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Diskretes Schreddern als Geschäft: Mit einem ungewöhnlichen Kooperationsmodell dominiert Reisswolf den deutschen Markt für Aktenvernichtung.

Die Mitarbeiter hielten es für eine modische Flause: Vor einem Jahr ließ sich Thomas Sander einen Bart wachsen. Es habe im Büro schon irritierte Blicke gegeben, sagt der ansonsten stets glatt rasierte Chef des Aktenvernichters Reisswolf Deutschland. Die wahren Hintergründe ließ Sander im Dunkeln. Für die RTL-Serie „Undercover Boss“ bereitete sich der Manager heimlich auf eine Tätigkeit als Praktikant vor – im eigenen Unternehmen. Eine Woche lang wuchtete Sander Aktencontainer in die Reisswolf-Laster und kurvte mit dem Gabelstapler durch die Werkhallen. Auch den Hof musste er fegen. Gefärbter Bart, Brille und zurückgegeltes Haar hatten aus ihm einen anderen Menschen gemacht: den Arbeitslosen Ralf Lange, der eine neue Chance sucht.

Das wohlwollende Urteil eines Kollegen über den vermeintlichen Neuling: „Da müssen wir noch sehr viel üben.“ Mit dem oft schweißtreibenden Einsatz holte Sander nach, was heute für neue Büromitarbeiter bei Reisswolf Pflicht ist: eine Woche schuften vor Ort. „Als ich 2002 zum Unternehmen kam, gab es die Regel noch nicht“, sagt Sander. Die Arbeit an der Basis brachte wichtige Erkenntnisse: „Ich verstehe die Mitarbeiter dort besser, fordere sie zu Verbesserungsvorschlägen auf.“

Seit 2009 leitet Wirtschaftsingenieur Sander die Zentrale des deutschen Pioniers in Sachen Schreddern. Ob Papier, Diskette oder Festplatte – die mächtigen Maschinen kriegen alles klein. Das Zerstören als Geschäftsidee hat sich bezahlt gemacht. Mit dem Firmenmotto „Secret Service“ ist Reisswolf auf seinem Spezialgebiet seit 25 Jahren Marktführer im deutschsprachigen Raum. Eine ungewöhnliche Firmenstruktur hat sich dabei als Triebfeder für das Wachstum erwiesen.

Auf dem Weg zum Schredder: Unzählige Akten werden bei Reisswolf zerkleinert. © Reisswolf

Auf dem Weg zum Schredder: Unzählige Akten werden bei Reisswolf zerkleinert. © Reisswolf

Insgesamt 17 Standorte zählt Reisswolf auf dem Heimatmarkt. Sie werden jedoch nicht von der Hamburger Zentrale kontrolliert – im Gegenteil. Die lokalen Einheiten arbeiten autonom als unabhängige Gesellschaften und halten an der Reisswolf Deutschland GmbH einen jeweils gleich großen Anteil. „Wir sind hier eine Non-Profit-Gesellschaft“, sagt Sander. Deren Aufgaben: die Kommunikation nach innen und außen, das Qualitätsmanagement sowie die Akquise und Betreuung von überregionalen Kunden.

Gemeinsam einigen sich die regionalen Unternehmer auch auf Standards und Strategien. Besteht da nicht die Gefahr, dass die Befindlichkeiten Einzelner die Gesamtveranstaltung lähmen? Im Gegenteil, sagt Sander. Das Kooperationsmodell funktioniere ganz ausgezeichnet. Zudem könnten Innovationen, etwa bei Containerverschlüssen oder Maschinen, gleich an mehreren Standorten getestet werden.

