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Kohlensäure, Farben, Styropor, Dämmstoffe: Es gibt kaum etwas, womit das Familienunternehmen Rhodius noch nicht Geld verdient hätte. Inzwischen ist man bei Mineralwasser und Schleifwerkzeugen gelandet – mit Erfolg. Jetzt wagt das heimatverbundene Unternehmen den Schritt nach China.

Burgbrohl. Über allem thront der weiße, herrschaftliche Bau mit großen Fenstern und Giebeln. Vom Seiteneingang führt eine Treppe hinunter in das, was aussieht wie eine kleine Ortschaft: Wege und Sträßchen zwängen sich durch das schmale Brohltal, führen tief in ein verwinkeltes Geflecht aus Werkstätten und Produktionshallen verschiedener Größen, Stile und Baujahre. Der Brohlbach trennt die Gebäudeansammlung, gequert von zwei Brücken. Auf der anderen Seite, in der Neustadt, liegt eine moderne, nach den Regeln der Effizienz erbaute Produktionshalle.

Das Gelände der Rhodius Schleifwerkzeuge GmbH & Co. KG spiegelt die Firmengeschichte wider. Das Unternehmen hat sein Gesicht mehr als einmal verändert. Unter seinem Namen wurden schon Malerfarbe und Kohleanzünder hergestellt, Kohlensäure und Vulkanstein gefördert und Verpackungsmaterial aus Styropor gefertigt. Heute füllt man Mineralwasser sowie andere Getränke ab und stellt Schleifscheiben her.

„Als ich hier anfing, gab es noch den ganzen Strauß an Sparten“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Gerald Lichter. Auch in der darüber angesiedelten Unternehmensgruppe Gebrüder Rhodius führt er die Geschäfte, gemeinsam mit Wolfgang Teichmann und dem Getränke- Chef Karl Tack. Den vor 188 Jahren gegründeten Familienbetrieb haben Lichter und Tack in den vergangenen zwei Jahrzehnten neu erfunden. Einige Sparten haben sie verkauft, andere komplett aufgegeben. Dabei war der Plan zunächst ein anderer. „Als wir Schwiegersöhne in den 1980ern ins Unternehmen eingestiegen sind, hatten wir vor, die Kooperation zwischen den zahlreichen Sparten zu fördern“, sagt Lichter. Doch schnell erkannten sie, dass sie Prioritäten setzen mussten. „Die Geschäftsfelder waren zu spezifisch und nicht erfolgreich.“ Die Familie entschied sich für eine Konzentration auf die aktuellen Geschäftsbereiche.

Viele Ideen führen zum Erfolg

Angefangen hat alles mit Farbpigmenten: Im Jahr 1827 kauften vier Rhodius-Brüder – Carl Christian, Friedrich Eduard, Engelbert und Christian – aus Linz am Rhein eine Kohlensäurequelle in Burgbrohl auf der anderen Rheinseite. Zwei Geschäftsmodelle hatten sie im Sinn: Zum einen ging es ihnen um die Produktion der Malerfarbe Bleiweiß. Dafür brauchten die Brüder Kohlensäure, die Rohstoffe konnten sie aus ihren Bergwerken beziehen, die sie seit einigen Jahren erfolgreich betrieben. Ihre andere Idee, die Herstellung von Mineralwasser, lief nur kurz an und floppte.

Dass sie damals eine Dynastie begründet hatten, konnten die vier Brüder nicht ahnen. Doch ihr Unternehmergeist vererbte sich. So war es Manfred Rhodius, Ur-Ur-Ur-Enkel von Christian Rhodius, der in den 1950er-Jahren etwas völlig Neues probierte: die Herstellung von Schleifscheiben. Eine Zeitungsannonce, die sein Vater Rudolph 1952 entdeckt hatte, brachte ihn auf die Spur. Ein Erfinder brauchte einen Investor für ein neues Verfahren zur Herstellung von Schleifscheiben. Rhodius meldete sich, er suchte nach neuen Geschäftsfeldern, weil abzusehen war, dass das Bleiweißgeschäft keine große Zukunft mehr haben würde. Eine mutige Entscheidung, die sich auszahlen sollte. Zwar kam er mit dem Ursprungsverfahren nicht ans Ziel, doch Manfred Rhodius experimentierte weiter, bis er marktreife Schleifscheiben herstellen konnte.

Dann half, wie so oft, der Zufall: 1957 traf der Junior in den USA Vertreter der Marke Pepsi-Cola – und zeigte seinen guten Riecher für lukrative Geschäftsideen. Die Firma besaß ja noch die Burgbrohler Kohlensäurequelle. Also erwarb der Unternehmer kurz entschlossen die Lizenzrechte für Abfüllung und Vertrieb der US-Cola im Konzessionsgebiet Koblenz. Vom Erfolg angetrieben, begann man in den 1970er sogar damit, das eigene Wassergeschäft wieder aufzubauen.

Konzentration auf das Wesentliche: Rhodius-Geschäftsführer Gerald Lichter strukturierte den Familienbetrieb komplett um. © Rhodius

Konzentration auf das Wesentliche: Rhodius-Geschäftsführer Gerald Lichter strukturierte den Familienbetrieb komplett um. © Rhodius

Damit war der Strauß, von dem Lichter heute spricht, zusammengestellt: Schließlich hatte Rhodius auch das Farben- und Lackgeschäft weiterentwickelt, Dämmmörtel und Wärmeschutzsysteme produziert und in den 1960er-Jahren eine Lizenz der BASF übernommen, um Styroporverpackungen herzustellen. Nicht alle Sparten waren erfolgreich. „Das hat bis zur Jahrtausendwende nicht immer Spaß gemacht“, sagt Lichter mit Blick auf die Restrukturierungen.

