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© Andreas Schwarz/Lunge (2); Lunge; Jens Büttner/lmv /picture alliance

Die Brüder Lunge fertigen ein Niedrigpreisprodukt im Hochlohnland Deutschland: Laufschuhe. Nicht zuletzt dank Made in Germany bestehen sie in einem umkämpften Markt.

 

Boah“, denkt Ulf Lunge, als er auf dem Dorfhügel steht, mit der winzigen Annonce in der Hand. „Hier ist echt die Zeit stehengeblieben.“ Unten in der Senke: ein monströser Kuhstall von 1915, drei Geschosse hoch, 120 Meter lang, akut einsturzgefährdet. „Und dann zieht dieser Geruch aus der Senke hoch, so rott.

Sensationell.“ In diesem Moment, wo andere Reißaus nehmen würden, beginn es zu kribbeln beim Laufschuh-Händler aus Hamburg. Ein eilig herbeigeholter Statiker aus der Hansestadt hebt den Daumen. „Alles Gold, Ulf. Von der Substanz her ist das top.“

Ein Backstein-Schatz wie in der Hamburger Speicherstadt, sogar mit Türmchen drauf. Ulf Lunges jüngerer Bruder Lars nickt, das Ding ist geritzt: Für 20.000 Euro kaufen die Geschwister der Treuhand einen 6.600-Quadratmeter-Kuhstall ab – in 19273 Düssin.

Doch wofür überhaupt? Die beiden hochgewachsenen Brüder, beide Marathon-Männer, gucken sich an. Es gibt zwei Versionen der Story. „Eigentlich sollte es ein reines Immobilien-Investment sein im Mai 2005, zur Altersvorsorge“, sagt der 58-jährige Ulf. Andererseits: „Wir wollten schon immer mit einem selbst konzipierten Laufschuh angreifen“, sagt der 53-jährige Lars. „Lass ihn uns bauen. In diesem Stall.

Dieser Einheitsbrei der Lieferanten, den wir täglich in unseren Läden verkaufen müssen, ist doch unerträglich.“ Der Entschluss reift: Ein Laufschuh aus Deutschland, gegen den Billig-Trend, in kompromissloser Qualität, ohne Marketingschnickschnack. Nach dem Motto: Läufer wissen, was Läufer brauchen.

 

Laufen ohne Schmerzen

So kam es. „Wir bauen seit über zehn Jahren ein Niedrigpreisprodukt in einem Hochlohnland im Premiumsegment“, sagt Ulf Lunge. Klingt verrückt, das sei es auch. „Würde ich so nicht wieder machen“, sagt er. „Wir sind da ein bisschen blauäugig rangegangen“, sagt auch Lars.

Wie der perfekte Schuh am Ende beschaffen sein müsste, das hätten sie nachts im Schlaf herbeten können. Nur wie man produktionstechnisch dort ankommt, davon hatten sie wenig Ahnung. Vom Fachhändler zum Hersteller – es braucht Jahre, das ist Stress, wie sich zeigen sollte.

Wer heute in Köln in ein Laufsport-Fachgeschäft geht und nach Lunge fragt, wird behandelt, als habe man Simsalabim gesagt. „Selbstverständlich führen wir Lunge“, und vorbei an der riesigen Wand mit den bekannt-bunten Marken von Adidas über Brooks und Asics wird man verschwörerisch-zielgerichtet auf zwei unscheinbare Modelle geführt.

Wenig Wahl, aber das Beste, was man hier kaufen könne. 220 Euro das Paar. Lunge ist High End: Vegan, wiederbesohlbar, durchdacht von der physiologischen Funktion her, schlicht im Design.

„Da stecken unsere 40 Jahre Erfahrung als Läufer drin“, sagt Ulf Lunge. „Wer Schmerzen hat beim Laufen, landet früher oder später bei uns.“ Teure Werbung oder Vertriebsaußendienstler spart man sich, Empfehlungsmarketing genügt. „Bei uns spricht das Produkt für sich“, sagt Lunge.

„Achsengerechte Beinbelastung“ ist sein Mantra. Hätte er nicht selbst 1976 dieses Stechen im Knie gehabt, würde es wohl heute keine Lunge-Schuhe geben. „Ich wollte voll keulen, jeden Tag 20 Kilometer auf mehr oder weniger ungedämpften Tretern.“ Der Orthopäde riet ihm, die Fuß-Innenseite anzuheben, Lunge improvisierte mit Taschentüchern und lief weiter.

