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Gesundheit, Motivation, Mitarbeiterbindung – mit nachhaltigem Gesundheitsmanagement können Firmen nicht nur ihr Image als Arbeitgeber verbessern, sondern langfristig auch sparen.

Fahrstuhl? Nein, danke! Bei der Neumüller Unternehmensgruppe überlegen sich die rund 300 Mitarbeiter ganz genau, ob sie die bequeme Variante wählen oder doch lieber die Treppen laufen, denn: „Im Frühjahr haben wir den Gesundheitspass eingeführt“, erzählt Personalleiter Jens Kuppert. Jeder Mitarbeiter des Ingenieur- und Personaldienstleisters kann Punkte sammeln – etwa fürs Treppensteigen – und diese in Prämien umwandeln. „Wellnessgutscheine, der Eintritt für das Thermalbad oder Sachpreise wie etwa eine Saftpresse“, zählt Kuppert als Belohnungen auf. Kleinigkeiten – doch kommen sie bei den Mitarbeitern gut an. „Genauso wie die kostenlosen Getränke und der gratis Obstkorb oder die Teilnahme an Firmenläufen, die unser Arbeitgeber anbietet.“ Veranstaltungen wie etwa Kurse zur Raucherentwöhnung oder Beratungen zur gesunden Ernährung runden die Gesundheitsofferten der Nürnberger ab, die für ihr Engagement mit dem Corporate Health Award Mittelstand 2013 ausgezeichnet wurden.

Strategie statt einzelne Aktionen

Allerdings: „Nur wenn alle Maßnahmen aufeinander abgestimmt sind und sich gegenseitig verstärken, wirkt die Gesundheitsstrategie einer Firma nachhaltig“, sagt Carsten Gräf, stellvertretender Leiter des Bereichs Gesundheitsmanagement der Team Gesundheit GmbH, Essen. Die Tochtergesellschaft der BKK Verbände berät seit mehr als 15 Jahren in Sachen Gesundheitsförderung. Gräfs Erfahrung zeigt: „Einzelne Maßnahmen bringen langfristig keine Vorteile – weder für die Mitarbeiter noch für das Unternehmen.“

Die Motive, aus denen Betriebe sich für das Wohlbefinden ihrer Belegschaft interessieren, sind unterschiedlich: Die einen wollen Mitarbeiter motivieren und halten. „Außerdem merken wir in den Bewerbungsgesprächen zunehmend, dass die Soft Skills bei den Kandidaten stark ins Gewicht fallen, wenn es darum geht, sich für eine Position bei uns oder beim Wettbewerber zu entscheiden“, so Kuppert. Sein Resümee: „Das Gesundheitsmanagement trägt dazu bei, unser Image als Arbeitgeber zu verbessern.“

Andere Unternehmen wollen auf diesem Weg den Krankenstand senken. So auch die HPT Hochwertige Pharmatechnik GmbH & Co. KG aus Neuhaus am Rennweg. „Wir arbeiten im Vier-Schicht-Betrieb und teilweise unter Reinraumbedingungen – diese Arbeitskonditionen beanspruchen den Körper besonders stark“, sagt Personalleiterin Nicole Habedank. Den rund 240 Mitarbeitern des Thüringer Kunststoffspezialisten stehen pro Jahr sieben oder acht Angebote im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements zur Verfügung, etwa um ihren Wissensstand in puncto Stressreduktion aufzupolieren. Ein Fitnessraum und kostenlose Massagen werden ihnen ebenso offeriert wie vierteljährlich wechselnde Kursangebote und Vorträge zu Themen wie Abnehmen oder gesundes Einkaufen. Der Erfolg: „Die durchschnittliche Krankheitsdauer ist rückläufig und die Fluktuation unter den Mitarbeitern liegt bei rund einem Prozent“, so Habedank.