Heute ist Rhodius ein schlankes Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitern. Um auf die 130 Millionen Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2014 zu kommen, setzte die Familie auf externe Erfahrung: Rolf Hübner steht mit Tack der Getränkesparte vor. Mit Martin Davies ist ein Manager mit Konzernerfahrung gemeinsam mit Lichter Geschäftsführer bei den Schleifwerkzeugen. Der Erfolg zeichnet sich schnell ab: Für das letztgenannte Segment beziffert Rhodius die Umsatzsteigerungsraten auf rund sechs Prozent. Möglich wird dies dank des starken Exports, immerhin sind die Schleifwerkzeuge weltweit präsent. Mit einem globalen Marktanteil von fünf Prozent und zehn Prozent Anteil am Europamarkt generiert das Unternehmen 70 Prozent seines Umsatzes außerhalb Deutschlands.

In gewöhnlichen Baumärkten findet man Rhodius-Schleifscheiben allerdings eher nicht. Mindestens 95 Prozent werden an Profis aus dem Handwerk oder aus der Industrie verkauft. „Unsere Scheiben sind hochpreisig, aber dafür stimmt die Qualität“, sagt Lichter. Ein spezielles Verfahren schütze die Scheiben zudem vor Leistungsverlust durch Feuchtigkeit, ergänzt Davies. Ein großes Plus beim professionellen Einsatz. Um möglichst nah an den Käufern zu sein, hat der Mittelständler einen Kundenbeirat eingerichtet.

Ausflug in andere Welten

Darüber hinaus suchen Mitarbeiter im Vertrieb und in der Anwendungstechnik gezielt nach Problemen: So wurden sie darauf aufmerksam, dass es keine zufriedenstellende Möglichkeit gab, in einem Arbeitsgang Mauerschlitze zu fräsen. Rhodius machte daraufhin einen Ausflug in andere Welten und entwickelte eine eigene Mauerfräse mit der dazu passenden Diamantscheibe. „Wir versuchen, alle Ideen anzuhören und zu diskutieren. Egal, von wem sie kommen“, so Davies.

Ein Topprodukt – die Scheibe mit Durchblick – geht auf die Idee eines Mitarbeiters zurück. Als der daheim das Messer seines Rasenmähers schliff, nahm ihm die Schleifscheibe die Sicht. Immer wieder musste er absetzen und den Schliff überprüfen. In den nächsten Arbeitstagen entwickelte er eine Scheibe mit Aussparungen – durch die Rotation wirkt sie bei der Arbeit durchsichtig. Auch die nach eigenen Angaben dünnste Trennscheibe der Welt geht auf die Belegschaft zurück. Ein Kollege habe dem Entwicklungsleiter während der Schicht an der Werkbank salopp „Kannst du das auch dünner, Peter?“ zugerufen. Es stellte sich heraus, dass Peter konnte.

Damit diese lockere, kreative Arbeitskultur erhalten bleibt, hat Rhodius seine Mitarbeitersuche in den vergangenen zehn Jahren optimiert. Fachkompetenz ist dabei nicht das wichtigste Entscheidungskriterium. „Wir finden sowieso keine perfekt ausgebildeten Leute, dafür ist unsere Nische zu eng“, sagt Lichter. Stattdessen suche man lieber nach Personen, die gerne arbeiteten, sich einsetzten und zum Unternehmen passten. „Die Kandidaten müssen einen Blick für das ganze Unternehmen haben“, fordert Davies. Im Gegenzug sieht man sich in der Pflicht. „Wir haben in der Finanzkrise keinen Mitarbeiter entlassen“, sagt Lichter. Stattdessen wurde Kurzarbeit eingeführt und 18 Mitarbeitern eine Weiterbildung ermöglicht. So gewannen nach der Krise Unternehmen und Mitarbeiter gleichermaßen.

Profitieren vom Asien-Boom

Aktuell wagt das Unternehmen, das Vertriebsgesellschaften in Benelux, Frankreich, Spanien, Tschechien, Polen, Südkorea und Brasilien betreibt, den Schritt nach China. Eine Autostunde von Shanghai, in Pinghu, entsteht ein eigener Produktionsstandort. Die Technologie kommt jedoch nicht aus dem Brohltal. Vielmehr sollen die Schleifscheiben mit dortiger Technologie hergestellt und nach ISO und oSa zertifiziert werden. Wie ein kleines rheinisches Dorf wird der neue Standort also nicht aussehen – auch wenn er den Namen der vier Brüder, die einst in Burgbrohl eine Kohlensäurequelle kauften, trägt.

 

GUTES ARBEITSKLIMA

Allein die Rhodius Schleifwerkzeuge GmbH & Co. KG beschäftigt rund 260 Mitarbeiter. Sie stellen mehr als 400.000 Schrupp- und Trennscheiben her, das macht Burgbrohl zum größten Produktionsstandort in Europa. Damit bei der Arbeit zwischen Werkzeugmaschinen und Öfen, in denen die Scheiben gebrannt werden, nichts passiert, hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren mehr als eine halbe Million Euro in Arbeitssicherheit, Brandschutz und Umwelt investiert. Auch die Mitarbeiterführung hat sich das Unternehmen auf die Fahnen geschrieben: Rhodius bietet Lebensarbeitszeitkonten an, unterstützt mit dem Programm „Rhodius Happy Family“ die Kinderbetreuung und hat Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen. Darüber hinaus finden monatliche Mitarbeitergespräche statt, in denen beide Seiten Erwartungen und Sorgen formulieren können. Auch Betriebsfeste im Sommer, zu Weihnachten und zu Karneval gehören in den Firmenkalender.