Neue Verordnung, neue Geschäftsidee

Tatsächlich ist der rasche Aufstieg von Reisswolf vor allem der ungewöhnlichen Organisationsform geschuldet. Es war Mitte der 1980er-Jahre, als der Unternehmer Volker Henning mit Reisswolf ein neues Geschäft in Angriff nahm – inspiriert von verschärften Datenschutzrichtlinien. So trat der als Entsorger für Altpapier und Gewerbeabfälle tätige Hamburger auch als Aktenvernichter an – mit dem Versprechen, für besondere Sicherheit zu sorgen. „Das Geschäft lief gut“, erinnert sich Henning. „Aber als Einzelkämpfer ist es nicht leicht.“ Um in Deutschland rasch flächendeckend präsent zu sein, bot Henning lokalen Entsorgern die Zusammenarbeit unter dem markanten Reisswolf-Logo an – ein stilisierter Wolfskopf mit gezacktem Maul. Schon im ersten Geschäftsjahr 1986 waren vier Partner dabei. Ein weiterer Vorteil der breiten Präsenz: „Für überregionale Auftraggeber ist es wichtig, überall die gleichen Leistungen und Qualitätsstandards garantiert zu bekommen.“ Erst 1989 folgte die Gründung der Reisswolf Deutschland, bei der neben Sander noch sechs Beschäftigte arbeiten.

Der Aufbau des Geschäfts hat den mittelständischen Verbund zusammengeschweißt, ist der Deutschland-Geschäftsführer überzeugt. Zumal die hohe Zahl regionaler Kunden wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg der einzelnen Gesellschaften sei. „Wir sind nicht von den Großen abhängig.“ Auch die Kontinuität bestätigt das Prinzip des harmonischen Miteinanders. „Seit meinem Einstieg bei Reisswolf hat es keinen Wechsel bei den Partnern gegeben“, so der 41-Jährige.

EXPANSION OHNE GRENZEN

Nur sechs Jahre brauchte Reisswolf, um von Hamburg aus in Deutschland eine flächendeckende Präsenz aufzubauen. 1992 war es geschafft. Schon ein Jahr zuvor startete das Auslandsgeschäft mit dem ersten Standort in Luxemburg. Seit 1997 steuert mit der Reisswolf International AG eine eigene Gesellschaft das Geschäft jenseits der deutschen Grenzen. Im Gegensatz zum hiesigen Kooperationsmodell ist dies per Franchising organisiert. Vor allem Unternehmen, die schon in der Recycling- oder Sicherheitsbranche aktiv sind, nutzen die Chance. 68 Gesellschaften sind in 27 Ländern mit Schwerpunkt Europa aktiv. Es gibt sogar Anbieter in Kuwait und Saudi-Arabien.

Um rund 5.000 regionale Kunden kümmert sich die Hamburger Keimzelle von Reisswolf. In einem Gewerbegebiet des Stadtteils Hammerbrook steht die Gewerbehalle, die täglich von Dutzenden Lkws angesteuert wird. Thomas Sander spricht von Produktion, wo es um Zerstörung bis zur Unkenntlichkeit geht. Tatsächlich hat Reisswolf am Ende auch eine Ware zu bieten – die zu eckigen Ballen zusammengedrückten Schnipsel gehen an Fabriken, die daraus zum Beispiel Kopierpapier und Toilettenrollen herstellen.

In der Halle kippen Mitarbeiter den Inhalt der gelieferten Alucontainer auf Transportbänder, die direkt zum Schredder führen. Bis zuletzt gilt höchste Diskretion. Die Behälter stehen schon verschlossen in den Büros der Kunden und werden erst kurz vor dem Entleeren entriegelt. Auch Großbanken und staatliche Organisationen entledigen sich bei Reisswolf ihrer Altakten.

Neuer Geschäftszweig: die Archivierung von Dokumenten © Reisswolf

Neuer Geschäftszweig: die Archivierung von Dokumenten © Reisswolf

Im Schnitt 2.000 Tonnen Papier pro Monat verarbeitet der Hamburger Standort. Stoßzeit ist der Januar. „Dann enden Aufbewahrungsfristen und Unternehmen leeren ihre Archive“, sagt Vertriebsleiter Karsten Schröder. Seine Arbeitskleidung – Corporate Identity in Reinform. Gleich drei Mal findet sich das Reisswolf- Logo auf seiner blauen Arbeitsjacke.