Umfassendes Projekt

So wie jedes andere Projekt benötigt auch die Einführung eines strategischen Gesundheitsmanagements eine umfangreiche Planung. „Zudem ist es wichtig, die Entscheidungsträger daran zu beteiligen“, sagt Experte Gräf. „Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, die Maßnahmen tatsächlich umzusetzen.“ Hinzu kommt, dass ein ausreichend großes Budget zur Verfügung gestellt werden sollte. Schließlich müssen Ausrüstungen beschafft, externe Trainer oder Coaches entlohnt und in einigen Fällen auch Kursräume angemietet werden. Um ihre finanzielle Belastung zu reduzieren, können Arbeitgeber für viele Offerten die Unterstützung der Krankenkassen anfordern. Oder sie zapfen ein Förderprogramm an. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise steht ihnen im Rahmen der „Potenzialberatung“ ein 50-prozentiger Zuschuss zur Verfügung. Er wird gewährt, wenn Firmen mithilfe eines Beraters einen individuellen Maßnahmenkatalog aufstellen und realisieren wollen. Daneben benötigen Arbeitgeber vor allem eines: langen Atem. „Mindestens drei Jahre dauert es, bevor sich nachhaltige Veränderungen aufgrund der Gesundheitsstrategie einstellen“, so Gräf. Doch die Ausdauer wird belohnt, wie der BKK Dachverband ausrechnete: Jeder Euro, der in Präventionsmaßnahmen investiert wird, bringt mittelfristig in Sachen Fehlzeitenreduzierung und Produktivität drei bis zehn Euro ein.

Bis dahin darf das Unternehmen aber keinesfalls sklavisch an den einmal eingeführten Angeboten festhalten. Um die Mitarbeiter kontinuierlich zum Mitmachen zu bewegen, sollten regelmäßig neue und gerade im Trend liegende Kurse aufgenommen und weniger gut besuchte Veranstaltungen dafür gestrichen werden. Neumüller-Personalleiter Kuppert geht noch einen Schritt weiter. In Kooperation mit Wissenschaftlern versucht er herauszufinden, welchen Weg das betriebliche Gesundheitsmanagement in einigen Jahren gehen wird: „So wie wir neue Arbeitsmodelle einführen, werden wir künftig auch neue Präventions- und Gesundheitsmaßnahmen anbieten müssen, um die Mitarbeiter zu motivieren – da ist Kreativität gefragt.“

 

Mit sechs Schritten kommen Unternehmen ihrem Ziel, eine gesunde Arbeitsatmosphäre zu schaffen, näher:

1. Arbeitskreis bilden. Der Betriebsarzt, der Arbeitsschutzbeauftragte, die Personalabteilung und der Betriebsrat gehören auf jeden Fall zum Gremium. Die Leitung sollte ein Entscheidungsträger im Unternehmen übernehmen, damit sich Maßnahmen auch tatsächlich umsetzen lassen. Außerdem empfehlenswert: Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen einbeziehen.

2. Ist-Analyse. Viele aktuelle Werte lassen sich aus der Personalverwaltung ableiten, zum Beispiel der Krankenstand oder die Höhe der Fluktuation. Wer insbesondere den weichen Faktoren wie etwa Motivation oder Zufriedenheit auf den Grund gehen will, sollte zuvor eine Mitarbeiterbefragung durchführen.

3. Ziele festlegen. Die Ziele des betrieblichen Gesundheitsmanagements müssen mit den betrieblichen Zielen übereinstimmen. Dabei kann sowohl auf harte Kriterien (Fluktuation, Unfallhäufigkeit, Fehlzeiten, Produktivität, Qualität) als auch auf weiche Kriterien (Mitarbeiterzufriedenheit, Motivation, Betriebsklima) abgestellt werden.

4. Zwischenziele benennen. Das betriebliche Gesundheitsmanagement zeigt erst nach drei oder mehr Jahren nachhaltige Wirkungen. Um kontinuierlich zum Mitmachen zu motivieren, sollten kurzfristige Zwischenziele definiert und messbar gemacht werden. Zum Beispiel: Senkung der Arbeitsunfälle durch Sofortmaßnahmen oder Anbieten eines gesunden Pausensnacks.

5. Maßnahmen entwickeln und realisieren. Die einzelnen Aktionen orientieren sich strikt an den gesetzten Zielen.

6. Ergebnisse messen. Die Entwicklung der Zielgrößen ist zu erfassen und an die Mitarbeiter zu kommunizieren. Ebenfalls wichtig: Die Teilnehmerzahlen für einzelne Aktionen festhalten und regelmäßig nach neuen, interessanten Offerten suchen.