Gerd A. Müller. Der 1980 auf den Markt gebrachte Safari mit markantem Bügelclip wird zum meistverkauften Füllhalter weltweit. Von 2006 bis Mitte 2018 führt Bernhard Rösner die Geschäfte, seitdem sind Beate Oblau, Thomas Trapp und Peter Utsch verantwortlich. Manfred Lamys Kinder Vera und Markus gehören als Alleineigentümer dem Beirat an.

 

Lamy in Zahlen

Mitarbeiter: 350
Umsatz: 125 Mio. Euro (2018)
Auslandsanteil: 50 Prozent
Umsatzanteil Tintenpatronen und Minen: 18 Prozent
Jahresproduktion: 9 Millionen Schreibgeräte in 250 Varianten
Fertigungstiefe: 96 Prozent