Das Unternehmermagazin aus der Handelsblatt Media Group

Creditreform
Ard-Jen Spijkervet

© Leitz Acco

Bei grauen Aktenordnern denkt man an Leitz. Doch Ard-Jen Spijkervet will mehr. Der Leitz-Chef will die Traditionsmarke fit machen für die hybride Arbeitswelt – mit bunten Ergonomieprodukten.

 

Ard-Jen Spijkervet nimmt einen letzten Happen am heimischen Schreibtisch. Man hört den Leitz-Chef im Videocall schon scherzen, bevor er sich sichtbar macht. „Habe mir gerade etwas Warmes gemacht, das wollte ich kurz aufessen“, sagt er gut gelaunt aus dem Off. „So ist das heute, man verbindet alles miteinander.“

Spricht’s mit unverkennbar niederländischem Akzent – und lässt dann den unverpixelten Blick auf seine Schrankwand zu. Das Warten hat sich gelohnt: Wie bei einem Wimmelbild gibt es dort rasend viel zu entdecken. Ordner in allen Farben, Bücherstapel längs und quer, multiple Ablagesysteme, Boxen und zwei Lautsprecher in Aktenordner-Optik.

Sofort wird klar: Hier wird so gearbeitet, dass am Ende des Tages Bedarf ist für jene Produkte, die Leitz herstellt. Sammeln, Sortieren – oder Schreddern. Darauf gründet Spijkervets Tun und sein Geschäftsprinzip. Der Mann ist echt und unverstellt. Mit seinem Regal hat er ein analoges Gesamtkunstwerk geschaffen, zu dem er voll und ganz steht.

„Für andere wäre der Anblick vielleicht Stress“, sagt er. „Der Mensch lebt aber nicht im Showroom, er braucht Kram – privat und im Büro.“ Und um den Kram auffindbar zu verstauen, gibt es Marken wie Leitz. Spijkervet trimmt den Büro­artikelhersteller seit 18 Jahren zur Premiummarke, zuvor war er zwölf Jahre lang in der Tabakindustrie als Marketing- und Vertriebsmann unterwegs.

 

Leitz: Old Work trifft New Work

Als der Niederländer mit Büroartikeln loslegte, war Leitz, dessen schwäbische Wurzeln bis ins Jahr 1871 reichen, bereits vom schwedischen Konkurrenten Esselte geschluckt worden. Und es war nicht die letzte Übernahme in der sich permanent konsolidierenden Branche. 2017 griff der US-Konzern Acco Brands zu, ein globaler Gemischtwarenladen für Bürobedarf.

Nun ist Leitz – wenigstens indirekt – an der Wall Street zu kaufen. Unter dem Dach der börsennotierten Acco Brands tummeln sich mehr als 40 artverwandte Marken, darunter Rapid, Mead und Kensington, bekannt durch die Laptop-Kabelschlösser. Von den zwei Milliarden Dollar Umsatz, die Acco Brands im Jahr 2021 machte, stammten rund 300 Millionen aus Zentraleuropa.

„Wir haben also eine ordentliche Bedeutung innerhalb des Konstrukts Acco Brands“, sagt Spijkervet. Und in seinem Bereich spiele Deutschland eine „dominante Rolle“.

 

Büro ist, wo Leitz ist:
Egal ob im Unternehmen oder zu Hause. Leitz hat in der Corona-Zeit viele neue Produkte fürs Homeoffice entwickelt.

 

Spijkervet leitet aus Stuttgart die Geschäfte für Zentraleuropa. „Wir haben eine Industrie mitgestaltet, die in den letzten zehn Jahren einen ziemlichen Wandel hinter sich hat“, sagt er. Neue Arbeitsformen („New Work“), der Trend zu Homeoffice und Digitalisierung waren schon vor der Corona-Pandemie Themen, die ihn bewegten. Wie bekommt dieser Modernisierungsschub einem Unternehmen, das mit Wolkenmarmor-Aktenordnern fast als Sinnbild für „Old Work“ steht?

„Ganz prima“, sagt Spijkervet. Denn er hat beides im Blick: Old und New Work. Und er glaubt an den Spagat. „Alles rund um Papier dient uns noch immer gut. Aber wir bleiben nicht stehen, sondern wollen eine Workstyle Brand werden, die auch Ergonomieprodukte anbietet.“ Bunter, schicker, gesünder – so will Leitz bestehen in einer Welt, in der Arbeiten und Leben zusehends miteinander verschmelzen.