 

Erste Sportgeschäfte in Hamburg

In der Hamburger Läuferszene hatte der Enthusiast vom LAV Nord schnell einen Namen. Als Schüler mit 18 Jahren vertickte er schon Laufschuhe. „Als ich 1979 meinen ersten Laden aufmachte, auf 28 Quadratmetern in Rahlstedt, waren meine Schulkameraden schon etwas verwundert.“

Später fing er parallel ein BWL-Studium an – und knickte es. Er wollte Laufschuh-Händler werden, und zwar der beste. Lunges Läden wurden größer, Filialen entstanden in Berlin, in Sachen Videoanalyse auf dem Laufband war Lunge 1986 der Erste in Deutschland. Laufschuhkauf, das sei eine individuelle Sache. „Die größten Testsieger sind wertlos, wenn sie nicht zum Fuß passen.“

Nebenbei wurde Ulf Lunge 1983 Hamburger Meister im Marathon – Bestzeit 2:23,17 Stunden. „Damals wurde man mit so einer Zeit bloß 70. beim Berlin-Marathon, die Leistungsdichte war enorm, viele trainierten damals wie besessen.“ Seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Lars spannte er ins Geschäftliche ein, geschont haben sich die Brüder nie. „Wir sind samstags um sechs Uhr los zu Laufsport-Events mit Klappstand zum mobilen Schuhverkauf“, sagt Lars Lunge.

„Wir stammen aus einer hanseatischen Kaufmannsfamilie, unser Vater war Weinkaufmann bei der Coop.“ Man sah andere Händler im Bekanntenkreis, die Welt der 911er-Porsche-Fahrer gefiel. „Wir lieben die Freiheit, Dinge selbst zu entwickeln“, sagt Lars Lunge. „Ganz oder gar nicht“, ergänzt Bruder Ulf. „Bei Pfusch wurde unser Vater unheimlich wütend: Wenn du was machst, dann mach es ordentlich – oder lass es ganz sein.“

 

Riskante Investition

Die Prägung merkt man dem asketischen Bruderpaar bis heute an. Sie sind auf der Langstrecke zu Hause – auch als Unternehmer. Im mecklenburgischen Düssin, einem 200-Seelen-Dorf, 45 Autominuten von Hamburg entfernt, bauten sie die Schuhfertigung mit heute 30 Mitarbeitern auf. „Zunächst galt es, die Bausubstanz zu sichern, das Dach zu erneuern.“

Neben dem Spottpreis von 20.000 Euro steckten sie bis heute sieben Millionen Euro ins Gebäude und in Maschinen. Davon seien 2,5 Millionen über Fördergelder des Bundes und der EU geflossen, berichtet Ulf Lunge.

Generell sei es so: Ulf fungiere als Vordenker, der gelernte Feinmechaniker Lars bringe die Dinge detailversessen zu Ende. „Ich übergebe meist bei 80 Prozent“, sagt Ulf. „Die restlichen schweren 20 Prozent muss Lars dann ausbaden. Nach dem Motto: Komm, das machst du schon.“ Lars bestätigt lachend: „Ulf ist eher so Daniel Düsentrieb.“ Sie wirken wie ein Herz und eine Seele und spielen sich im Gespräch feixend die Bälle zu.

Gemeinsam hat das Brüderpaar die Anlaufschwierigkeiten gemeistert – beide haben ihr Erspartes bis zum Anschlag aufs Spiel gesetzt. „Rückblickend war es für Familienväter zu riskant“, sagt Ulf Lunge. Es ging gut. Wirtschaftlich schreibe man seit 2014 eine kleine schwarze Null – und insgesamt sei man über den Berg. 20.000 Paar Schuhe, eine „homöopathische Dosis im Schuhmarkt“, betrage die Jahresproduktion.

Als Hauptaufgabe steht jetzt das Hochfahren bevor: „Für 2020 nehmen wir uns die 30.000 vor.“ Damit das gelingt, haben sie zuletzt vor allem den Arbeitsprozess in der mehrgeschossigen Fabrik überprüft – ständig wird optimiert. „Den Zuschnitt von Sohlenmaterial und Stoffen stellen wir auf Messer um.“ Das Schneiden mit Laser und Wasserdruck habe sich nicht bewährt, die Maschinen werden umgerüstet. Alle Mitarbeiter kommen aus dem direkten Umland – ein eingespieltes Team ist wichtig. Auch ein gesundes Betriebsklima hilft.