Schröder muss auch dafür sorgen, dass die Maschinen reibungslos laufen. Nachlässige Kunden machen ihm dabei schon mal das Leben schwer. Auf der Fensterbank im Tagungsraum des Werksgebäudes liegen die Beweisstücke, sauber aufgereiht. Teils backsteingroße Metallteile, die in den Sammelbehältern landeten – und die unentdeckt in die Klingen der Schredder gelangten und diese teils schwer beschädigten. „Einmal waren sogar Alufelgen in den Pappkartons“, sagt Schröder. Ein andermal versteckten sich darin alte Bonbons – die durch die Hitze in der Maschine karamellisierten. „Die Anlage war komplett verklebt.“

Schreddern unter Sicherheitsauflagen

Knapp 65 Millionen Euro Umsatz machen die Reisswolf-Unternehmen insgesamt in Deutschland mit 450 Mitarbeitern. Damit sieht man sich als Marktführer vor dem härtesten Widersacher Rhenus, der jüngst Recall, zuvor die Nummer drei auf dem hiesigen Markt, schluckte. „Danach kommen viele kleine Anbieter, die Aktenvernichtung nebenbei ausführen“, sagt Sander. „Immer wieder leider nicht mit der nötigen Qualität.“ Reisswolf dokumentiert seine Standards mit einer Reihe von Zertifikaten.

Solide einstellig war das Wachstum zuletzt. Die Digitalisierung habe sich nicht als Gefahr erwiesen – im Gegenteil. Das Zerkleinern von Datenträgern aller Art hat ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Zwar würden Onlineformulare zunehmend die ausgedruckte Variante ersetzen, auch Endlospapier sei in den Büros aus der Mode gekommen. „Dafür hat heute jeder am Arbeitsplatz einen Drucker, den er auch häufig nutzt“, sagt Sander. „Das gleicht den Rückgang beim Papierverbrauch aus.“ Dennoch ist Reisswolf weiter auf der Suche nach neuen Märkten. So hat das Unternehmen einen Archivdienst aufgebaut. Zudem werden externe Datenschutzbeauftragte vermittelt. „Wir wollen nun auch den Weg zu den Privatkunden finden“, nennt Sander das nächste Ziel. Ab 35 Euro können sie Unterlagen diskret vernichten lassen. Im März geht es mit der Privatkunden-Aktion los: Eine Pkw-Ladung Akten schreddern viele Reisswolf-Standorte dann kostenlos.

Auf Marketing verzichtet man ansonsten weitgehend. Die Werbung ist auf die mit dem Firmenlogo versehenen Laster beschränkt. Reisswolf – das ist in Deutschland zum Synonym für Aktenvernichtung geworden. „Neue Kunden kommen vor allem auf Empfehlung.“ Ein weiterer wichtiger Treiber für das Geschäft: die Leichtsinnigkeit. „Es gibt in Unternehmen immer wieder haarsträubende Nachlässigkeiten im Umgang mit kritischen Daten“, sagt Sander. „Wenn ein Fall bekannt wird, zieht die Nachfrage sofort an.“

EINSATZ FÜR DEN NACHWUCHS

Wie gelingt der Generationswechsel? Bei Reisswolf stellt sich diese Frage gleich mehrfach. Die Kooperationspartner sind Familienbetriebe, die teilweise in zweiter oder dritter Generation geführt werden. Nicht nur in den einzelnen Unternehmen selbst soll die Übergabe reibungslos funktionieren. Wichtig für den Erfolg ist auch, dass die Geschäftsführer der regionalen Unternehmen bei Entscheidungen, die Reisswolf insgesamt betreffen, an einem Strang ziehen. Die Zentrale in Hamburg unterstützt hier frühzeitig. Die Kinder der Familienunternehmer, im Firmenjargon „die jungen Reisswölfe“, treffen sich mehrmals im Jahr zu gemeinsamen Aktivitäten – etwa für Betriebsbesichtigungen. Wichtig sei, dass sich die künftigen Chefs der unabhängigen Standorte früh kennenlernen. „Sie müssen später schließlich partnerschaftlich Entscheidungen treffen“, sagt Deutschland-Chef Thomas Sander.