Alles über Bord werfen, das ist nicht Spijkervets Art. Er wirkt eher wie ein Sammler, dem ein großes Sortiment lieber ist als ein kleines. Insofern ist er seiner treuesten Kundschaft nicht unähnlich. „Über das papierlose Büro wird ja schon seit den 1980er-Jahren gesprochen“, sagt er betont gelassen. Und was kam raus? „Hier ist Papier noch ein ziemlich stabiles Element.“

Wie dehnbar ist die Marke Leitz?

Er erklärt sich das mit einem „gewissen Konservatismus“, wie er sagt. „Die Deutschen haben noch immer das Gefühl, dass Papier sicher ist. Wenn sie etwas aufbewahren möchten, dann tun sie das am liebsten auf Papier.“ Wer wegheften kann, ist klar im Vorteil. Dennoch: Zurücklehnen gilt nicht. Smartphones, Laptops und Cloud-Lösungen haben die Entwicklung zum Digitalen beschleunigt. „Wir können die Augen vor dem digitalen Wandel nicht verschließen“, sagt Spijkervet.

Schon 2010 habe er sich gefragt: „Wie dehnbar ist unsere Marke?“ Marktforschung gab ihm Rückenwind, sich auch in ganz neue Kategorien vorzuwagen: „92 Prozent hielten die Marke für glaubwürdig, auch im Digitalen“, sagt er. Versuche einer eigenen „Leitz-Cloud“ scheiterten allerdings an der übermächtigen Konkurrenz. Doch man merkte: Diversifizierung ist der Weg.

 

Ordner kommt von Ordnung

„Ordner, das kommt ja von Ordnung – übrigens ein sehr schönes Wort“, findet Spijkervet. „Ordnung bringt am Ende peace of mind.“ Leitz verkauft also keine Locher, Tacker und Schnellhefter, sondern im Grunde Seelenfrieden.

„Wir können die Marke Leitz überall hinbewegen, wo das Thema Ordnung ist. Egal, ob zu Hause oder im Büro, egal ob Papier, Dinge oder Dateien.“ Bei der Frage, was Leitz im Kern eigentlich sei, kam er zum Schluss: „Eigentlich ordnen und organisieren wir.“

Wer die Firmenchronik durchblättert, findet über eine Spanne von 100 Jahren nur vier bahnbrechende Produkte: 1892 der erste Locher, 1896 der weltberühmte Aktenordner, 1952 die Hängemappe namens Alpha, 1992 das erste Leitz-Heftgerät – bereits ein Nachzügler, was die eigentliche Innovation angeht.

Die Produkte wurden im Detail optimiert und sind auf Langlebigkeit konstruiert. „Qualität ist der beste Nachhaltigkeitsfaktor“, heißt es stolz in Stuttgart. Manche Produkte werden mit zehn Jahren Garantie versehen.

 

Milliarden mit Bürobedarf

Mit 500 Mitarbeitern in Zentraleuropa erzielt die Leitz Acco Brands GmbH mit Sitz in Stuttgart über 300 Millionen Euro Umsatz, davon den Großteil in Deutschland. Vom klassischen Ordnungsmaterial machen nach Unternehmensangaben Designprodukte etwa 40 Prozent aus – Tendenz steigend. Ergonomieprodukte steuern bereits ein Viertel des Umsatzes bei.

 

Leitz, Deutschlands größter Büroartikelhersteller, wurde 1998 an den Wettbewerber Esselte verkauft. 2017 ging Esselte samt Leitz in einem Private-Equity-Geschäft an Acco Brands mit Sitz in Chicago. In dem börsennotierten Konzern sind gut 40 Marken vereint.

 

In Europa produziert Acco Brands in zehn Fabriken, darunter in Schweden, Belgien, Polen und Tschechien. Der Niederländer Ard-Jen Spijkervet stieg 2004 bei Esselte als Markendirektor ein und führt das Zentraleuropageschäft seit 2012.

 

An hochwertigen Materialien will Leitz nicht sparen. Dennoch will die Marke den Kundenwunsch nach stetiger Erneuerung wecken – schließlich geht es um Kaufanreize. So wurde Design unter Spijkervets Führung immer mehr zum Thema.

Eine sogenannte „Wow“-Serie deutet es schon im Namen an: In greller Farbigkeit, die zuweilen an Textmarker erinnert, will man Trends über ganze Produktlinien reiten. Bis der Kunde sich sattgesehen hat am pinken Locher und lieber den grünen möchte – und das grüne Stapelmodul und den passenden Thermobecher gleich mit.