 

Steigende Löhne

Das Thema Mindestlohn sei für den Betrieb nicht trivial, sagt Ulf Lunge. „Wir haben mit 5,50 Euro angefangen, heute verdient keiner unter zehn Euro.“ Die Stunde Arbeit koste teils das Zwanzigfache wie bei Mitbewerbern, die in Fernost fertigen lassen.

Während für Lunge die Löhne und Materialpreise massiv gestiegen sind, blieben die Ladenpreise in den ersten zehn Jahren konstant. Mehr gebe der Markt nicht her. „Ab 200 Euro für ein Paar Schuhe wird die Luft extrem dünn, 95 Prozent spielen sich darunter ab.“ Mit anderen Worten: Von 20 Interessenten würden 19 beim Blick aufs Preisschild abgeschreckt.

Bei der Frage nach konkreten Umsätzen oder Gewinnen bleibt man lieber unbestimmt. „Es ist nicht so, dass wir auf Öl gestoßen sind“, sagt Lars Lunge. Ein Grund für die Zurückhaltung sei auch die wachsame Konkurrenz. Fast keine der über 30 Laufschuhmarken auf dem deutschen Markt fertigt noch hier.

Der Gang nach Fernost? „Wir hatten in den 1980er-Jahren Erfahrungen gemacht mit einem Auftragsfertiger in Korea – aber was da ab der zweiten Lieferung aus dem Container purzelte, war schon überraschend. Von Mal zu Mal ließ die Qualität nach, sodass wir das Experiment abgebrochen haben“, sagt Lars Lunge.

 

Handverlesene Zulieferer

Made in Germany sei keinem Patriotismus-Gedanken geschuldet. „Wir finden hier einfach bei den handverlesenen Zulieferern die beste Qualität.“ Schnürbänder aus Nürnberg, Gummi aus Hameln, beste EVA-Schäume aus Weinheim. Die Maßgabe: „Wir greifen bei allem ins obere Regal – Sohle, Mittelsohle, Innensohle, Schaft und Montage, das ist unser moderner Fünfkampf“, sagt Ulf Lunge.

Sein Mittagessen hat er sich wie immer aus Hamburg mitgebracht – Ulf Lunge verputzt nebenbei Salat und Selbstgekochtes. „Ich esse nur Bio, das bereite ich morgens zu.“ Man gewinnt das Gefühl: Düssin kann ein kleines Paradies sein, ein stolzer Ort ist dieser Kuhstall.

Auf den Schuhkartons prangt der Turm, der dem Hamburger Michel ähnelt, in einer fetten Goldprägung. „Quality since 2008 from Düssin.“ Die harten Zeiten sind vorbei, jetzt steigen die Freiheitsgrade. „Wir sind bei keiner Bank im Druck, haben keine Investoren, sind nur uns selbst verpflichtet“, sagt Ulf Lunge. „Ein gutes Gefühl.“ In Hamburg läuft er täglich seine zehn Kilometer um die Alste

 

Mit langem Atem zur Edelmarke

Als Schüler gründet Ulf Lunge 1979 ein Geschäft für Laufschuhe in einem ehemaligen Tante-Emma-Laden. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Lars, gelernter Feinmechaniker, steigt ins Geschäft ein. Als leidenschaftliche Läufer machen sie sich einen Namen mit intensiver Beratung. 1986 starten sie die Laufstilanalyse mit VHS-Kameras. Heute betreiben sie drei Läden in Hamburg und einen in Berlin. 2005 kaufen sie einen ehemaligen LPG-Kuhstall in Düssin.

Nach der Sanierung starten sie dort 2008 mit der Produktion eigener Schuhe. Ein Schuh durchläuft 40 Fertigungsschritte, die Herstellung eines Paars dauert rund 2,5 Stunden. 30 Mitarbeiter sind in der Manufaktur tätig, 30 in den Läden. Von den 20.000 produzierten Schuhen im Jahr sind 70 Prozent Bequemschuhe zum Wandern, 30 Prozent Laufschuhe. Der mittlere Preis liegt bei 200 Euro.