 

Ergonomieprodukte von Leitz

Es brauchte intern Überzeugungsarbeit, sagt Spijkervet, „dass wir uns von der alten Cashcow Aktenordner in Wolkenmarmor etwas lösen müssen, um bunt und begehrt zu werden“. Zum modischen Konzept kommt das Megathema Ergonomie, das gerade am Heimarbeitsplatz an Bedeutung gewinnt. Auch nach Ende der coronabedingten Homeoffice-Pflicht arbeitet ein Viertel der Arbeitnehmer in Deutschland weiterhin zu Hause, errechnete jüngst das Ifo-Institut.

„Da dockt die Marke Leitz wunderbar an mit Ergonomieprodukten“, sagt Spijkervet. Die Leitz-Kommunikation auf sozialen Kanälen ist längst angelangt bei Themen wie Allergien, Burnout und psychologischen Fragen bei Remote Work. Der Fokus auf Gesunderhaltung spiegelt sich im Produktportfolio, in dem Briefkörbe und Klemmbretter Gesellschaft von Sitzbällen, Fußstützen und Laptop-Erhöhungen bekommen.

Marketingprofi Spijkervet spricht sogar von einer „Work-Leitz-Balance“: Man solle sich wohlfühlen, wenn die Grenzen zwischen Kochen und Tackern verschwimmen. Nackenschmerzen seien da nur ein Bruchteil der Aufgabe. „Ergonomie verstehen wir nicht nur physisch. Wir wollen alle Störfaktoren in der Arbeitsumgebung wegnehmen.“

Vor allem die Luftreiniger ­fallen ihm da sofort ein. Leitz TruSens heißen sie, sind so groß wie ein Schirmständer und tragbar von Raum zu Raum. Der Kampf gegen Aerosole in der Pandemie sorgte für riesigen Bedarf. „Im Jahr 2021 waren wir die zweitgrößte Marke für Luftreiniger in Deutschland“, sagt Spijkervet – hinter Marktführer Philips.

 

Louis Leitz: Durchbruch mit einer Erfindung

Mit der Industrialisierung wuchs die Papierflut, Dokumente wurden in den Amtsstuben lange auf Nägel aufgespießt. Louis Leitz, gelernter Drechsler und Mechaniker, gründete 1871 die „Mechanische Werkstatt“ in Stuttgart-Feuerbach und tüftelte an Verbesserungen dieses Ablagesystems.

 

Den Durchbruch schaffte er mit dem 1893 entwickelten Umlegebügel samt Hebel. Beim 1896 entwickelten klassischen Leitz-Ordner wird die Mechanik in einen Einband genietet. Den nötigen Locher bekamen Kunden als Dreingabe zum Ordner. So hieß Lochen anfangs häufig auch Leitzen.

 

Vier Generationen lang blieb Leitz in Familienhand, bis das Unternehmen 1998 angesichts des zunehmenden Preiswettbewerbs an Esselte verkauft wurde. 2005 gelang eine Innovation, die Louis Leitz erfreut hätte: Der Hebel im Ordner lässt sich seitdem um 180 Grad umlegen – ein gewaltiger Vorteil beim Umsortieren von Blättern.

 

In der Corona-Zeit habe man rasch „Opportunitäten ergriffen“. Zum einen entstand struktureller Bedarf: „Laminiergeräte, Aktenvernichter – all das brauchte man nun doppelt: im Büro und zu Hause.“

Schnell zog Leitz daher die Entwicklung eines kompakten Homeoffice-Schredders vor. Eigentlich wollte man zunächst ein Großgerät auf den Markt bringen, doch die nun nötige Dezentralität sprach für mehr Tempo beim Kompaktgerät. „Wir haben mit Aktenvernichtern schon 30 Prozent Marktanteil und sind damit Nummer eins in Deutschland.“

2019 habe der Marktanteil erst zehn Prozent betragen. Den Schredder namens IQ bewirbt Leitz mit „deutscher Effizienz“, und leise sei er auch. Zum Renner wurden in der Pandemie auch Trennwände. „Unsere Kompetenz für Whiteboards haben wir rasch umgesetzt in Social-Distancing-Produkte“, sagt Spijkervet.

Die Wendigkeit hat sich ausgezahlt. Leitz sei mit zwei bis drei Prozent Umsatzwachstum stabil durch die Corona-Krise gekommen. Wettbewerber hätten dagegen „Einbußen von 20 bis 30 Prozent“ gehabt. Echte Konkurrenz nimmt der erfolgreiche Holländer ohnehin nicht wahr. „Hier und da sehen wir Wettbewerber mit einzelnen Spartenprodukten – aber nur bei uns bekommt man alles aus einem Haus.“